Siegfried Beller 19 Bilder Zoom
Foto: Felix Jacoby

Siegfried Beller im Portrait

60 Jahre Lkw-Erfahrung

Kaum jemand sitzt mehr als 40 Jahre hinter dem Lkw-Lenkrad – schon gar nicht 60 Jahre. Siegfried Beller hat bereits 1956 begonnen, aber ans Aufhören denkt er deshalb noch lange nicht!

Die meisten Menschen sind froh, wenn sie nach gut vierzig Jahren des Berufslebens in Rente gehen. Aber nicht Siegfried Beller aus dem schwäbischen Weingarten. Nicht nur, dass er seit sechzig Jahren Lastwagen lenkt. Er hat sogar seinen Führerschein erst im vergangenen Jahr wieder für fünf Jahre verlängert! Eisern hält der 78-jährige Kraftfahrer an seinem geliebten Beruf fest. Als junger Bursche musste Sigi erst mal einen "anständigen" Beruf ergreifen, so bekam man das damals von den Eltern vorgegeben. Sigi lernte bei Ford als Autoschlosser, wie das damals noch genannt wurde. Doch schon nebenbei trieb er sich mit wachsender Begeisterung auf dem Hof der Spedition Schneider in seiner Heimatstadt herum. Es war damals noch weit verbreitet, dass junge Menschen vom Beruf des Lastwagenfahrers träumten. Ihre ersten Erfahrungen sammelten sie, indem sie nach der Schule den alten Hasen bei der Fahrzeugwartung über die Schulter schauten. Fasziniert lauschte Sigi damals den gestandenen Fahrern, wenn sie zum Feierabendbier wilde Geschichten aus der Ferne erzählten. 106 Mark Gesamtkosten für den Lastwagenführerschein Kaum war die Lehre erledigt, widmete sich Sigi dem Transportgeschäft. Zunächst als Beifahrer und beim Laden, doch schnell hatte er auch den Lastwagenführerschein gemacht. Das ging damals noch mit 18. Die 106 Mark Gesamtkosten, die Sigi dafür investieren musste, waren auch keine allzu große Hürde. Das wahre Wissen über diesen Beruf bekam man dann aber von den gestandenen Kollegen vermittelt, und das nicht immer nur in freundlichem Ton. Sigis erster Lastwagen, den er selbst fahren durfte, war ein Henschel HS 90, ein Zwölftonner mit 90 PS. Überwiegend war er damit zwischen Stuttgart und dem Bodensee unterwegs – zu Zeiten, als die dortige Autobahn A 81 noch nicht einmal in Planung war. Auch das Be- und Entladen war damals oft harte Arbeit. Viele Frachten mussten noch von Hand auf und von der Pritsche geschafft werden. Schon früh regte sich auch Sigis zweite Leidenschaft: die für Motorräder. Damals konnte man schon mit 16 einen Motorrad-Führerschein erwerben, der zum Führen von Krafträdern bis 250 Kubikzentimeter Hubraum ermächtigte. Sigis erste Maschine war eine "Imme", benannt nach ihrem Herstellungsort Immenstaad. Danach folgte eine 175er "Dürrkopp". Alte Technik war schwerfällig und gefährlich Bald wechselte Sigi zur Spedition Bechtinger, ebenfalls in Weingarten. Von hier gingen unter anderem viele Touren ins Rheinland, aber auch zu anderen Zielen in Deutschland. Sein nächster Lastwagen war ein Mercedes Typ 6600, mit 145 PS und einem Fahrerhaus des schwäbischen Fahrzeugbauers Wackenhut. Das war nur kurz gebaut, verfügte aber eine in die Ladefläche nach hinten hinein ragende Schlafkoje, das sogenannte Schwalbennest. Wenn man das damalige Fahren mit der heutigen Technik vergleicht, kann man sich kaum noch vorstellen, wie langsam man unterwegs war. Bergstrecken wie das Höllental im Schwarzwald oder den Drackensteiner Hang die Schwäbische Alb hinauf wurden im zweiten Gang mit erhöhter Schrittgeschwindigkeit bewältigt. Auch bergab ging es mit schwachen Bremsen und ohne Retarder nicht schneller. Ein trauriges Kapitel sind die vielen Unfälle damals. Wer ein Gefälle falsch einschätzte, begab sich in Lebensgefahr. Wenn es zu Kollisionen kam, verformten sich die Fahrzeuge oft auf fürchterliche Weise. Von stabilen Kabinen oder Anschnallgurten war damals noch lange nicht die Rede. Sigis Fotoarchiv und sein Gedächtnis sind voller schlimmer Erinnerungen daran. Mit Rotkäppchensaft rund um die Uhr unterwegs Eine wilde Zeit bei Bechtinger war immer der Herbst. Dann wurden Tanks auf die Pritschen gesetzt, um damit Traubensaft im südfranzösischen Perpignan zu laden und zu einer Abfüllerei von Rotkäppchen-Saft zu bringen. Dieser Markenname ist Menschen, die schon zur Wirtschaftswunderzeit gelebt haben, noch ein fester Begriff. Viele von ihnen wurden von ihren Müttern fast genötigt, den Saft regelmäßig zu trinken. Dann wurde mit zwei Mann fast rund um die Uhr gefahren – fünf Touren in zwei Wochen. Es ging fast ausschließlich über Landstraßen und dazu noch mit zeitraubender Importverzollung in Kehl am Rhein. Getankt wurde beim Kultrasthof in Donzere im Rhonetal, den es heute noch gibt. Wenn man 400 Liter Diesel kaufte, gab es eine freie Mahlzeit, und auch der alle 3.000 (!) Kilometer fällige Ölwechsel wurde gerne dort erledigt. Die Handfettpresse als ständiger Begleiter Ein ständiger Begleiter war auch die Handfettpresse, um den Lastwagen abzuschmieren. Beim MAN F8 zum Beispiel ging die Lenkung – damals zeitgenössisch noch ohne Servounterstützung – so dermaßen schwer, dass man gut daran tat, alle ihre beweglichen Teile jeden Morgen frisch mit Schmierfett zu versorgen. Damit wurde die Kurbelei am Steuerrad zumindest etwas erträglicher. Ein paar Mal probierte Sigi andere Arbeitgeber aus. So fuhr er zeitweise Tankwagen mit Kraftstoffen – einen Mercedes 6600 Hauber mit Kässbohrer-Fahrerhaus und Stadler-Tankauflieger. Auch die Zeit auf einem Lebensmittelzug von Heine, Sigis erstem Mercedes Typ 1620 mit kubischem Fahrerhaus, ist ihm unvergesslich. Aber immer wieder kehrte er zu Bechtinger zurück. Dort zum Fachmann für Schwertransporte, weil die Firma immer öfter überdimensionale und schwere Rundholz Sortiermaschinen verfrachtete. Diese Transporte führten ihn kreuz und quer durch Europa. Erst als Sigi 63 Jahre alt und eigentlich reif für die Rente war, wechselte er zu Bohnet, wo er und seine große Erfahrung immer wieder gerne in Anspruch genommen werden. das liegt 14 Jahre zurück. Hut ab, Sigi! Und dabei geht es nicht nur ums Fahren. Sigi ist auch beim Beladen und bei den mechanischen Arbeiten, die zur Vorbereitung einer Schwerlastkombination erforderlich sind, immer mit vollem Einsatz dabei. Genauso intensiv ist sein Engagement, wenn er mit seinen jüngeren Kollegen in Teamarbeit schwerste und riesige Frachtstücke mit vielachsigen Kombinationen über nächtliche Straßen manövriert. Da bleibt uns nur zu sagen: Hut ab, Sigi! Bleib, wie Du bist! Egal wie lange du noch fährst.

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Dieser Artikel stammt aus Heft FERNFAHRER 07/2016.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.

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Datum

10. Juni 2016
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Rechtsanwalt Matthias Pfitzenmaier ist Fachanwalt für Verkehrsrecht. Seit 1997 arbeitet er im… Profil anzeigen Frage stellen
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