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Berufskraftfahrer in Island: Mit 500 PS gegen den Starkwind

Langeweile und Eintönigkeit muss der isländische Kraftfahrer Ingi Björnsson bei seiner Arbeit nicht fürchten, eher die starken Winde.

Morgens um halb acht gibt es im Fahrerraum von "et" Transport in Islands Hauptstadt Reykjavik erst mal starken Kaffee für alle. Danach wird die Einsatzplanung des Tages besprochen. Im Hinterland der Insel sollen die Stromleitungen, die von einem Wasserkraftwerk zur Hauptstadt führen, mit neuen Kabeln modernisiert werden. Im Hafen stehen deswegen schon vier vorgeladene Auflieger mit je drei Kabeltrommeln bereit, jede davon rund neun Tonnen schwer.

Ingi Björnsson lässt seinen sieben Jahre alten Scania R 500 warmlaufen, dann rollt er solo vom Firmenhof zu einem Trailerplatz im nahe gelegenen Hafen. Der Dreiachs-Sattelschlepper hat einen langen Radstand und zwei angetriebene Achsen. Diese Ausführung fährt sich bei den schwierigen Straßenverhältnissen während der langen Winter deutlich besser als eine kurze Zugmaschine nach Euromaß.

43 Tonnen sind kein Problem

Nach dem Aufsatteln geht es aus der Stadt in Richtung Osten hinaus, diesmal mit rund 43 Tonnen Gesamtgewicht. Das ist kein Problem. Sechsachsige Lastzüge dürfen in Island bis zu 49 Tonnen wiegen. Nach ein­einhalb Stunden kommt schon wieder Kaffeedurst auf, schnell geht es an eine Tankstelle, um sich einen Becher des Heißgetränks und etwas Süßes zu holen.

Kurz danach biegt Ingi von der Haupt­straße ab und zieht über kleine Straßen landeinwärts. Hier ist die Landschaft nicht so dramatisch wie im Osten des Landes, aber trotzdem sind die kargen Weiten der Gegend beeindruckend. Strommasten parallel zur Straße weisen auf eines der vielen Wasserkraftwerke der Insel hin. Die Insulaner sind in der glücklichen Lage, dass ihre wilden Flüsse ihnen reichlich Energie zur Strom­erzeugung liefern.
Regenerative Kraftquellen natürlichen Ursprungs sind ein Traum für alle Umweltschützer, doch ohne den Einsatz von Lastwagen wären diese praktisch nicht zu erschließen. Für Ingis Arbeitgeber ist das eine feine Sache, denn neben den Baustellen für Energieerzeugung mit Wasserkraft erhält die Firma auch viele Aufträge, die mit der Erschließung geothermischer Quellen zusammenhängen.

Durch vulkanischen Untergrund befeuert, tritt an vielen Stellen heißes Wasser zutage oder wird mit Bohrungen gefördert. Über lange Rohrleitungen mit Isolierung wird es zu Kraftwerken gepumpt, die es teils zur Stromerzeugung nutzen oder damit kom­plexe Heizungssysteme mit Wärme versorgen. Es gibt so viele heiße Quellen, dass mit ihrer Wärme sogar Garageneinfahrten und Gehwege beheizt werden.

et betreibt die größten Schwerlastzüge der Insel

Und kurz vor der Entladestelle kommt Ingi noch an den beiden bislang einzigen Windkrafträdern vorbei, die hier versuchsweise vor kurzer Zeit errichtet wurden. Die funktionieren dermaßen gut, dass die Isländer davon deutlich mehr auf ihrer Insel errichten wollen. Auch das kommt "et" Transport zugute, denn die Firma betreibt die beiden größten Schwerlastzüge der Insel, einen MAN V8 mit insgesamt 13 Achsen und maximal 280 Tonnen Gesamtgewicht sowie einen Scania-Schwerlastzug mit 250 Tonnen. Damit haben sie die richtigen Fahrzeuge, um auch schwere Turmsegmente und Turbinenhäuser zu bewegen.

Volvo-Amihauber mit 16-Liter-Maschine

Die Abladestelle für die Trommeln liegt irgendwo in der Wildnis und der Kran ist noch nicht da. Innerhalb einer Stunde treffen zwei weitere Scania der Firma ein sowie als Exot ein Volvo-Amihauber mit 16-Liter-Maschine. Den fährt Einar, einer der beiden Firmenchefs, der andere heißt Tryggvi, die Firmenbezeichnung „et“ ist aus den Vor­namen ihrer Gründer gebildet. Obwohl das Unternehmen nun schon 36 Jahre alt ist und zu den größten Transporteuren der Insel gehört, arbeiten die beiden bis heute genauso fleißig mit wie ihre Fahrer.

Nach dem Abladen nehmen wir auf dem Rückweg noch einen Leercontainer mit, den einer der Selbstlader der Firma von der ­Seite auf die Ladefläche hievt. Nur wenige Firmen auf der Insel besitzen vernünftige Entladerampen und ein Großteil der Im- und Exporte werden mit den Standardboxen transportiert. Für 20-Fuß-Container setzt "et" sogar kurze Selbstlader-Solofahrzeuge mit vier Achsen ein.

Extreme Stürme und ergiebige Schneefälle

Beim Mittagessen erzählt der 50-jährige Kraftfahrer, wie wild es im Winter auf den Straßen zugeht. Besonders entlang der Südküste gibt es extreme Stürme und ergiebige Schneefälle. Ab Windstärke 10 wird eine Warnstufe Rot ausgerufen. Wer dann noch fährt, muss damit rechnen, seinen Versicherungsschutz zu verlieren, wenn er von der Fahrbahn abkommt oder vom Starkwind auf die Seite gelegt wird.

Lkw-fahren ist der beste Job

Trotzdem gibt es für Ingi kaum einen besseren Job. Früher hat er ein paar Jahre in den USA gelebt und gearbeitet, später hat er auf seiner Insel Touristen mit schweren Allradlern zu Gletschern und anderen Sehenswürdigkeiten gebracht. Doch das Lkw-Fahren ist für ihn der beste Job, den er sich vorstellen kann. Da kaum ein Tag wie der andere ist, droht auch keine Langeweile.

In der Firma angekommen, wird der Auflieger abgesattelt, weil der Empfänger schon Feierabend hat. Dafür geht es solo noch mal zu einer der größten Geothermie-Bohrstellen der Insel nicht weit von Reykjavik. Hier muss ein leerer Siloauflieger weggezogen werden. In Europa müsste man sich, um so etwas fotografieren zu dürfen, hochfeierlich anmelden. Die Isländer aber sind da wesentlich lockerer und lassen den fremden Besucher mit seiner Kamera freizügig gewähren.

Auf dem Heimweg läutet das Telefon. Der 13-jährige Junior des alleinerziehenden Vaters meldet sich. Ingi hat das große Glück, dass sein Sohn voller Leidenschaft für das Fußballspielen ist und das mit großer Begeisterung betreibt. Jetzt freuen sich ­beide auf den Feierabend und das Zusammensein. Danach will Ingi zur Entspannung noch ins Hallenbad, von denen es in Reykjavik unglaublich viele gibt und die dazu noch bis 23 Uhr geöffnet haben. Für den folgenden Tag wartet dann schon der nächste Transport.

Autor

Foto

Felix Jakoby

Datum

15. Januar 2016
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