MAN TGS Metropolis 16 Bilder Zoom
Foto: Oliver Willms

MAN TGS Metropolis

Der Sauber-MAN

Der MAN Metropolis setzt mit seinem Antriebskonzept E-Motor plus Audi-V6 als Range-Extender einen für Lkw neuen Akzent zum Thema Alternativantrieb.

Metropolis – ein Name, der nicht nur für Cineasten mit dem Stummfilmepos von Fritz Lang verbunden ist. Der Zwiespalt der hoch technisierten Zwei-Klassen-Gesellschaft ist das Thema des visionären Meisterwerks aus den 20er-Jahren. Ein Zwiespalt, der in ganz anderer Form auch dem künftigen Lkw-Verkehr in den Innenstädten blühen kann. Wer nicht leise und sauber arbeitet, bleibt draußen in der Unterwelt der Frachtarbeiter. Nur die sauberen Leisetreter dürfen dann noch im Zentrum der Mega-Citys Distributionsarbeit verrichten. MAN Metropolis lädt Batterien bei Bedarf selbstständig auf Diesem Verkehrsszenario vorauseilend, ist vor rund vier Jahren der MAN Metropolis auf Kiel gelegt worden – ein vollelektrisch angetriebener Lkw, der mit Hilfe eines Range-Extenders seine Batterien im Bedarfsfall unterwegs selbsttätig auflädt. „Dieser technologische Ansatz ist viel anspruchsvoller als eine reine Plug-in-Lösung“, erklärt Ben Kraaijenhagen, bei MAN Leiter des Ressorts Produktentwicklungen und Trends. Der künftige Einsatz bildete die Basis für alle Überlegungen zu Beginn der Entwicklung. Als dreiachsiger Motorwagen mit einem elektrohydraulischen Müllsammelaufbau von Faun kommen die Vorteile des Elektroantriebs besonders effektiv zum Tragen. Aus dieser Aufgabenstellung heraus definierten sich alle Eckdaten des MAN TGS mit dem Elektro-Herz. Mindestens zweimal 15 Kilometer reinelektrisches Fahren über vier Stunden Sammelzeit innerhalb der City stehen im Lastenheft. Dazu zweimal täglich die flinke Transferfahrt zur Leerung des 22 Kubikmeter fassenden Müllbehälters und das Wiederaufladen der Batterien in rund sechs Stunden an einer herkömmlichen 380-Volt-Stromquelle. Testfahrt vor den Toren Münchens Mit vollen Batterien startet der MAN Metropolis zur Premierenfahrt mit einem Journalisten am Steuer auf eine simulierte Tour vor den Toren der MAN-Fabrik im Norden Münchens. Aber nicht Müll, sondern Fahreindrücke sollen hier im Akkord gesammelt werden. Ein Dreh am Zündschlüssel und die Vorwahl des Fahrprogramms auf D reichen, um den Sauber-MAN für die emissionsfreie Stadttour startklar zu machen. Kein Motorgeräusch, nicht mal ein Spannungssurren verraten, dass der Experimental-Truck fahrbereit ist. Nur der Blick auf das zusätzliche Display zeigt, dass die Tour beginnen kann. Sehr feinfühlig dosierbar und ohne Anfahrruck setzt sich der 26-Tonner nahezu geräuschlos in Bewegung. Der 203 kW starke Elektromotor treibt über ein automatisch geschaltetes Zwei-Gang-Getriebe die Hinterachse an. Das Getriebe schaltet während der Beschleunigungsphase mit einer vergleichsweise langen Pause in den zweiten Gang. Dann zieht der drehmomentstarke 
E-Motor weiter den Dreiachser mit erstaunlicher Leichtigkeit voran. Lithium-Ionen-Batterie sitzt mittig unterm Fahrerhaus Die Antriebsenergie stammt aus einem 
Lithium-Ionen-Batteriepaket aus 540 Einzelzellen, das anstelle des Dieselmotors mittig unter dem Fahrerhaus sitzt und respektable 105 kWh Kapazität bei 680 Volt Spannung aufweist. Damit kann der Metropolis zwei 15-Kilometer-Schichten im reinelektrischen Betrieb zurücklegen. 
„680 Volt Spannung standen relativ schnell fest“, erklärt Ben Kraaijenhagen die recht hohe Betriebsspannung, „um die Leitungsquerschnitte und damit auch das Gewicht in vernünftigen Dimensionen zu halten.“ Das trifft auch für das zentrale Highlight des Konzept-Trucks zu: Die kompakte Batterie-, Regler- und Ladeeinheit soll mit rund einer Tonne nicht über dem Gewicht des normalerweise hier grummelnden D20-Sechszylinders liegen. Eine anspruchsvolle Aufgabe, die mit einem technischen Clou gelöst wurde. Als Alleinstellungsmerkmal im Kreise der E-Trucks sitzt hinter dem kompakten Block aus flüssigkeitsgekühlter Batterie, Ladegerät und E-Motor, dort wo sonst das Lkw-Getriebe schaltet und waltet, ein 204 PS starker Turbodiesel aus dem Audi-Pkw-Programm. Der drei Liter große V6 fungiert als Stromfabrik, wenn die Kapazität des bordeigenen Akkus einmal zur Neige gehen sollte. Die Abstimmung des Reichweitenverlängerers beschreibt Kraaijenhagen als eine der größten Herausforderungen während der Entwicklung. Das Ergebnis sind vier unterschiedliche Ladezyklen, in denen der Audi-Motor nach Bedarf automatisch die Bordbatterien mit Strom speist. Beim Stop and go schweigt der Diesel Während der Müllsammler auf der Testtour von einem imaginären Haltepunkt zum nächsten gleitet, schweigt der Diesel allerdings. Denn gerade hier im ständigen Stop and go, das mit dem E-Motor besonders geschmeidig zu fahren ist, kann der Metropolis verbrauchte Energie mittels Rekuperation wieder zurückholen. Der Tritt auf die Betriebsbremse wird, vorausschauende Fahrt von Tonne zu Tonne vorausgesetzt, fast überflüssig. Der Ladezustand sinkt während des Beschleunigungs- und Bremsmarathons nur minimal. Bestechend ist das extrem niedrige Arbeitsgeräusch. Abgesehen vom Anschlagen der Müllbehälter an den Verdichter erledigt der Metropolis den Müll-MAN-Job in Flüsterlautstärke. Nachdem auch Lenkunterstützung, Luftkompressor, Hydraulikpumpe und Klimaanlage elektrisch angetrieben werden, schleicht der Metropolis auf leisen Pfoten durch die Nacht. Ein Pluspunkt, der auch den Handel hellhörig gemacht hat. So zeigt sich eine deutsche Kaufhauskette stark am Metropolis interessiert. Seine Praxislorbeeren muss der dank gelenkter Nachlaufachse höchst wendige Dreiachser aber zuerst im klassischen Müllsammelbetrieb der Antwerpener Verwerterfirma Suez verdienen. Dort hat bereits ein reinelektrischer MAN erste Praxiserfahrungen gesammelt. Jetzt geht man mit dem Metropolis-Konzept einen Schritt weiter. MAN Metropolis besitzt Birdview-Kamerasystem Faszinierendes Detail im MAN-Cockpit: Im zusammen mit Continental entwickelten Birdview-Kamerasystem verschmilzt ein Computer die Bilder von vier am Aufbau befestigten Außenkameras zu einem Gesamtbild. Man sieht sich – in Echtzeit und ohne Übergänge – von vorne, hinten, seitlich oder aus der Vogelperspektive durch die Straßenschluchten eilen. Der Blick aus der Perspektive einer dritten Person von außen stellt im innerstädtischen Müllsammeleinsatz einen unschätzbaren Vorteil dar. Nachdem die imaginäre Tonnen-Tour erledigt ist, muss der Metropolis in der schnellen Fahrt ins Depot seine Alltagstauglichkeit beweisen. Relativ zügig kommt der weiße E-Lkw dabei in Fahrt und kann so im normalen Verkehr bis zum Abregeltempo von 89 km/h locker mithalten. Leichter Druck aufs Gas – oder besser gesagt Fahrpedal – ermöglicht das Segeln mit Schwung. Erst, wenn man den Fuß ganz lupft, speist der E-Motor Antriebsenergie vom Rad in die Batterie zurück. Die schnelle Fahrt sei, erklärt Kraaijenhagen, eine der schwierigsten Problemstellungen im Batteriehaushalt gewesen. Mit elektrischer Energie genügsam haushalten sei einfacher als große Energiemengen abzurufen. Konzept bringt anspruchsvolle Praxisanforderungen unter einen Hut So gesehen scheint das Konzept Plug-in-Batterie mit Range-Extender die einzige Bauweise zu sein, die unterschiedlich anspruchsvolle Praxisanforderungen unter einen Hut bekommt. Schöne neue Welt, aber wer kann sie bezahlen? Einen Preis will Kraaijenhagen wegen variabler Energiespeicherpreise für den Truck nicht nennen. Dafür macht er eine interessante Rechnung auf: „Wenn man den Metropolis, wie in der Müllsammel-Branche üblich, acht bis zehn Jahre lang nutzt“, rechnet er, „kann man ihn mit 2.000 Ladezyklen ohne Batteriewechsel gegenüber einem Diesel-Lkw kostenneutral einsetzen.“ Das könne kein anderer Hybrid-Lkw. So keimt beim Dahinrollen zum Abstellplatz die Erkenntnis: Näher dran an den Anforderungen der Praxis, an der Akzeptanz bei Fahrer sowie Unternehmer ist wohl kein anderer als dieser Elektro-Lkw. Fritz Lang hätte in seiner hoch technisierten Metropolis-Welt seine helle Freude an dem Sauber-MAN gehabt.

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17. März 2014
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