Adblue-Betrug

So sucht das BAG nach Adblue-Emulatoren

Jan Bergrath Foto: Jan Bergrath

Bei der Suche nach Emulatoren, mit denen die SCR-Anlage von Lkw manipuliert werden kann, setzt das BAG auf Befragung der Fahrer und OBD-Diagnosegeräte für die Fahrzeugelektronik.

Lkw-Kontrolle auf der Rastanlage Vellern an der A2 in Fahrtrichtung Oberhausen am Montag, 28. Januar 2019: Der blaue Volvo FH 440 aus Bulgarien ist von einem Einsatzfahrzeug des Bundesamtes für Güterverkehr (BAG) auf einen der fünf freigehaltenen Lkw-Stellplätze gelotst worden. Kaum steht der Lkw, treten zwei speziell geschulte BAG-Kontrolleure an das Fahrzeug heran. Zunächst stellen sie dem Fahrer einige grundsätzliche Fragen und prüfen die Lenkzeiten und Ladepapiere. Dann kommen sie zum entscheidenden Punkt: dem getankten Adblue.

Der Fahrer zeigt den letzten Tankbeleg. „Die meisten Lkw, die wir kontrollieren, können ihre Tankbelege vorweisen“, sagt Bernd Krekeler, Abteilungsleiter des für Straßenkontrollen zuständigen Referates 62 der BAG-Zentrale in Köln. „Wenn die Angaben auf dem Beleg, also Datum, Kennzeichen des Lkw sowie Kredit- beziehungsweise Tankkartennummer zueinander passen und Adblue-Anzeige im Fahrzeug sowie Füllstand im Tank übereinstimmen, dann gibt es für uns keinen Grund, am ordnungsgemäßen Zustand der SCR-Anlage zu zweifeln. Die meisten Lkw-Fahrer aus Osteuropa sind längere Zeit auf längeren Strecken unterwegs und weisen entsprechende fortlaufende Tankbelege aus.“

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Nach Prüfung des Adblue-Vorrats erhärtet sich der Verdacht

Der bulgarische Fahrer des blauen Lkw mit einer Laufleistung von 1,2 Millionen Kilometern, der nach Auswertung der Fahrzeugdaten- und Papiere mit 940.000 Kilometern aus Österreich nach Bulgarien verkauft wurde, hat allerdings in letzter Zeit allerdings nur 18 Liter Adblue getankt. Die Anzeige im Volvo zeigt beim Ein- und Ausschalten der Zündung mal dreiviertel voll, mal voll an. Das macht die Beamten stutzig. Der Kontrolleur holt mit dem Zollstock einige Tropfen Adblue aus dem Tank und träufelt sie auf das mitgebrachte Refraktometer.

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„Adblue besitzt ein bestimmtes Mischungsverhältnis von Harnstoff und Wasser“, erläutert Peter Rothgängel, für das BAG bundesweit als Koordinator der für diese Kontrollen besonders geschulten 25 Mitarbeiter zuständig. Der Zielwert des Harnstoffgehaltes lautet 32,5. Die Anzeige im Refraktometer liegt allerdings deutlich über dem Messpunkt 32,5. „Das Adblue ist vermutlich schon sehr lange im Tank. Das ist für uns nun ein sehr konkreter Hinweis auf eine nicht ordnungsgemäß funktionierende SCR-Anlage.“

Mehrmarken-Diagnosegerät im Einsatz

In manchen Beiträgen zu diesem Thema wurde immer wieder behauptet, dass die Oberbehörde des Bundesverkehrsministeriums technisch nicht in der Lage sei, die immer raffinierteren Emulatoren zur Manipulation der SCR-Anlage zu entdecken. Das ist nach Aussagen der Beamten aber falsch. Schon seit mehreren Jahren greift das BAG demnach unter anderem auf das Mehrmarken-Diagnosegerät Multi-Dia von Actia zurück.

Geräte anderer Hersteller, speziell für die Emulatorsuche entwickelt, haben sich in Tests des BAG als noch nicht ausgereift erwiesen, weil sie beispielsweise nicht die Daten aus Lkw einzelner Marken auslesen können. Das Diagnosegerät von Actia soll das aber können und wird dazu einfach mit der OBD-Schnittstelle zur Fahrzeugelektronik verbunden. Die Bedienung erscheint leicht. Multi-Dia führt die Beamten gezielt durch die Menüpunkte. Nach wenigen Schritten meldet die Software bereits, dass im Lkw ein Emulator verbaut sein muss.

Die Beamten finden das Gerät auch schnell. In diesem Fall sitzt es links in einem Schacht mit Kabeln und Relais neben dem Lenkrad, schlampig verbaut, notdürftig isoliert und offenbar auch noch mit einem Wackelkontakt, was die Software ebenfalls erkennt. Anders als es in einem TV-Beitrag dargestellt wurde – die entsprechende Szene wurde in Polen gedreht, wo die Polizei offenbar gern mal einen gefundenen Emulator einfach abschneidet und den Lkw dann zwangsläufig im Notlaufprogramm weiter schickt, so jedenfalls der Anschein dieses TV-Beitrags – muss das BAG nach den hierzulande gültigen Vorschriften nun eine Volvo-Werkstatt in der Nähe finden. Vor allem eine, die Zeit für das BAG hat. „Dort wird der Emulator fachgerecht ausgebaut und die Verkehrssicherheit des Lkw wieder hergestellt“, erläutert Rothgängel, „Alles andere Vorgehen ist aus unserer Sicht grob fahrlässig.“

Der Nachteil dieser Vorgehensweise: Ein BAG-Team muss nun für die Begleitung des Lkw in die Werkstatt abgestellt werden. Die Überführung ist ein langwieriger Prozess, der in diesem Fall sogar bis zur Veröffentlichung dieser Reportage dauert. Der mutmaßliche Grund für den Einsatz des Emulators liegt augenscheinlich auf der Hand. „Bei den meisten von uns entdeckten Emulatoren war gleichzeitig die SCR-Anlage des Lkw defekt“, berichtet Krekeler, „Ein Emulator ist da schlicht kostengünstiger als die Reparatur der Anlage.“

Die aktuellen Kontrollzahlen

Seit Juni 2017 sucht das BAG nach eigenen Angaben gezielt bei technischen Unterwegskontrollen nach Lkw mit Adblue-Emulatoren. Im ersten Halbjahr 2017 hat die Behörde demnach 6.962 Lkw kontrolliert und 131 Lkw mit Emulatoren gefunden (1,9 Prozent). 2018 sieht das Verhältnis so aus: 13.298 Lkw wurden bei diesen gezielten Schwerpunktkontrollen geprüft, 311 Fahrzeuge mit Emulatoren enttarnt (2,4 Prozent). Wobei das BAG darauf hinweist, dass die Zahlen nicht direkt vergleichbar sind, weil sich das Know-how der Kontrolleure verbessert hat, was zu mehr aufgedeckten Fällen und der steigenden Quote von Manipulationen an der SCR-Anlage führe.

Der Vorwurf, dass auf deutschen Autobahnen rund 20 Prozent aller Lkw mit Emulatoren manipuliert sein müssen, wie er schon zu hören war, lässt sich aus den Schwerpunktkontrollen des BAG nicht ableiten. Am 28. Januar ist von den 15 gezielt ausgesuchten und kontrollierten Lkw aus Osteuropa nur einer manipuliert, was einem Anteil von lediglich 6,7 Prozent entspricht. Gedeckt werden diese niedrigeren Fallzahlen aus Deutschland auch durch Kontrollen der Kantonspolizei Uri an der Kontrollstelle Erstfeld auf der A2 Richtung Gotthard. 2018 lag die Quote der entdeckten Lkw mit Emulatoren bei insgesamt 11.000 Fahrzeugen bei 0,5 Prozent. Auch bei diesen Kontrollen sind es laut Kantonspolizei Uri überwiegend ältere Fahrzeuge mit Euro-5-Motoren und sehr hoher Laufleistung.

Emulator-Technik wird immer besser

Nichtsdestotrotz: „Die Technik der Emulatoren wird immer raffinierter“, sagt Rothgängel, der zur Kontrolle eine ganze Kiste mit bereits gefundenen Emulatoren mitgebracht hat, darunter ein sehr kleiner Emulator, der dem Temperaturfühler im Adblue-Tank Minustemperaturen vorgaukelt, so dass sich die Anlage zum Selbstschutz abschaltet. Dieser stammt aus einem Lkw mit Euro-6-Motor. „Wir kennen natürlich auch Emulatoren, die in Kabelsträngen verbaut sind. Erst im Oktober 2018 habe ich sie in meinem BAG-Büro in München interessierten Beobachtern der Emulatoren-Szene vorgeführt. Solche Geräte sind in der Tat sehr schwer aufzuspüren. Aber wir finden sie in der Regel doch. Allerdings nicht in einem Auflieger, wie es ebenfalls schon gezeigt wurde. Dort würden auch die Kollegen der Polizei sie nicht entdecken. Bis heute wird die SCR-Anlage immer noch in der Zugmaschine manipuliert.“

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