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Guido Meulenkamp gründet eigene Spedition

"Kämpfen lohnt sich immer"

Guido Meulenkamp, Meulenkamp Transporte Foto: Meulenkamp Transporte

Guido Meulenkamp musste viele Schicksalsschläge wegstecken. Doch er gibt nicht auf und gründet mit 50 Jahren Meulenkamp Transporte.

Wie viel Leid erträgt ein Mensch? Diese Frage stellt sich bei Guido Meulenkamps Leben durchaus. Der heutige Geschäftsführer der gleichnamigen Spedition mit Sitz in Rheine (Nordrhein-Westfalen) ist gerade einmal sechs Jahre alt, als er seinen Vater tot auffindet: Suizid mit 36 Jahren. Weil er zuvor der Liebling des Vaters war, mobben ihn die vier Halbgeschwister. Die Mutter fühlt sich überfordert und beschließt daraufhin, den Jungen in einem Kinderheim unterzubringen. „Eines Tages hat mich ohne Vorwarnung das Jugendamt von der Schule abgeholt, meine gepackten Koffer lagen im Auto“, erzählt der heute 50-Jährige im Gespräch mit trans aktuell.

Doch das Kinderheim ist voll. Meulenkamp landet daraufhin in einem geschlossenen Heim für schwer erziehbare Jugendliche: ein Albtraum. Keine Nähe, Fürsorge, Liebe. Dafür eine strenge Rangordnung unter den Jugendlichen und Schlägereien. Nach eineinhalb Jahren hält es der 15-Jährige dort nicht mehr aus und haut ab.

Als Jugendlicher zwei Jahre lang obdachlos

Er weiß nicht wohin und wird obdachlos. Zwei Jahre lang schläft er meist unter einer Brücke, schlägt sich irgendwie durch. Der Wendepunkt kommt, als er mit 17 Jahren seine Freundin kennenlernt. Meulenkamp zieht zu ihr und hat endlich wieder ein Dach über dem Kopf. Kurz darauf kommt Tochter Janine zur Welt und stellt das Leben der jungen Eltern auf den Kopf. „Ich wusste, jetzt muss ich Verantwortung übernehmen und mein Leben ändern.“ Meulenkamp macht eine Ausbildung zum Schlachter und Fleischer – und entdeckt nebenbei seine Passion für Lkw. In den Pausen setzt er sich oft in die Fahrzeuge auf dem Hof. Den Job als Fleischer gibt er nach der Ausbildung und einem Jahr als Geselle auf: „Diese Fließbandarbeit war nichts für mich.“

Stattdessen heuert er als Bulli-Fahrer an, kurz darauf fährt er für eine Spedition schon 7,5-Tonner. Der junge Mann hat Blut geleckt. Nach der durchstandenen Privatinsolvenz zahlt ihm das Arbeitsamt eine Umschulung zum Lkw-Fahrer. Meulenkamp ist im internationalen Fernverkehr unterwegs und fängt schließlich bei der Spedition an, die für 17 Jahre sein Arbeitgeber sein und ihn entscheidend prägen wird. „Ich war dort Mädchen für alles“, erklärt er.

Zwei Jobs sind zu viel

Nicht nur Lkw-Fahren, sondern auch Büro- und Hausmeistertätigkeiten gehören zu seinem Aufgabenfeld. Ein Job, der ihm viel abverlangt. Und dann kommt sogar noch ein zweiter hinzu: Seine Frau gründet einen Hausmeisterservice, bei dem er auch mit einsteigt. Meulenkamp steht um drei Uhr morgens auf und arbeitet bis elf Uhr am Abend. Das fordert einen hohen Tribut: seine Gesundheit.

Was jetzt kommt, beschreibt er nach der schwierigen Kindheit und Jugend als die zweite Pechsträhne seines Lebens. Wobei das Wort „Pechsträhne“ eigentlich zu harmlos ist. Denn Meulenkamp erleidet im Abstand von jeweils eineinhalb Jahren stressbedingt drei Schlaganfälle. Zum Glück bleiben keine Spätfolgen zurück. Die hinterlässt dafür eine andere Krankheit. In seinen Ohren wachsen Tumore, deren Flüssigkeit das Gewebe zerfrisst. Der Unternehmer muss daher alle zwei Jahre ins Krankenhaus, um sich operieren zu lassen.

Ein ständiger Tinnitus und ein verringertes Hörvermögen plagen ihn auch heute noch. Nachts trägt er Kopfhörer, um das Geräusch zu übertönen. Als die Tumore zum ersten Mal auftauchen, befindet er sich noch in seinem Hamsterrad der beiden Vollzeit-Jobs. „Vier Jahre lang habe ich deswegen Morphium genommen. Ich war abhängig davon“, gesteht er.

Neuanfang im Jahr 2016

Doch im Jahr 2016 eröffnet ihm seine Ärztin: Macht er so weiter, lebt er noch ein halbes Jahr. Mit dieser Diagnose beginnt für Meulenkamp der zweite Neuanfang seines Lebens. Er macht sechs Wochen lang eine Entziehungskur und begibt sich in psychologische Behandlung. Anschließend muss er sein Arbeitspensum reduzieren, doch sein Job lässt das nicht zu. Meulenkamp zieht daraufhin den endgültigen Schlussstrich: Im September 2017 kündigt er und lernt ungefähr zeitgleich seine jetzige Freundin kennen. Kurz darauf wird sie schwanger, und wie schon Jahrzehnte zuvor beendet ein Kind seinen Leidensweg.

Meulenkamp Transporte, Guido Meulenkamp Foto: Meulenkamp Transporte
Guido Meulenkamp (Mitte) mit seinem Sohn Pascal (2. von rechts), seiner Lebensgefährtin Sandra, deren Söhne Noah und Jaden und der gemeinsamen Tochter Lia Marie.

Trotz vieler Warnungen von Freunden und Bekannten gründet er seine eigene Spedition: Meulenkamp Transporte. „Die 17 Jahre bei meinem alten Arbeitgeber haben mir viel Schmerz und Leid verursacht, aber ich möchte diese Zeit nicht missen. Ich würde sonst nicht da stehen, wo ich heute stehe“, erklärt Meulenkamp. Mit dem Know-how aus dieser Zeit im Gepäck eröffnet er im März 2018 seine Firma. Auf die Büroräume mit dazugehörigem Hof stieß er per Ebay-Kleinanzeigen. „Da hatte ich mal Glück.“

Sechs Lkw und neun Mitarbeiter

Sechs Lkw und neun Mitarbeiter gehören zu Meulenkamp Transporte. Die sechs Fahrer zu finden, bereitete ihm keine Probleme. Weil er selbst noch gelegentlich fährt, hat er die entsprechenden Kontakte. Von seinem alten Arbeitgeber hat er keinen Fahrer übernommen. „Das hätte keinen Stil.“ Meulenkamp hat sich auf den Transport von Übersee-Containern spezialisiert, die die Fahrer an den Nord- und Ostseehäfen abladen. Wenig Kundenkontakt und kein Stress bei der Verladung: Auch deswegen falle die Fahrersuche leicht. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten, die vor allem mit der Finanzierung zu tun hatten, laufe die Firma mittlerweile. Wachsen soll sie nur bedingt: „15 Lkw – mehr nicht“, erklärt der Geschäftsführer. Er wolle keine Millionen verdienen, sondern nur, dass es seiner Familie und ihm gut gehe. Vollständig gesund ist Meulenkamp aber auch heute nicht.

Meulenkamp Transporte, Lkw Foto: Meulenkamp Transporte
Sechs Lkw gehören zu Meulenkamps Fuhrpark. Die Fahrer sind europaweit unterwegs.

Nicht nur die Kopfschmerzen und der Tinnitus plagen ihn. Im vergangenen Jahr litt er zudem an einer schweren Lungenentzündung, seine Kondition ist seitdem dahin. Ob er manchmal mit seinem Schicksal hadert? „Nein. Ich habe ja Medikamente, die mir helfen. Es gibt Menschen, denen es viel schlechter geht.“ Meulenkamp beißt sich eben durch. Wie er es sein ganzes Leben lang schon tut. Genau diese Botschaft will er auch an andere weitertragen: „Kämpfen lohnt sich immer.“

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