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Krimi-Autor Manfred Krämer: Auf frischer Tat

Lkw-Fahrer lieben ihren Job, auch Manfred Krämer. Doch am Abend versinkt er in Blut und Horror.

Demut hilft. Du stehst an der Rampe eines Baumarkts – doch das ist eigentlich die falsche Beschreibung: Es ist ein zugemüllter Zaun mit einem Loch, der Lkw-Zufahrt. Verrostete Gestelle, schon lange vergessen, ein offener Container mit Abfall, zertretene Eimer, der Wind treibt Verpackungsmaterial vor sich her. Im Hintergrund rangiert ein Gabelstapler­fahrer seine Paletten. „Der räumt erst einmal auf“, meint Manfred und bleibt ganz ruhig. Er kennt das Spiel. „Das ist der Boss. Ich muss hier stehen, bis er rüberschaut und huldvoll winkt.“ Vorher darf Manfred keinen Meter fahren. Würde er eigenmächtig die unsichtbare Grenze verletzen, wäre der Teufel los. Er müsste sich vielleicht wieder hinten in die Schlange der wartenden Lkw einreihen oder würde ignoriert oder angebrüllt oder beim nächsten Mal mit einer ewig hingezogenen Abfertigung bestraft werden.
Manfred kennt die Regeln. Er ist seit Jahrzehnten mit dem Lkw unterwegs. Das ist eine seiner großen Leidenschaften außer seiner Frau Moni und seinem „Mopped“, einer gereiften Harley-Davidson und, ja, dem Krimi-Schreiben. Manfred Krämer, 58, ist aus Lampertsheim, Kurpfälzer durch und durch. Der weiche Dialekt kommt immer wieder durch: „So wird bei uns geredd, alla gut.“
Manfred ist nicht sehr groß, vielleicht 1,75 Meter, aber eine drahtige Erscheinung. Er läuft regelmäßig Marathons und erledigt auch seinen Job fast im Dauerlauf. Er trägt einen sorgfältig gestutzten Henriquatre-Bart und ist ganz in Grün gekleidet. Die blitzsaubere Arbeitskleidung stellt seine Spedition. Knubben ist seit 75 Jahren im Mannheimer Hafen: 38 eigene Lkw sind überwiegend im Nahverkehr unterwegs, darunter zwei Atego, die auf 7,5 Tonnen abgelastet sind. Das hat Vorteile auf bestimmten Touren, die für schwere Lkw gesperrt sind. Aber es ist auch ein Hinweis auf Manfreds Schicksal: Er schiebt mit dem Mittelfinger die elegante Brille hoch auf die Nasenwurzel: „Ich sehe auf dem rechten Auge nicht so gut. Den Lkw-Führerschein durfte ich nie machen.“ Kaum zu glauben bei dieser traumwandlerischen Sicherheit, mit der Manfred seinen Atego durch die schmalen Gassen der Pfalz mit ihren hübschen Fachwerkfassaden schiebt. Bei Gegenverkehr drosselt er das Tempo, fährt rechts in die Lücke zwischen die parkenden Pkw und gleitet wieder heraus, ohne zu bremsen. Die Außenspiegel rauschen nur eine Handbreit an Mauervorsprüngen vorbei.
Manfreds Touren sind am Tag 200 bis 400 Kilometer lang. Er fährt im Schnitt
15 Kunden an. Sein Tag beginnt morgens in der Spedition um 6 Uhr. Er erhält in der ­Disposition seine Aufträge und nimmt den 7,5-Tonner, der gerade frei ist. „Da richte ich mir erst mal ein kleines Zuhause ein.“ Manfred wischt über die Oberflächen und fegt mit einem Handbesen den Fußraum. Zwischen Navi und Scanner platziert er ein Bild von Moni, „mein Mädsche“. Dann plant er seine Runde und lädt in der richtigen Reihenfolge ein. Seine Devise: „Wenn ich bis zehn Uhr vier Kunden vom Auto habe, läuft die Tour.“
Manfred fährt am liebsten über Land. Das weiß die Disposition. „Wenn ich in die Quadrate von Mannheim muss, kriege ich Flecken.“ Dabei ist sein Atego wendig. „Den kannst du auf dem Handteller drehen, wenn es sein muss.“ Manfred liebt die Abwechslung und die Bewegung von großen Massen: „Ein Bürojob wäre nichts für mich.“ Er könnte dagegen auch ein Schiffsführer sein und ist schon einmal an Bord gegangen. „Der Kapitän war wie ein kleiner Gott. Wir haben auf dem Rhein Kohle transportiert und der Chef wollte den Anblick der schmutzigen Schottwände nicht ertragen. Dann hat er sie einfach streichen lassen – bis an die Kohlen.“ Manfred grinst. Das gefällt ihm.
Er war ein schlechter Schüler, „vor allen Dingen faul“. Nur eins beherrschte er: das Schreiben. Aufsätze waren seine Passion. Die fertigte er auch schon mal für seine Mitschüler an. Nur entsprach sein Verständnis von Dramaturgie nicht immer den Vorstellungen der Lehrerin. Ein Aufsatzthema lautete zum Beispiel: „Mein schönster Ausflug“. Manfred wählte einen Zoobesuch. So weit, so gut. Allerdings hat er dann acht Seiten lang die Fahrt mit dem Familien-Strich-­Achter beschrieben: jede Kurve, das Schalten, die Ampelstopps, das Hochdrehen des Motors, die vorbeihuschenden Bäume und Wiesen, die wippenden Polster. Auf dem Parkplatz des Zoos war die Geschichte dann zu Ende. Thema verfehlt, sechs, lautete das vernichtende Urteil der Lehrerin.
Aber Manfred war nicht zu bremsen. Der Vater drängte ihn zwar zu einer Lehre als Bauzeichner, die er auch abschloss, aber eine Liebe wollte nicht auf­keimen. Stattdessen ist er seit den 70er-Jahren Lkw-Fahrer. Einen Iveco-Magirus 80-16 mit Tandemachser steuert er von Spanien bis England und durch ganz Europa. Geschlafen wird auf der Handbremse. „Die hast du auf jeden Fall gespürt, durch alle Polster.“ Immer dabei: ein Notizbuch. Darin hat Manfred vor dem Schlafengehen und in den Pausen seine Beobachtungen notiert, kleine Puzzle­teile, die er später zu Geschichten kom­ponierte. „Die Frage hat sich nie gestellt, ob ich schreiben will, ich muss es einfach tun, auch wenn ich damit vielleicht kein Geld verdiene.“ So entstand ab 1994 „Der Leuchtturm von Lüttenbüttel“ und „Rolli Rakete“, Kinderbücher. 2004 folgte als erster Kriminalroman der „Tod im Saukopftunnel“, der die Reihe „Der Bergstraßen-Krimi“ eröffnete. Inzwischen sind elf Bücher erschienen und Manfred schreibt auch für die Sportler-Zeitschrift „Runner’s World“ eine regelmäßige Kolumne.
Ganz ohne Lkw-Fahren kommt Manfred finanziell nicht über die Runden. Aber er kann sich jetzt die Nebenjobs sparen als Rheumadeckenverkäufer, Tankstellenkassierer, Zeitungsausträger, Vermögensberater oder Roulettespieler. Seit der Geburt der Tochter Jessica, es folgte bald Fabian, fährt Manfred im Nahverkehr, jetzt schon seit
25 Jahren für Knubben. Er ist Gründer der „1. Deutschen Krimi-Autorenschule“, in der Region bekannt durch Lesungen, auch das Fernsehen wurde bereits aufmerksam (Info: http://kraemer-krimi.de/home/).
Für Manfred ist Lkw-Fahren und Krimi-Schreiben kein Widerspruch. Er grinst wieder: „Im deutschen Straßenverkehr kannst du schon auf Mordgedanken kommen. Ich bin zwar ein friedlicher Mensch durch und durch, aber ich liebe diese Ausflüge auf die dunkle Seite.“

Hammermeister

Autor

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Volker Hammermeister

Datum

18. August 2014
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