Vom Fern- zum Busfahrer, Siegfried Schleiner Zoom

Vom Fern- zum Busfahrer: Schleiner wagt was Neues

Nach 30 Jahren im Transportgewerbe hat Siegfried Schleiner genug von Arbeitsüberlastung und Gesetzesübertretungen – er sattelt noch mal um.

Der Mann auf dem Foto sieht ein wenig aus wie Günter Wallraff. Der Enthüllungsjournalist, der dadurch bekannt geworden ist, dass er sich eine Zeit lang irgendwo einschleicht, danach über die unhaltbaren Zustände berichtet und durch seine Buch- und Zeitungshonorare viel Geld verdient. Bei Siegfried Schleiner aus Ludwigshafen ist es etwas anders. Er konnte eben nicht einfach aufhören, wenn er bei der ständigen Diskrepanz zwischen Arbeitsüberlastung und Gesetzesübertretungen die Grenzen des Zumutbaren erreicht hatte. 30 Jahre lang war er Fahrer im internationalen Fernverkehr, eine stolze Bilanz – eigentlich.

Schleiners Generation geht in Rente

Es ist Schleiners Generation der Fahrer, die nun in den nächsten Jahren im Rahmen des sogenannten demografischen Wandels 
in Rente geht. Die "Auswertung der Arbeitsbedingungen in Güterverkehr und Logistik" des Bundesamtes für Güterverkehr, BAG, fasst auch seine für die Transportbranche typische Biografie in nüchterne Zahlen: "Von den 52,4 Prozent der rund 805.200 sozialversicherungspflichtig beschäftigten Lkw-Fahrer, die über eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen, dürften zahlreiche mithin eine fachfremde Ausbildung genossen haben." Fahrer, die wie Schleiner gelernte Maler sind, den Führerschein beim Bund erworben haben oder selbst finanzierten, allerdings ohne weiterführende Ausbildung und Qualifikation. Für seinen grauen Lappen, den alten Zweier, hat Schleiner 1982 genau 1.500 Mark bezahlt. "Dann bin ich mit dem Chef acht Tage mitgefahren, auf einem Mercedes SK, Chemie von der BASF entweder nach Valencia oder Madrid und mit Obst zurück, für 2.200 Mark brutto plus Spesen."

Viele Arbeitgeberwechsel

Es folgte eine für ihn spannende Phase, geprägt von Touren in fremde Länder, viel Zeit beim Zoll und vielen Arbeitgeberwechseln, teils weil diese insolvent gingen, teils weil der versprochene Lohn doch nicht in der erwarteten Höhe kam. Und viele Fahrer wie Schleiner verleugneten schlicht und einfach die Tatsache, dass sie zwar am Monatsende etwas mehr verdienten als in dem ursprünglich erlernten Beruf, aber dafür auch deutlich mehr Stunden leisteten – und meistens mehr als erlaubt. 2006 war er sogar zwei Jahre bei einem spanischen Kühltransportunternehmen aus dem Raum Almeria. 500er-Scania, einmal die Woche Spanien und zurück auf Kilometerbasis, von der EU mittlerweile längst verboten, für Schleiner mit 3.300 Euro netto aber lukrativ. Wenn aktuelle Studien heute davon sprechen, dass Lkw-Fahrer in Deutschland durchschnittlich 7,48 Euro brutto pro Stunde verdienen und durchschnittlich 56 Stunden pro Woche arbeiten müssen, so hat dieses Missverhältnis seinen Ursprung auch in der „gesetzlosen“ Vergangenheit der 80er- und 90er-Jahre. Damals waren 56 Lenkstunden pro Woche keine Seltenheit, die Aufzeichnung der Arbeit im Tacho fiel gänzlich unter den Tisch, der digitale Tacho war noch in weiter Ferne. Friss oder stirb, hieß die Devise, immer umweht von einem Hauch falsch verstandener Männlichkeit, bei der Umgehung der Sozialvorschriften Polizei und BAG auszutricksen und dafür ein Lob oder ein paar zusätzliche Lkw-Lampen vom Chef zu bekommen.

Plötzlich in Teufels Küche

Dann häuften sich für Schleiner die negativen Erlebnisse. 2010 fand er eine mit 1.600 Euro brutto eher schlecht bezahlte Stelle in einer kleinen Kühlspedition aus 
der Nähe von Roth. Es gab viel zu tun. Am 
4. Juni 2011 wurde er auf dem Weg nach Rumänien in St. Pölten von der österreichischen Polizei erwischt. Nicht nur waren Käse und vier Container mit Gefahrgut auf dem Lkw verladen, die Polizei beschlagnahmte auch 25 Tachoscheiben und die Urlaubsbescheinigung, die ihm sein Unternehmer für die Zeit zuvor ausgestellt hatte. Die gegen Schleiner im August beschlossene Strafverfügung in Höhe von 1.950 Euro umfasst zahlreiche Verstöße gegen die Lenk- und Ruhezeiten. Sein Anwalt hat vor dem Arbeitsgericht Nürnberg Klage gegen den Unternehmer eingereicht, die Zahlung des Bußgelds ist noch bis Dezember gestundet. Auf die Frage, warum er vor Beginn der Tour den Urlaubsschein akzeptierte, antwortet Schleiner nur: "Die Fracht war Termingut. Wäre ich nicht gefahren, hätte ich mir eine andere Stelle suchen können."

Kurz danach heuerte Schleiner bei einer Tankspedition aus Fürth an, 2.500 Euro brutto, lange Touren nach Ungarn, Rumänien und in die Türkei, ein idealer Job für einen Individualisten. Doch im Februar 2012 geriet er sich an einer Ladestelle in Klagenfurt mit einem Kollegen aus Dessau um die Frage, wer zuerst laden darf, in die Haare, provozierende Worte sollen gefallen sein und Schleiner wurde von seinem Kollegen tätlich angegriffen. "Ich habe meinen Chef angerufen und gesagt, einer von uns beiden Fahrern muss jetzt gehen. Ich hatte gedacht, er würde dem Kollegen kündigen. Als er das nicht tat, habe ich selbst gekündigt, aber immerhin noch ein tadelloses Zeugnis bekommen."

Fristlose Kündigung per Fax

Seine letzte Stelle im Gütertransport bekam er darauf wieder bei einer Tankspedition. Bei der BASF in Ludwigshafen sollte er 24 Tonnen Acronal in zwei Kammern laden, genau nach Vorgabe der Spedition. "Doch das Ladeverhältnis war falsch berechnet, Kammer vier konnte nicht mehr beladen werden. Mein Chef hat mir per Fax fristlos gekündigt, weil er meinte, ich sei nicht in der Lage, einen Tankzug zu beladen. Ich vermute eher, dass der angestammte Fahrer wieder gesund war und er für mich keinen Job mehr hatte. Über diesen Fall wird nun am 31. Januar vor dem Arbeitsgericht zum zweiten Mal verhandelt."

Zwölf Wochen verbrachte Schleiner arbeitslos daheim – und kam ins Grübeln. Es war Mitte 2012, er war 60 Jahre alt, er hatte die Nase gestrichen voll, im Raum Ludwigshafen war er als Lkw-Fahrer "verbrannt"  – und er hatte noch kein einziges Weiterbildungsmodul absolviert. Nun hat er mit Unterstützung der Arbeitsagentur umgeschult. "Am 13. November habe ich die Berufskraftfahrer-Qualifikation zum Busfahrer vor der IHK als Zweitbester abgeschlossen, im Dezember folgen die theoretische und praktische Fahrprüfung. Danach beginnt noch einmal ein völlig neues Kapitel meines langen Berufslebens."

Autor

Foto

Jan Bergrath

Datum

28. Januar 2013
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