Unterwegs mit einem Lebensmiteltankzug 14 Bilder Zoom

Lebensmitteltankzug: Stefanie Ardovara fährt den stärksten Laster

Die Milch macht’s: Mit ihrem Actros 1860 fährt Stefanie Ardovara aus Oberjoch den stärksten Laster im Familienbetrieb.

Das hat einfach Stil: Auf der Fahrertür des Actros 1860 der Andreas Ardovara Internationale Transporte steht "Stefanie". Aber nicht nur schlicht aus irgendwelchen schwarzen Lettern unter den Spiegel geklebt, sondern in silberner Farbe und in der Mercedes-Benz- Typologie. "Ich bin stolz, diesen Lkw zu fahren", sagt Stefanie. "Im Jahr 2009 hat ihn mein Vater als Vorführfahrzeug gekauft. Jetzt hat er 670.000 Kilometer auf der Uhr. Und außer einem Defekt an der Steuereinheit des Getriebes hat er mich unterwegs noch nie im Stich gelassen."

Nicht nur als ausgewiesener Fan ihres Mercedes ist Stefanie quasi ein Sternenkind, auch die Werbung auf der Sonnenblende zeigt es deutlich – einen höher gelegenen Firmensitz für ein Transportunternehmen gibt es sonst nirgendwo in Deutschland. Als Andreas Ardovara 1984 auf 1.200 Meter Höhe im malerischen Urlaubsort Oberjoch im Allgäu mit einem Silozug als selbstfahrender Unternehmer für einen Baustoffproduzenten aus Hindelang beginnt, ist sie noch gar nicht auf der Welt. Später allerdings kann sie sich zusammen mit ihrem jüngeren Bruder Daniel der Faszination des auf fünf Lkw gewachsenen Familienbetriebs nicht mehr entziehen. "Ich bin mit jeder Art von Fahrzeug, das man bei uns in den Bergen braucht, aufgewachsen. Radlader, Schneepflug und natürlich unsere Fernzüge, mit denen wir Rundholz nach Italien transportieren."

Zwar beendet Stefanie nach der Realschule mit kaufmännischem Zweig in Hindelang erfolgreich eine Lehre als Bürokauffrau und widmet sich nebenbei ihrem Hobby, dem Saxofon. Doch die wahre Leidenschaft lässt sich nicht auf Dauer unterdrücken. Den Lkw-Führerschein hat sie bereits seit 2008. Sie absolviert bei der IHK in Augsburg die beschleunigte Grundqualifikation und bekommt 2009 – sozusagen als Einstand – gleich den stärksten Laster der Familie. Den braucht sie auch auf der Tour über Reutte in Österreich, den Fernpass und den Brenner bis nach Norditalien. Vor dort holt sie meistens Marmor zurück. "Die Touren waren schon klasse, nur die ganze Ladungssicherung war ziemlich anstrengend."

Auf ihren Italientouren trifft sie immer wieder Fahrer der mittelständischen Tankspedition Lettl aus Wasserburg am Inn, mit über 40 eigenen Lkw der Logistikpartner der Molkerei Meggle. Es sind, wie sie lachend sagt, "normale bayrische umgängliche Menschen mittleren Alters". Sie freundet sich mit dem Gedanken an, selbst einen Tankzug zu fahren, denn dieses Italiengeschäft ist aufgrund der Spezialisierung noch nicht in die Hände der osteuropäischen Billigflotten gefallen. "Mein Vater und ich sind zu Lettl gefahren, haben uns als Subunternehmer beworben und bald die Zusage bekommen."

Zunächst mietet ihr Vater einen Tankauflieger, um zu sehen, ob sich die neuen Partner auch verstehen und Stefanie mit dem Job klarkommt. Und in der Tat: Sie findet großen Gefallen am Milchtransport. Zweimal die Woche mit Milch nach Italien, von dort mit Laktose, Saft oder Wein wieder zurück. Und so kauft ihr Vater im letzten Oktober einen neuen Tankauflieger von Schwarzmüller, silbern glänzend mit drei unterschiedlich großen, isolierten Kammern. "Milch wird mit zwei bis drei Grad geladen", erläutert Stefanie. "Und selbst bei Hitze erwärmt sich die Milch innerhalb von 24 Stunden höchstens um ein Grad." Doch so lange ist sie nie unterwegs. "Ich fahre nach wie vor überwiegend in den Norden Italiens. Mit meiner Lenkzeit komme ich meist bis zum Kunden, dort mache ich  Pause und lade gleich in der Frühe ab."

Heute lädt sie für eine innerdeutsche Tour bei der Käserei Edelweiß in Kempten. Dort wird der Rahm von der Frischmilch, die die Lkw bei den Bauern aus der Umgebung holen, abgeschöpft. Von Donnerstag bis Sonntag verkauft Edelweiß jeweils vier bis sechs Lastzüge an andere Produzenten von Milchprodukten in Italien oder in Deutschland. Nach der Leerverwiegung zeigt sie zunächst ihr Reinigungszertifikat und setzt den Lkw in die Beladung. Dort verbindet sie den Produktschlauch mit dem Heckauslauf. Kurz darauf startet schon die Verladung. "Ich beginne immer mit der ersten Kammer, dann kommt die dritte Kammer. Der Rest fließt in die Mitte." Es ist kaum körperliche Arbeit. Zur Kontrolle steigt sie sorgsam abgesichert auf den Tank und öffnet die Domdeckel. Über einen Hebel an der Seite des Aufliegers steuert sie das Bodenventil. Nach 30 Minuten sind gut 25.000 Liter Milch verladen. "Noch einmal auf die Waage, Papiere machen und dann geht es los."

Die Tour führt diesmal zu Goldsteig in Cham: eine sehr entspannte Fahrt über Bundesstraßen und Autobahnen bis in die Oberpfalz. Sie zieht schnell eine Probe und wartet auf die Freigabe. Die Entladung erfolgt über den Heckauslauf direkt in den Produkttank und dauert ebenfalls knapp 30 Minuten. "Bei den meisten Kunden kann ich sofort im Anschluss den Tank spülen." Auch das ist ein Kinderspiel: In jeder Kammer ist ein Wasserrohr mit einer Art Duschkopf verbaut. Ein automatisiertes Spülprogramm reinigt die Kammern in mehreren Gängen binnen 20 Minuten. Kurz danach steht Stefanie bei Goldsteig schon wieder unter der Verladung. Diesmal läuft Laktose für Meggle in den Tank. Zeitdruck hat sie nicht. "Bei Meggle kann ich rund um die Uhr abladen."

Kurz vor Ende der Schichtzeit fährt sie noch einmal zu Lettl. Dort steht die Waschanlage auch für die Unternehmer rund um die Uhr offen. Mit dem Werkstattleiter und zwei Fahrern geht sie noch auf ein Feierabendbier ins Wirtshaus auf der gegenüberliegenden Seite der B  304. Früh am nächsten Morgen lädt sie Rohmilch direkt aus zwei Sammelfahrzeugen, macht sich auf den Weg zurück ins Allgäu, reinigt nach dem Abladen schnell und fährt hoch nach Oberjoch. Hier wartet bereits ihr Freund Tobias, ein Fuhrunternehmer mit zwei eigenen Tankzügen, den sie am Brenner kennengelernt hat. "Als Lebenspartner versteht er nicht nur meinen Job", sagt Stefanie, "gelegentlich fährt er mit seinem Scania für uns Holz nach Italien. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich es wirklich gut getroffen habe."

Fahrzeugschein

Hersteller: Mercedes-Benz (Wörth)
Motorwagen: Actros 1860 LS MP 2 Megaspace (4x2) Euro 5, Baujahr 2006 mit Powershift (16 Gänge), Voith-Retarder, Abstandsradar, Vollausstattung und Standklimaanlage von Mercedes-Benz mit sechs bis acht Stunden Kapazität
Auflieger: dreiachsiger luftgefederter Edelstahltankauflieger für Lebensmitteltransporte von Schwarzmüller aus Hanzing (A) mit drei isolierten Kammern. Kapazität je Kammer: 10.000 Liter (vorne), 8.000 Liter (Mitte) und 12.000 Liter (hinten), ein zentraler Auslauf hinten. Keine eigenen Ladeschläuche
Leergewicht Motorwagen: 8.800 kg
Leergewicht Auflieger: 5.700 kg
Zulässiges Gesamtgewicht des Zuges: 40 Tonnen
Gesamtlänge des Zuges: 12,50 m

Fahrerkarte

Name: Stefanie Ardovara
Alter: 25
Wohnort: Oberjoch
Familienstand: ledig
Gelernter Beruf: Bürokauffrau
Fahrerin seit: 2008
Arbeitgeber: Güterverkehr Ardovara, Oberjoch
Kilometerleistung: 150.000 km/Jahr

Autor

Foto

Jan Bergrath

Datum

15. November 2013
5 4 3 2 1 0 5 0
Kommentare
Unsere Experten
Harry Binhammer, Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Harry Binhammer Arbeitsrecht
Ich bin Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht. Ich vertrete Arbeitnehmer und Arbeitgeber… Profil anzeigen Frage stellen
Kristina Dietze von der Polizeidirektion Görlitz/ Autobahnpolizei Kristina Dietze Polizeioberkommissarin Autobahnpolizeirevier Bautzen
Expertin für Gefahrguttransporte (aus polizeilicher Sicht), Vermögensabschöpfung im… Profil anzeigen Frage stellen
Aktuelle Fragen
Kostenloser Newsletter
Newsletter Small

+++ Tests +++
+++ News +++

Und immer bequem und kostenlos per E-Mail.