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VDL FDD2-141 Doppeldecker, Reisebus, Test LAO 11 2016; DAF MX-13; 14 Bilder Zoom
Foto: ETM Wagner

VDL FDD2-141

Doppelte Mutprobe

Der jüngste Zugang auf dem boomenden Doppeldeckermarkt kommt aus den Niederlanden. Wir haben den VDL FDD2-141 als Langversion auf der Teststrecke ausgefahren.

Nicht immer ist es dem Tester vergönnt, schon ein paar Monate nach der Präsentation einen Testwagen bewegen zu können (siehe lastauto omnibus 7/2016), das gilt für den Busbereich besonders. Zwar sind die Zeiten, in denen neue Modelle beim Kunden zu Ende entwickelt wurden, heute endgültig vorbei, aber der Wagen mit der Baunummer 2 läuft auch heute noch unter dem Label "Vorserie" und der Test demnach unter der Rubrik "Herstellermut". Dessen sind sich die VDL-Experten durchaus bewusst. "Wir sind nicht fehlerlos, aber sehr flexibel und gehen direkt auf Kundenfeedback ein", erklärt Pieter Gerdingh, bei VDL in Eindhoven für das Produktmarketing Reisebusse zuständig. Bisher wurden über 30 Busse ausgeliefert, und negatives Feedback halte sich in engen Grenzen, zeigt sich VDL zufrieden. Wir machen also die Probe aufs Exempel und nehmen uns die Nummer zwei mit ordentlicher Zuladung auf der Teststrecke vor. "Ordentlich" bedeutet in diesem Fall rund fünf Tonnen, was für die an Bord verbaute, eher luxuriös gehaltene Bestuhlung mit 71 Sitzen und vier Tischgruppen im Unterdeck bei den gesetzlichen 68 Kilo pro Passagier insgesamt rund 25 Tonnen ergibt. Viel Stauraum in den Unterdeckpodesten Bei maximaler Ausstattung mit bis zu 96 Sitzen in Klasse-2-Version und mit realistischen 100 Kilo pro Person stößt der Wagen trotz Leichtbaus schnell an seine Grenzen. Trotzdem sind 18,6 Tonnen Leergewicht keine schlechte Leistung – eine, die auch der Sandwich-Bauweise von Mitteldecke und Dach zu verdanken und ein Kennzeichen der 2010 gestarteten Futura-Baureihe ist. Das Problem dürfte bei der einen Meter kürzeren, aber nicht viel günstigeren 13,10-Meter-Variante zumindest etwas entschärft sein, zudem bleibt der Kofferraum gleich groß – rund 9,3 Kubik schlagen für das etwas schwierig und nur von rechts zu erklimmende Abteil zu Buche und noch mal 1,1 Kubikmeter für die direkt angedockte Fahrerliege, die auf Wunsch sogar mit Lattenrost geliefert wird. Noch mehr Stauraum gibt es in den Unterdeckpodesten von außen. Die auf der linken Seite werden aber von den Zusatztanks in Beschlag genommen, sofern der Unternehmer mit rund einer Tonne Diesel durch die Lande fahren will – und so mancher will das. Der eigentliche Unterschied ist jedoch in der Wendigkeit zu sehen: Aufgrund des langen Radstands von satten 7,25 Metern vergrößert sich der Wendekreis von 21,45 auf 24,30 Meter. Das ist ein Wort, und auch die nur adhäsionsgelenkte Nachlaufachse versagt hierbei das gewisse Quäntchen an Nachdruck aus dem Heck. Auf der zuweilen auch mal engen Teststrecke hatten wir keine Probleme, auf Alpenpässen dürfte das anders aussehen. Wo wir schon beim hecklastigen Nachdruck sind: Beide doppelstöckigen Futura-Modelle haben den DAF MX-13 mit 510 PS und 2.500 Newtonmetern implantiert – eine gute Wahl. Druckvoll und sehr diszipliniert geht das Aggregat zu Werke, ohne dabei ungebührlich laut zu werden. Die Geräuschwerte sprechen für sich. Nur am hinteren Einstieg und im Heck des Oberdecks wünscht man sich noch etwas Feinarbeit. Rekordverbrauch trotz fehlendem Tempomat Trotz der üppigen Ausladung zeigt der Kraftbolzen auch an Steigungen keine Verzagtheit, flugs geschaltet und von unten heraus durchgezogen – famos! Ach ja, überhaupt erfolgt das Schalten mit der neu justierten AS-Tronic überaus gesittet. Pendelschaltungen und sonstige Ungereimtheiten leistet sich die Box nie. Hier hat VDL mit den ZF-Kollegen ganze Arbeit geleistet. Selbst die anspruchsvolle Bergstrecke im Schwarzwald erledigt der Triebstrang traumwandlerisch und ohne wertvolle Sekunden in den Kehren zu verschenken. Auch an der Tankstelle wird nichts verschenkt. Der Verbrauch von 31,9 Liter wurde noch von keinem Doppeldecker auf der Strecke erreicht – und das, obwohl bislang kein ausgeklügelter, prädiktiver Tempomat wie PCC oder Efficient-Cruise an Bord ist. 2017 soll er folgen. Kundenerfahrungen sprechen sogar von Werten unter 30 Liter, heißt es bei VDL. Immerhin nimmt der VDL dem Neoplan Skyliner ganze 1,5 Liter ab und ist zudem zwei km/h schneller – auch das Verdienst von 200 Newtonmeter Drehmoment mehr. Dabei nähert sich der CO2-Wert pro Personenkilometer den magischen zehn Gramm; in der Klasse 2-Version durchbricht sie diese deutlich nach unten. Die Reife ist dem Triebstrang anzumerken – schon seit 2014 befeuerte er den Vorgänger Synergy. Das letzte Quäntchen Reife fehlt jedoch dem Fahrwerk, das weitgehend konventionell daherkommt. Etwaige Wankbewegungen lassen sich zwar auf dem Fahrersitz nicht gut beurteilen, wohl aber ein zeitweise ausgeprägtes Nicken des Vorderwagens. Hier versprächen die von Temsa und Van Hool verbauten Koni-FSD-Dämpfer einen deutlichen Gewinn an Komfort. Vielleicht könnte man bei der Gelegenheit auch der Acht-Tonnen-Vorderachse einen Stabi spendieren. Ansonsten geben sich Lenkung und Federung weitgehend unauffällig. Außer durch tiefe Querrillen angeregt, lässt sich die Vorderachse kaum vernehmen – das Geräuschniveau im Cockpit ist erfreulich niedrig. Durch die fast völlig fehlenden Windgeräusche dringen aber leichte Knarzer aus dem Innenraum direkt an das Ohr, jedoch ohne zu aufdringlich zu werden. VDL holt beim Thema Sicherheit auf Sicht und Ergonomie des Fahrerplatzes sind weitgehend perfekt – sieht man einmal von der tiefen Position von Federspeicher und Digitacho ab. Der Wechsel auf das hängende Gaspedal tut gut, die traditionelle, große Bremsplatte gefällt ebenso. Ablagen und Platz gibt es zuhauf, auch hinter dem Fahrersitz, wo sich eine veritable Fahrertasche unterbringen lässt. Nicht ganz so komfortabel ist der Begleiter untergebracht. Immerhin hat er ein schönes Ablagebrett für Laptop und Co. vor sich. Sein klappbarer Sitz ist jedoch schon beim Einsteigen etwas im Weg, nur 44 Zentimeter stehen hier zur Verfügung. Und wenn jemand über die vordere Treppe nach unten will, geht es nicht, ohne den Begleiter aufzuscheuchen. Dennoch hat sich VDL wie auch Van Hool weitgehend der Treppe rechts verschrieben – eine Glaubenssache. Mehr Vertrauen als Glauben ist beim Thema Sicherheit angebracht. Und da hat der VDL aufgeholt zu den deutschen Platzhirschen. Alles, was gut und nicht ganz so teuer wie beim Wettbewerb ist (ACC oder Aufmerksamkeitsassistent sind jeweils für 1.000 Euro netto zu haben), ist schon an Bord oder zu bekommen. Die elektronischen Assistenten sind zudem fein abgestimmt und funktionieren prächtig. Sensorgehäuse behindert die ansonsten vorbildliche Sicht Lediglich den Aufmerksamkeitsassistenten, der mit den Vibratoren des genialen NTS2-Sitzes gepaart ist, konnten wir nicht prüfen, werden dies aber nachholen. Auch LED-Lampen oder Kurvenlicht haben noch nicht den Weg in die mutigen Kunststoffscheinwerfer gefunden, sie sollen aber ebenso zeitnah Einzug halten. Kleiner Wermutstropfen: Das große Sensorgehäuse in der Frontscheibe behindert ein wenig die ansonsten vorbildliche Sicht. Mutig zeigt sich der Hersteller nicht nur mit dem Antritt zum vollen Test, sondern auch in der Sitzanordnung: Vier luxuriöse Sitzgruppen unten mit viel Luft und Holzschränken drum herum und geringer Gangbreite, oben dagegen durchbestuhlt mit dem 300er-Sitzmodell von Brusa bei üppiger Gangbreite mit guter Sicht in der ersten Reihe, auch wenn die Frontscheibe höher sein könnte. Mutige Kunden ersetzen die Sitze auf Wunsch durch Vogel-Sitze. Aber Mut wird bei diesem Newcomer durchaus belohnt – und das in allen Disziplinen.

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Dieser Artikel stammt aus Heft lastauto omnibus 11/2016.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.

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Datum

28. Oktober 2016
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