BusBlog zu Umfragen der Hersteller

Von Drei-Gänge-Menüs und nackten Füßen

Foto: Volvo Buses
Meinung

Immer wieder wagen sich Bushersteller ins Reich der Umfrageinstitute und konfrontieren Fahrgäste und Fahrer mit vielen Fragen. Wozu das Ganze und warum passiert damit nichts wirklich Sinnvolles?

Alle Jahre wieder ist im Budget der Marketingabteilungen der Hersteller noch etwas Geld frei, um ein Umfrageinstitut damit zu füttern. Dann schwirren die Befrager online und offline aus, um "den Passagier, das unbekannte Wesen" etwas näher zu durchleuchten. Zuweilen wird auch der Fahrer befragt – schließlich kennt der seinen Bus noch am besten.

So hat auch Volvo vor kurzem Buspassagiere befragt, allerdings erst nachdem die Schweden ihre neue Reisebusbaureihe entwickelt hatten. Was will uns dies sagen? Ist der Kunde zu dumm, um wertvolle Hinweise für die Fahrzeugentwicklung zu geben? Oder sind solche sporadischen Befragungen nur Alibiliveranstaltungen um Big Data zu produzieren? Dass 1.000 Fahrer neben den 6.000 Fahrgästen aus sechs Kernmärkten (diese mussten innerhalb der letzten drei Jahre einmal und mindesten eine Stunde Bus gefahren sein!) befragt wurden, fand nicht einmal in der Pressemeldung einen lesbaren Niederschlag.

Spitze Knie und nackte Füße sind mega-out

Was waren denn nun die erhellendsten Erkenntnisse aus der Befragung? Hören wir einmal in die Ergebnis-Pressemeldung live hinein: "Nach Auswertung aller Antworten können wir feststellen, dass Komfort, Sicherheit und angenehme Mitreisende die Schlüsselelemente sind, die bei einer Busreise für jeden Fahrgast ausschlaggebend sind und auch auf langen Strecken für ein positives Reiseerlebnis sorgen. Unter dem Strich bedeutet dies also: ein deutliches Ja zu WLAN und bequemen Sitzen, aber ein klares Nein zu spitzen Knien und nackten Füßen," sagt Niklas Orre, Vice President Strategy and Product Management der Volvo Bus Corporation. Ah ja, verstanden. Das klingt ja sehr nett und mitfühlend, nur was haben derartig allgemeine Befindlichkeiten mit der Entwicklung eines Busses zu tun? Und sind es nicht gerade die stabilen Volvo-Sitze, bei denen sich keine spitzen Knochen in den Rücken des Vordermanns drücken?

Was treibt der Passagier denn sonst noch auf seinem Sitz? "Besonders häufig genannt und äußerst beliebt sind folgende Aktivitäten: schlafen, miteinander reden, Filme oder Videos schauen und lesen. Daher überrascht es kaum, dass hoher Sitzkomfort und große Beinfreiheit zu den wichtigsten Grundvoraussetzungen für ein angenehmes Reiseerlebnis zählen." Oha, das ist neu! Geht es aber etwas detailreicher? Was zum Beispiel versteht der Reisende denn genau unter Sitzkomfort? Gehören dazu nach vorne schwenkende Sitzkissen? Fußrasten? Lordosenstützen wie im vorzeitig verblichenen Neoplan Starliner? Verschiebbare Kopfstützen? Wie muss ein Serviceset beschaffen sein? Hier ergäbe sich endlich einmal die Gelegenheit, abzufragen, welche der angebotenen Features überhaupt wahrgenommen werden. Aber still ruht der See der Daten.

Braucht es überhaupt noch VGA-19-Zoll-Monitore?

Ähnliches beim Thema WLAN und Infotainment. Klar – will jeder. Aber wie genau will er es nutzen? O-Ton Volvo: "Ganz oben auf der Wunschliste der Reisebus-Fahrgäste steht die Verfügbarkeit einer schnellen WLAN-Verbindung. Für dieses Serviceangebot sind insbesondere die jüngeren aber auch viele ältere Fahrgäste bereit, mehr zu bezahlen."

Eine solche Bereitschaft oder eine Berechnung für WLAN wäre mir im preissensiblen Fernbusgeschäft neu, zudem ist es eher ein Thema für die Betreiber, weniger für einen Hersteller. Spannend wäre es zu wissen, ob der Fahrgast überhaupt noch Wert legt auf den 19-Zoll Monitor im Bus, der zudem nicht mal im HD-Ready Format daherkommt – wobei zu Hause schon der 65-Zoll-Ultra-HD-Screen wartet. Und wie ist das Umfeld des Fahrgastes ausgerüstet, um sein eigenes Device (moderner Slogan "Bring your own Device", kurz: BYOD) zu nutzen? Braucht er nur USB-Anschlüsse oder auch 220 Volt-Stecker, sollte es ausgewachsene Halterungen für Tablets geben und so weiter. Ein weites Feld im Neuland, das es akribisch zu erkunden gälte.

Spanier und Franzosen speisen gerne fürstlich

Spannend oder unfreiwillig komisch sind dann noch ein paar Auffälligkeiten, die sich in der Befragung ergeben haben. Volvo: "Bei den vielen Umfragen und Interviews, die wir im Rahmen unserer Untersuchungen durchgeführt haben, hat sich gezeigt, dass die Ansichten und Meinungen der Fahrgäste in den einzelnen Ländern im Prinzip relativ ähnlich sind; doch natürlich gibt es auch ein paar Unterschiede." Aha! Die da wären?

"Auf intensive Essensgerüche würden 50 Prozent der Fahrgäste gern verzichten. Allerdings fällt auf, dass italienische Fahrgäste mit 25 Prozent eine deutlich höhere Toleranz zeigen. Schwedische Fahrgäste haben offenbar nur wenig Probleme damit, dass mitreisende Personen ihre Schuhe ausziehen. Ganz anders sieht es in den anderen Ländern des Kontinents aus, in denen ein solches Verhalten nur selten akzeptiert wird." Hm, wie wäre es also mit eingebauten Schuhschränkchen auf dem Gang oder in den Gepäckablagen? Im Ernst, wen interessiert sowas denn wirklich?

Und weiter: "Einige Fahrgäste schauen noch weniger auf die Kosten und äußern den Wunsch, sich während des Reiseverlaufs rundum verwöhnen zu lassen. Sie sprechen sich sogar für das Servieren eines Drei-Gänge-Menüs aus." Und jetzt raten sie mal, wer das ist! Spanier und Franzosen mit rund zehn Prozent jeweils – Bon Appetit! Alkoholika an Bord schätzen rund 14 Prozent der Deutschen, Briten und Schweden und 40 Prozent dieser Landsleute möchten auch gerne Snacks an Bord, dreimal mehr als im Süden Europas. So what? Diese Aussagen sind vielleicht noch für die Hersteller von Snackautomaten interessant, die bieten aber eh schon alles an, was man sich vorstellen kann.

Ist das Anschnallen schon zur "sozialen Norm" geworden?

Und dann wäre da noch die Sicherheit, das wichtigste Thema an Bord, möchte man meinen! "Das Thema Sicherheit wird durchgängig als sehr wichtig eingeschätzt und entsprechend hoch bewertet. 47 Prozent der Fahrgäste möchten bereits vor ihrer Reisebuchung Informationen zu den Sicherheitseinrichtungen des jeweiligen Busses erhalten, und 66 Prozent der Reisenden legen im Bus die Sicherheitsgurte an." Am höchsten ist der Anteil der Personen, die den Sicherheitsgurt nach eigener Aussage (!) benutzen in Schweden (83%), Frankreich (76%) und Spanien (73%). Deutschland rangiert mit 62 Prozent eher im Mittelfeld, liegt aber noch doppelt so hoch wie Italien mit nur 32 Prozent als Schlusslicht.

Obwohl die Volvo-Mitarbeiterin davon spricht, dass sich das Anschnallen gerade in Schweden zur "sozialen Norm" entwickele, sind diese Zahlen wohl doch nicht sehr schmückend für die Branche. Aber was folgt daraus? Sind die in Schweden üblichen Drei-Punkt-Gurte eher förderlich oder sind sie in Ländern wie Deutschland sogar kontraproduktiv? Ist das eine reine Philosophiefrage oder gibt es Präferenzen der Passagiere? Wäre es zudem ratsam, Sitzbelegungserkennungssensoren in jeden Sitz einzubauen, die dann wiederum den Fahrer unter Zugzwang setzt?

Fahrer wählen das Unternehmen nach den Bussen aus

Überhaupt der Fahrer! Aus den Ergebnissen der Befragung von 1.000 Fahrern lassen sich einige Schlussfolgerungen ziehen, die dann doch interessant sein dürften. Was sind die Gründe für ihn, einen Arbeitgeber zu wählen? Na, wer weiß es? Zu 58 Prozent ist es der Bus selbst, also das rollende Material, das er bewegen wird. Dann erst der Manager, der ihm vorsteht und danach die Destinationen. Wow! Das freut nicht nur die Hersteller, sondern auch den ETM-Verlag, hat er doch hier eine dankbare Zielgruppe für seine Berichterstattung über die Bustechnik mit einem klaren Fokus auf die Anwendung und Bedienung.

Fraglich ist dagegen, was davon zu halten ist, dass sich rund 40 Prozent der Fahrer mehr Informationen über die Sicherheits- und Assistenzsysteme wünschen, wobei die Sicherheit bei der Wichtigkeit aller Themen für ihn mit Abstand vor Handling und Sichtverhältnissen auf Platz eins rangiert. Ist es die schiere technische Begeisterung oder eine Überforderung mit den neuen elektronischen Systemen? Hätte Volvo zum Beispiel Fahrer intensiver befragen sollen, bevor man ein "Sicherheitssystem" einführt und anpreist, mit dem der Fahrdienstleiter telematisch die Höchstgeschwindigkeit des Busses in bestimmten Zonen limitieren kann, ohne eine Möglichkeit für den Fahrer, dies im Notfall eigenständig außer Kraft zu setzen – zum Beispiel, wenn sich eine Straßenbahn nähert?

Bei all diesen Themen gilt es auf jeden Fall, intensiv weiter nachzufragen. Bei den Fahrern, den gerne völlig vergessenen Begleitern und den Passagieren als Endkunden. Wir wollen das auch in Zukunft tun und freuen uns daher auf jede Anregung von Ihnen als unseren Lesern!

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