Erster Test Mercedes-Benz X 350 d Pick-up

Luxus-Lastentier endlich mit Sechszylinder

Mercedes-Benz X 350 d Test Foto: Markus Bauer 19 Bilder

Der X 350 d feiert Premiere. Mit dem V6-Diesel schlägt nun endlich ein echtes Mercedes-Herz im neuen Pick-up. Im ersten Test on- und offroad lässt er die Muskeln spielen.

Der Druck auf den Startknopf verrät sofort: Hier schlummert ein ganz anderes Tier als im X 250 d. Der Motor ist angesichts der versprochenen 258 PS erstaunlich leise, vor allem im Vergleich zum Prototypen, den die Daimler-Pressecrew bei der Vierzylinder-Präsentation im Herbst im Gepäck hatte. Im Vergleich zu damals steckt nun jede Menge Dämmmaterial im X, das den V6 auf Mercedes-Lautstärke herunterdimmt. Seine Kraft, nebenbei stemmt er auch noch 550 Newtonmeter auf alle vier Räder, bändigt Daimlers 7G-Tronic Automatikgetriebe. Damit beschleunigt er laut Werksangabe in 7,5 Sekunden auf Tempo 100. Bei 205 km/h ist Schluss. Die konsequente Dämmung und komfortbetonte Abstimmung der Kraftübertragung schüren jedoch im ersten Moment Zweifel an der angegebenen fast schon Sportwagen-artigen Beschleunigung. Dies ist aber ein rein subjektives Gefühl. Den nötigen Wumms hat der bewährte 350er. Er liefert ihn schlicht etwas sanfter, dafür aber mit Nachdruck aus. 

Mercedes-Tugenden: Leise und bequem

Schließlich darf ein Mercedes seine Insassen weder mit zu viel Lärm belästigen, noch ihnen beim Anfahren einen Tritt ins Kreuz versetzen. Daran ändern auch die diversen Fahrprogramme wenig. Im manuellen Programm lässt sich die Automatik per Schaltpaddles bedienen. Das ist zwar eine nette Spielerei, aber eigentlich macht die 7G-Tronic ihre Arbeit ziemlich gut. Der Sportmodus wirkt allerdings etwas deplatziert. Das mag an der fehlenden sportlichen Geräuschkulisse liegen, oder einfach an einer etwas zu hektischen Programmierung. Der X wirkt mit seinen gut zwei Tonnen in diesem Modus so, als ob ihm beinahe das Monokel herausfällt. Am besten gefällt er im Comfort- oder Eco-Modus. Dann arbeitet er wesentlich weniger nervös, wird dadurch aber nicht langsamer, sondern einfach nur harmonischer. Das soll aber wiederum nicht bedeuten, dass der Pick-up müde und schwerfällig ist.

Mercedes-Benz X-Klasse: Erste Testfahrt

Tadelloses Fahrverhalten

Schon nachdem sich der Fahrer an die Ausmaße des Wagens gewöhnt hat, also nach knapp zwei Kurven, fühlt sich der X an wie ein Pkw, und das alles andere als unsportlich. Hier kommt das grundsätzlich schraubengefederte Layout zum Tragen, das der Mercedes vom Nissan Navara geerbt hat. Auf dieser Basis haben die Mercedes-Ingenieure ein Fahrwerk entwickelt, das im Segment seines Gleichen sucht. Über Land zirkelt er präzise durch die Kurven. Wankbewegungen halten sich in Grenzen und anders als blattgefederte oder nutzfahrzeugartig abgestimmte Kollegen vermittelt er auch bei sehr optimistischer Fahrweise immer ein sicheres Gefühl hinterm Lenkrad. Dabei lässt er sich partout nicht aus der Ruhe bringen. Trotzdem ist er angenehm komfortabel unterwegs. Auch geradeaus, zum Beispiel auf der Autobahn, verhält sich der X tadellos und kann dank der Kraft der sechs Töpfe weit mehr als nur mit zu schwimmen.

Souveräner Offroad-Gefährte

Abseits der Straße macht der X 350 d eine ebenso gute Figur. Wie der Vierzylinder schon bewiesen hat, nimmt er es mit wahrscheinlich 95 Prozent der Herausforderungen im Gelände auf, die künftige Besitzer im Sinne haben könnten. Böse Zungen behaupten gar, er könne mit dem legendären G-Modell der Stuttgarter mithalten. Fakt ist: Dank der zusätzlichen Pferde bewältigt er den Geländeparcours nun noch souveräner. Dazu kommt eine kleine Offenbarung für Offroad-Freunde. Der Wechsel zwischen normaler Übersetzung und Geländeuntersetzung funktioniert „on the fly“. Dazu sollte der Fahrer weniger als 40 km/h schnell sein. Dann schiebt er den Automatikwählhebel in die Stellung N. Schon kann er per Drehschalter die Untersetzung 4L (low) aktivieren, ohne anzuhalten. Um wieder zurück auf 4H (high) zu wechseln, schaltet er abermals auf N und fährt langsamer als Tempo 70. Standardmäßig ist der X 350 d im Modus 4Mat unterwegs, hat also immer Vierradantrieb. 4Mat bedeutet, dass zwar die Kraft im Verhältnis 60 hinten zu 40 vorne verteilt wird, das mittlere Differenzial aber Schlupf zulässt. In der Stellung 4H sperrt der X das Differenzial. Der Wechsel zwischen 4Mat und 4H gelingt sogar ganz ohne Leerlauf. Speziell auf Schotterpisten macht sich die Sperre in Kurven mit einem leicht zu parierenden Hüftschwung bemerkbar. Dafür lässt sie den Pick-up auch dann über Hindernisse krabbeln, wenn ein Rad die Haftung verliert, oder ganz in der Luft hängt.

Kritik muss sein

Trotz allen Lobes gibt es auch den einen oder anderen Wunsch an die Entwicklungsabteilung. Die Testfahrten bei sommerlichen Bedingungen haben es gezeigt: Leder kann im Sommer ganz schön klebrig werden. Für die Modellpflege steht darum zumindest perforiertes Leder auf dem Wunschzettel – oder gleich die belüfteten Sitze aus dem Pkw-Regal.  

Mercedes-Benz X 350 d Test Foto: Markus Bauer

Dazu kommt, dass beim Sechsender Motor und Getriebe bekanntlich aus dem Daimlerschen Konzernregal und nicht von Nissan stammen. Leider schlägt sich das vor allem beim Getriebe optisch nicht im Innenraum nieder. Die Schaltkulisse wirkt ziemlich billig – Hartplastik und so gar kein Glamour. Die Rückwärtsgangsperre klappert ein wenig. Der Motor versteckt sich unter einer langweiligen Plastikplatte. Beim Topmodell dürfte er ruhig ein wenig hübscher verkleidet sein. Doch viel schwerer, im wahren Wortsinne, wiegt die Motorhaube. Die ist, das ist den Ausmaßen des X geschuldet, ziemlich groß und bringt entsprechend viel Material mit. Gleichzeitig muss sie ohne Federgestänge oder Gasdämpfer auskommen. Ein althergebrachter Stab stützt sie einmal aufgeklappt ab. Das funktioniert zwar ohne Frage, will dann aber doch nicht so ganz zum glänzend polierten Stern passen, der knapp darunter prangt. An der Heckklappe wiederum sorgt genau so ein Dämpfer dafür, dass sie nicht unkontrolliert nach unten knallt und zum Beispiel Kindern auf den Kopf fällt.  

Extras: Wo ist der Abstandstempomat?

Wenig zu meckern gibt es beim Zubehör und den Assistenzsystemen. Neben verschiedenen Hardtops, Stylebars und Abdeckungen für die Ladefläche bietet Daimler eine praktische Staubox an, die das nötigste Werkzeug sicher aufbewahrt. Auf der Habenseite stehen in puncto Sicherheit sieben Airbags, ein bremsender Kollisionswarner, LED-Lichter, Spurwächter, Anhänger-Schleuderschutz und Verkehrszeichenerkennung. Einen Abstandstempomaten sucht man aber leider vergeblich. Immerhin bewahrt die wunderbar hochauflösende Rundumkamera im Gelände und im engen Großstadtdschungel vor dem einen oder anderen Kratzer. 

Fazit: Endlich ein echter Mercedes

Im Großen und Ganzen war es das allerdings auch mit der Kritik. Die technische Basis von Nissan tritt mit dem 350 d noch weiter in den Hintergrund – umso heller strahlt der Stern. Was bleibt ist ein Premium-Nutzfahrzeug. Für die Pkw-Fraktion mag der X hier und da noch etwas zu viel Hartplastik mit sich herumtragen. Am Armaturenträger ist der Bruch zwischen der japanischen Basis und dem Mercedes-Makeup besonders deutlich zu sehen, wenn weichgeschäumte Lederoptik in Hartplastik übergeht. Doch in den Pick-up-Kernmärkten schert sich darum letztlich niemand. Denn solide und wertig ist das Interieur allemal. Preislich hält sich der Aufschlag mit mindestens 44.840 Euro netto im Vergleich zum V6-Amarok in Grenzen. Dafür fällt beim VW die Technik eine ganze Spur rustikaler aus.

Download Kompletten Test herunterladen (PDF, 1,04 MByte) Kostenlos
Technische Daten
Mercedes-Benz X 350 d
Aufbauart Pick-up
Außenlänge 5.340 mm
Außenhöhe 1.819 mm
Zul. Gesamtgewicht 3.250 kg
Leergewicht 2.249-2.389 kg
Kraftstoff Diesel
Tankinhalt 73 l
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