Fahrbericht Mercedes-Benz La Pick-up

X-Klasse-Urahn auf Strich-8-Basis

Mercedes-Benz La Pick-up Foto: Markus Bauer 14 Bilder

Die Pick-up-Geschichte im Hause Daimler reicht weit zurück. Schon 1972 war das Lastentier La Pick-up als umgebauter Strich 8 unterwegs. Eine Ausfahrt im Oldtimer.

Englischrot nennt sich der Original-Farbton, in dem der frisch restaurierte Strich 8 Mercedes, Baureihe W115, erstrahlt. Der Chrom ringsum glänzt wie am ersten Tag. Und auch ein Blick unter die Motorhaube zeigt: Dieser Wagen wurde mit viel Liebe zum Detail restauriert. Fast schon ehrfürchtig greift die Hand zum zarten Türgriff und öffnet ein Portal in die Vergangenheit. Kein Display, keine Schalterflut, schwarze Kunstledersitze, doch vor allem erst einmal keine Ahnung, wie sich der ehrwürdige 220D denn nun zum Leben erwecken lässt.

Startprozedur für Kenner

Ein Dreh am Schlüssel – schön nostalgisch und reduziert ohne jeglichen Wegfahrsperren-Chip oder Funkgedöns – aktiviert lediglich die Zündung. Wer La Pick-up, so der pragmatische Name des Lasters, starten will, muss zunächst den Vorglüh-Registerpilz ziehen. Nach zehn bis 15 Sekunden hat der Brennraum Temperatur. Jetzt zieht der Fahrer den Pilz weiter bis zum Anschlag. Sofort, völlig unbeeindruckt von den 46 Lenzen, die er bereits auf dem Buckel hat, nagelt der Vierzylinder mit Vorkammereinspritzung los. Die Anforderungen an die Laufruhe waren damals weniger streng. Man hört es und spürt es. Vor allem der Klang des OM 615 D 22 hat seinen Reiz und wirkt ziemlich kernig. Sanfte Vibrationen massieren das Kreuz, während die linke Hand am nächsten Register zieht. Mit einem Schnalzen entriegelt die Fußfeststellbremse. Vor der Fahrt wollen die Spiegel eingestellt werden. Mechanisch, versteht sich. Und nur von außen ohne Hebel, dafür direkt am Spiegelgehäuse. 

60 PS und keine Servolenkung

Dann kann es endlich losgehen. Der Automatikwählhebel gleitet in die Stellung D. Ohne Hast setzt sich La Pick-up in Bewegung. Zumindest auf ebener Straße geht dies auch mühelos von Statten. Die Mühe hat zunächst der Fahrer, der 1972 noch völlig ohne Servolenkung auskommen muss. Dank der zeitgenössischen Bereifung artet diese Übung aber nicht allzu sehr aus. Aber nicht auszudenken, welche Kräfte der Kollege X mit seinen 18-Zoll-Schlappen fordern würde. Bei höheren Geschwindigkeiten geradeaus wird die Lenkung dann etwas zu leichtgängig. Das Bisschen Spiel um die Mittellage geht aber in Ordnung, vor allem bei einer so alten Dame. Bergauf wird es dann zum ersten Mal hektisch für die vier Zylinder. Schließlich hat jeder rechnerisch nur 15 Pferde zu bieten. Das Drehmoment von 12,8 kg-m, Pardon, 126 Nm ist ebenfalls keine allzu große Hilfe. Dennoch schafft der Wagen gemächlich auch steilere Steigungen. Für großes Gelände ist der Pick-up ohnehin nicht gedacht. Das Chassis entspricht dem des regulären Strich 8, schon für sich ein Klassiker. Statt Kofferraum und Rückbank erstreckt sich hinter den Sitzen, die sich zugegeben nicht sehr weit nach hinten rücken lassen, eine 1,92 Meter lange Ladefläche. Immerhin gut 700 Kilogramm kann der Mercedes zuladen. Neben der Single-Cab war damals einen Doppelkabine zu haben. Auch hier fiel der Schnitt sehr pragmatisch: offene Ladefläche statt Kofferraum, dafür bleibt die Sitzbank erhalten. 

Ursprung in Argentinien

Die Idee des Strich-8-Pick-up ist in Argentinien entstanden. Nur wenige Exemplare haben überlebt. Daimler geht davon aus, dass in Deutschland nur noch drei bis vier Wagen fahrtüchtig sind. Dieser hier war zuletzt bei den Stuttgarter Straßenbahnen im Einsatz. Nun hat La Pick-up ihr Gnadenbrot bei Mercedes-Benz Vans gefunden. Dort hat das Testwagen-Team um Thomas Konzelmann das fahrende Museumsstück wieder mit viel Herzblut hergerichtet. Davon zeugen nicht nur der tadellose Lack und Innenraum, sondern auch die vielen Neuteile im Motorraum.

Hier geht's zum ersten Test des Nachfahren X 350 d.

Technische Daten:

Motor: OM 615
Zylinder: 4
Leistung: 65 PS SAE, 60 PS DIN bei 4.200/min
Drehmoment: 13,3 kg-m SAE, 12,8 kg-m DIN bei 2.400/min
Tankinhalt: 65 Liter
Verbrauch: 8,5 Liter pro 100 km
Vorderachse: Doppeltrapezaufhängung
Hinterachse: Pendelachse
Federn: Schraubenfedern mit zusätzlicher Gummidämpfung
Hydraulische Stoßdämpfer und Stabilisator an beiden Achsen
Leergewicht: 1.380 kg
Gesamtgewicht: 2.090 kg
L/B/H: 4.725/1.755/1.440 mm
Ladefläche L/B: 1.920/1.500 mm
Radstand: 2.750 mm

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