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Elvis: Vorbildliches Arbeitszeitenmodell

Viele Fahrer wollen planbare Arbeitszeiten und bessere Behandlung an der Rampe – kein Wunschdenken. Elvis zeigt schon mal, wie‘s geht.

Der Mann ist wie ein Uhrwerk: Punkt 17 Uhr bricht Ronald Witzel mit seinem DAF der Spedition Neuenhaus vom Standort Gotha auf. Paletten mit fünf Teilpartien für Kunden in ganz Deutschland stehen auf seiner Ladefläche. Das tägliche große Problem vieler Kollegen sieht Witzel bereits auf der A  4. "Um diese Zeit sind schon fast alle Parkplätze belegt", erzählt der Familienvater. "Und wenn ich dann gegen halb acht auf die A  7 komme, ist alles übervoll." In ihrer Not suchen viele andere Fernfahrer Stellplätze am Rande der Autobahn, so auch auf der schmalen Zufahrtsstraße, die von der Ausfahrt Homburg/Efze zu einer blauen Halle auf einem Hügel führt. "Ich bin so froh, dass ich diesen Parkplatzstress nicht mehr habe."

Elvis bedeutet nicht Rock 'n' Roll sondern Zukunftsmusik

Witzel ist der erste Fahrer, der um 20 Uhr das Hub, also den zentralen Umschlagsort, erreicht – und der letzte, der Elvis zwischen drei und spätestens vier Uhr in der Frühe wieder verlässt. Damit ist aber nicht der vor 35 Jahren gestorbene King of Rock ’n’ Roll gemeint. Hinter der Abkürzung (Europäischer Ladungs-Verbund Internationaler Spediteure) steckt ein Stück Zukunftsmusik – für die Arbeitsbedingungen vieler Kollegen. Denn der klassische Fernfahrerjob mit seinen vielfach unberechenbaren Abwesenheitszeiten verliert laut Umfrage der ZF-Studie stark an Beliebtheit. Das massive Parkplatzproblem in Deutschland, unkalkulierbare Wartezeiten bei den Kunden und ein oft schlechte Behandlung von deren Mitarbeitern verderben immer mehr Lkw-Fahrern den Spaß an der Arbeit. Das betrifft aber nicht Witzel und derzeit 63 Fahrer, die sich Nacht für Nacht in der Mitte von Deutschland treffen, um ihre Ladungen zu tauschen. Zuerst in einem provisorischen Zelt bei Homberg, seit Mitte Mai 2012 in der 10.000 Quadratmeter großen, von modernster Solartechnik mit Strom versorgten Halle in Knüllwald.

Das Prinzip der Teilladungskooperation: Bislang 64 deutsche Spediteure mit mindestens 30 eigenen Lkw verpflichten sich, jede Nacht einen Planenzug ins Elvis-Hub zu schicken. Statt die Fracht selber auszuliefern, wird sie getauscht. Jeder Partner nimmt die anfallende Ladung der Kollegen zurück in seine Heimatregion, aufgeteilt in sechs Zonen je 100 Kilometer um das Hub. Es herrscht völlige Transparenz im IT-System, Kundenschutz der Partner ist dennoch garantiert. "Bis 17.30 Uhr müssen alle Sendungen bei uns im System erfasst sein", sagt Geschäftsführer Hans-Jürgen Ernst, der den Teilladungsverbund zusammen mit Jochen Eschborn, dem Vorsitzenden der Elvis AG, auf die Beine gestellt hat. "Nur im Süden Deutschlands gibt es noch weiße Flecken, die wir aber über kurz oder lang ebenfalls schließen werden."

Kapazität der Halle liegt bei 100 Lkw

Derzeit liegt der Umschlag bei 1.300 bis 1.600 Stellplätzen oder 700 bis 800 Tonnen pro Nacht. Die Kapazität der Halle ist allerdings auf bis zu 100 Lkw (4.000 Stellplätze oder 2.000 Tonnen) ausgelegt. Bis zu 18 Lastzüge können auf vier Spuren von der Seite mit 14 Elektrostaplern be- und entladen werden. "Die Lkw mit den kürzesten Anfahrten kommen zuerst zu uns", erklärt Frank Peter Richrath, der Leiter des Nachtumschlags. "Sie entladen schnell und warten dann vor der Halle, bis ihre Rückfracht kommissioniert ist und sie als Letzte wieder wegfahren. Die Lkw mit der längsten Anreise werden sofort umgeschlagen."

Richrath strahlt sympathische Autorität aus und ist der ruhende Pol in der hell erleuchteten Halle, obwohl er ständig seinen Tisch neben der kleinen Kaffeebude verlässt, um zu checken, ob alles nach Plan läuft. Dabei unterstützt ihn Beate Schmidt, die im regelmäßigen Turnus auch die Ladungssicherung und die ADR-Ausrüstung der Partnerfahrzeuge kontrolliert. In der Disposition, wo sich alle Fahrer nach Ankunft zuerst melden, sitzen die Nacht über zwei weitere Mitarbeiter. "Viele Fahrer kommen schon von Anfang an zu uns", sagt Richrath und verrät das wahrscheinlich einfachste Geheimnis, warum das Konzept bei den Kollegen so beliebt ist. "Wir arbeiten alle miteinander und nicht gegeneinander. Als vor ein paar Wochen die A  7 aus Richtung Süden wegen eines Unfalls für ein paar Stunden gesperrt war, kamen zuerst nur die Fahrzeuge aus dem Norden zu uns durch. Trotzdem haben alle Lkw- und Staplerfahrer die Sendungen in der nötigen Zeit gedreht." Es herrscht trotz der hohen Konzentration eine recht entspannte Stimmung. Möglichst kurze Wege sind das Ziel. Auch Benjamin Bongiorno von Maintrans kommt früh mit seiner Fracht herein.  "Wir Fahrer wissen genau, wo wir ausladen müssen. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich hierher komme. Die Stimmung in der Halle ist toll, die Arbeit macht Spaß." Bongiorno teilt sich den Lkw mit einem Kollegen in Tag- und Nachtschicht. „Das klappt hervorragend, wir verstehen uns prächtig. Es gibt bei uns keinen Ärger um die Fahrzeugpflege oder die Ladungssicherung. Jeder kann sich blind auf den anderen verlassen. Und weil ich jetzt meine festen Arbeitszeiten kenne, kann ich mich besser um meine Familie kümmern. Ich  hoffe nur, dass es bis zum Winter einen Aufenthaltsraum gibt." Das, so verrät Ernst, sei schon in Vorbereitung. Er verhandelt sogar mit einer Großküche aus dem Ort über die Möglichkeit, fertige Menüs ins Hub zu senden. "Und in Kürze beginnt der Bau eines neuen Autohofs neben unserem Gelände."

Für die Wartezeit gibt es ausreichend Stellplätze

Rund um die Halle gibt es ausreichend Stellplätze, um die Wartezeit zwischen Entladung und neuer Beladung zu überbrücken. Unter den Fahrern, die regelmäßig zu Elvis kommen, sind bereits lockere Freundschaften entstanden. "Ich schätze, dass etwa 80 Prozent der Kollegen jede Nacht hierherkommen", sagt Florian Wagner aus Gießen. Auch er ist relativ früh vor Ort. "Wir haben hier schon öfter gegrillt. Andere Kollegen satteln ab und fahren auf einen Kaffee runter zur Tankstelle. Jetzt müssen wir halt abwarten, wie es hier im Winter sein wird. Denn die vier Tore stehen die ganze Nacht über auf. Das könnte durchaus etwas zugig werden."

Die Regelmäßigkeit der Touren bei gleichzeitig geringer körperlicher Arbeit lockt auch Frauen in den Fahrerjob. Schon fünf Kolleginnen kommen jede Nacht zu Elvis. Etwa Eva Roczen von Lakner aus Schwäbisch Gmünd. Als ihre Tochter aus dem Haus ging, ließ sich Roczen vor anderthalb Jahren von der Arbeitsagentur umschulen. Seit Januar fährt sie fünfmal die Woche die nächtliche Linie, gegen sechs Uhr ist sie wieder daheim. "Am Anfang musste ich mich an den Rhythmus erst gewöhnen, jetzt möchte ich die Arbeit nicht mehr missen. Die Kollegen und die Staplerfahrer sind immer total hilfsbereit. Ich habe die Umschulung nicht bereut."

Ehepaar Niggemann teilt sich MAN TGX der Spedition Wildt

Besonders ideal hat es Alexandra Niggemann getroffen. Die ehemalige Kurierfahrerin und dreifache Mutter teilt sich seit Januar einen MAN TGX der Spedition Wildt aus Ettenheim mit ihrem Mann Michael. Sie fährt Montag, Mittwoch und Freitag, ihr Mann übernimmt am Dienstag und Donnerstag.

Als Alexandra im Rahmen einer regelmäßigen Routinekontrolle ihre ADR-Ausrüstung vorzeigen muss, springt ihr Florian Wagner sofort zur Seite. "Hier bei Elvis ist jeder per Du", sagt Alexandra. "Ich möchte nichts anderes mehr machen. Mein Mann und ich  müssen beide arbeiten, um die Familie zu ernähren. Die Arbeitsteilung hier ist einfach ideal und nicht zu toppen."

Autor

Foto

Jan Bergrath

Datum

29. Oktober 2012
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