Jacky sitzend auf Hauber 11 Bilder Zoom

Jacky X-Mas: Ein Herz für Laster

Jacqueline hat sich in einen sowjetischen Militärlaster ZIL 131 verguckt. Reif für die Schrottpresse. Aber sie hat ihn wieder ins Leben geschraubt.

Das ist der Stoff, aus dem Romanzen entstehen: Sie sieht ihn und es ist alles zu spät. Sie berührt ihn und er macht „Musik in ihren Ohren“. Er hat seinen Preis, aber das spielt keine Rolle. Sie träumt spontan von einer langen Reise in die tiefen Weiten von Sibirien. Obwohl 2.000 Euro für jemanden wie Jacqueline, die sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält, eigentlich viel zu viel sind. Jeder andere wäre erst gar nicht nicht auf die Idee gekommen, auf Verdacht wegen ihm nach Kolobrzeg, ehemals Kolberg, an der polnischen Ostsee zu reisen, nur weil er in einer Internet-Auktion angeboten wird.
Und da steht er dann, schon lange, auf einem zugigen Hinterhof zwischen hochgeschossenen Brennnesseln, die Räder fast platt: ein ZIL 131, russischer Militärlaster außer Dienst. Mit drei Achsen, Allradantrieb und wassergeschütztem Motor kommt der überall durch. Auf der Pritsche eine Holzkabine, Blech-beplankt. Das Ganze reichlich überkrustet mit der Patina der Zeit.

2010 landet Jacquelines Hauber endlich in Deutschland

Und, wichtig, der ZIL hat eine Haube. „Da stehe ich drauf“, sagt Jacqueline. Der polnische Verkäufer wittert die aufkeimende Sympathie und ein lohnendes Geschäft: Die Mehrwertsteuer komme noch dazu. Schließlich einigen sich die Parteien auf 2.100 Euro. Jacqueline, 28, hat ihren ZIL, 40, mit einem Sechsliter- Achtzylinder und 150 PS Leistung. „Papa, es hat geklappt“, ruft sie glücklich in Elbe südlich von Salzgitter ihren Vater an. Sein Kommentar, leicht verzweifelt, da er von seiner Tochter schon einiges gewöhnt ist: „Da kannst du gleich einen Diesel-Tankwagen dazukaufen.“ „Wieso Diesel?“, meint sie, „es ist doch ein Benziner.“ Das zunächst nicht fahrbereite „feine Wägelchen“ landet Mitte 2010 über verschiedene Etappen, auch per Tieflader, in Deutschland. Jacqueline, die bereits öltriefende Erfahrungen im Restaurieren von Oldtimern besitzt (Manta B, Käfer), schraubt nach Kräften, oft am Rande der Verzweiflung. „Wirklich alles war vergammelt – jede Schraube, die Achsen lose, ein Pleuellager gerissen, der Kühler tropfte, in der Ölwanne nur Schlamm.“

Der Hauber bekommt einen Namen

Doch mit Hilfe eines versierten Freundes, der auch Kontakte zu günstigen Ersatzteilen besitzt, kommt das Projekt voran. Der ZIL lernt wieder das Laufen. Er heißt nun als festes Familienmitglied „Roscoe“ wie der fiese Dobermann in dem Streifen „Oliver & Company“. Und Jacqueline, die inzwischen den Lkw-Führerschein vorweisen kann, kennt jetzt auch den Verbrauch: „32 Liter Normal auf 100 Kilometer.“ Jacqueline Scholz ist eine ungewöhnliche junge Frau. Aufgewachsen in einem gutbürgerlichen Haus katapultiert sie das Fach Mathematik in der Oberstufe aus dem Gymnasium. Die Alternative scheint die Lehre bei einem Rechtsanwalt zu sein. In der kleinen Stadt gibt es nicht allzu viele Ausbildungsmöglichkeiten. Schließlich müssen die Eltern mit dem Schulabbruch versöhnt werden. Doch funktioniert der Kompromiss nicht auf Dauer, denn „den ganzen Tag nur im Büro sitzen, das ist nichts für mich“. Nach eineinhalb Jahren ist Schluss. Jetzt ergeben sich neue Möglichkeiten: eine Lehre als Siebdruckerin. Jacqueline wird glückliche Gesellin. Ihr Arbeitgeber will sie gern übernehmen. Da fesselt sie ein Bandscheibenvorfall 2006 für Wochen an Klinik und Rehabilitation. Chance verpasst. Trost spendet Loki, ein verspielter Rottweiler- Labrador.

Jacqueline hat einen Plan

Dann wird eben die Fachhochschulreife nachgemacht. Doch wieder wird sie vom Pech verfolgt, denn der Rücken macht das Sitzen auf der harten Schulbank nicht lange mit. Jacqueline wechselt die Städte im schnellen Takt: Göttingen, Soest, Bielefeld, Stuttgart, Berlin, Brandenburg und wieder Elbe. Sie lebt seit 2006 mit ihrem Hund Loki fast ausschließlich in Wohnmobilen: das erste Fahrzeug noch ohne Heizung, inzwischen ein großer gebrauchter Alkoven mit Doppelachse. Ihre Job-Bandbreite reicht inzwischen vom professionellen VW-Bus- Ausschlachten und Kfz-Tuning-Teileverkauf über Restaurationshelfer bis hin zum Schichtdienst als Beifahrer im Autoabschlepper – eine Suchende. So begibt es sich zur Weihnachtszeit 2010, dass sie auf der Fahrt zur Bergung gestrandeter Pkw auch die vielen einsamen Lkw auf den Parkplätzen entlang der Autobahn bemerkt. Im Norden von Deutschland überwiegend aus Polen, Russland und Tschechien. „Die armen Schweine. Was machen die bloß an Weihnachten?“ Es reift der Gedanke, dass sie daran etwas ändern möchte. Sie schreibt alle möglichen Sponsoren an und macht so ihre Erfahrungen. „Gerade die großen Firmen unterstützen lieber Projekte in 5.000 Kilometer Entfernung. Vor die eigene Haustüre schauen die nicht.“

Weihnachtsengel Jaqueline unterstützt Fernfahrer

Nachts wacht sie auf und notiert auf Zetteln, wer ihr noch eingefallen ist, wen sie noch anmailen könnte. Schließlich ist es eine ganz respektable Liste an Spendern, die allerdings nicht alle genannt werden wollen. Jacqueline füllt im Dezember 2011 fast 2.000 Tüten mit weihnachtlichen Goodies für die gestrandeten Fernfahrer. Es fällt ihr nicht leicht, denn das linke Handgelenk musste aufgrund einer seltenen Knochenveränderung operiert werden und macht immer noch Probleme. Es unterstützen sie Freunde aus ihrem Internet-Blog (http://zil131.wordpress.com), den inzwischen 200 User täglich besuchen. Jacqueline fährt die Routen mit ihrem Reisemobil, die anderen Helfer einfach mit dem Pkw. Der Aktionsradius umfasst vom 24. bis 26. Dezember 2011 einige hundert Kilometer Autobahn nördlich von Mannheim mit den weiteren Eckpunkten Kassel, Osnabrück, Hamburg und Chemnitz. Jacky X-mas, wie der FERNFAHRER diesen Engel der Weihnachtszeit spontan taufte, wird langsam bekannt. Das Automagazin „Grip“ lud sie in die Sendung ein, auch der MDR zeigte sie vor Weihnachten gleich mit zwei Ausstrahlungen in dem Format „Mit dem Herzen geben“. Das klingt zwar ein bisschen schwülstig, trifft aber den Kern.

Jaquelines Zuhause ist on the road

Bleibt nur zu hoffen, dass ein Quäntchen von dem Engagement auch auf die Initiatorin zurückfällt. „Mein größter Wunsch wäre ein Job, der mir Spaß macht, mich fordert und auslastet.“ Inhaltlich ist Jacqueline nichtgebunden. „Mein Zuhause ist on the road, dort fühle ich mich wohl. Ich liebe es, unterwegs zu sein. Ich könnte mir vorstellen, mit meinem Reisemobil Schwertransporte als Schlussfahrzeug zu begleiten, selbst Lkw zu fahren, ich könnte ein Buch schreiben oder nach einer entsprechenden Ausbildung als Tier-Heilpraktikerin arbeiten.“ Denn außer Loki besitzt Jacqueline auch ein Pferd mit dem schönen Namen Habanero, wie die höllisch scharfe Chilichote. Sie hat den Traber, der auf der Rennbahn keine Chance mehr hatte, ähnlich wie den ZIL 131 in ihr Herz geschlossen. Ein geregelter Job wäre eine gute Voraussetzung für den zweiten Traum. „Ich möchte unbedingt mit Roscoe nach Sibirien fahren.Ich liebe das Land und lerne schon die Sprache.“ Aber billig wird dieser ausgedehnte Ausflug sicher nicht. Dafür sorgt schon die durstige „Saufziege“. Ein Dieselantrieb wäredie bessere Alternative. Jacqueline spielt bereits mit dem Gedanken, den ZIL umzurüsten.Zuzutrauen wäre es ihr.

Hammermeister

Autor

Foto

Hammermeister, Scholz

Datum

18. März 2012
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