Lkw-Batterien als flexible Stromspeicher nutzen
Der E-Lkw steht im Depot – ein Alptraumszenario für den Spediteur. Nicht aber, wenn bidirektionales Laden im Spiel ist und die Lkw-Batterien als große und flexible Stromspeicher genutzt werden. Wie Speditionen damit in der Zukunft Lastspitzen senken sowie zusätzliche Einnahmen generieren können, erforscht das Forschungsprojekt SPIRIT E. Das Konsortium aus Industrie, Energiewirtschaft und Forschung hat eine erste Praxisvorstellung durchgeführt.
Bidirektionales Laden heißt, der Lkw bezieht nicht nur Energie aus der Ladeinfrastruktur, sondern gibt diese gezielt auch wieder ab. Bei der Live- Demonstration auf dem Betriebsgelände der Spedition Schmid in Obertraubling bei Regensburg kam ein MAN eTGX mit 480 kWh nutzbarer Batteriekapazität zum Einsatz.
Strom fürs Depot, für andere Fahrzeuge – oder zurück ins Netz
Verschiedene Vehicle to X Anwendungen (V2X) wurden bei dem Praxisversuch vorgeführt: Vehicle to Site, also die Versorgung eines Depots mit dem in der Lkw-Batterie gespeicherten Strom, sowie das Nachladen anderer Fahrzeuge (Vehicle to Vehicle), sowohl von Lkw zu Pkw, als auch zu Lkw. Perspektivisch kann ein Unternehmen so Lastspitzen vermeiden und den Eigenverbrauch von selbstproduzierten PV-Strom erhöhen. Zudem wurde die Rückspeisung ins öffentliche Stromnetz (Vehicle to Grid) demonstriert – von Vorteil für das Unternehmen bei hohen Strompreisen, und zudem gut für die Netzstabilität.
E-Lkw als mobile Powerbank fürs Depot
"Bidirektionales Laden verändert die Rolle des Elektro-Lkw. Unsere eTrucks werden sozusagen zu Powerbanks auf Rädern, die dazu beitragen können, die Energiekosten zu senken und gleichzeitig das Energiesystem stärken", so Georg Grüneißl, Leiter Produktstrategie bei MAN Truck & Bus. Bei der Vorführung habe SPIRIT E gezeigt, welches Potenzial in dieser Technologie steckt und wie Elektro-Lkw die Energiewende künftig mitgestalten.
E-Lkw haben deutliche Vorteile gegenüber E-Pkw
Im Gegensatz zu privaten Pkw haben Lkw laut den Projektbeteiligten beim bidirektionalen Einsatz einen deutlichen Vorteil: Die nutzbaren Batteriekapazitäten sind deutlich größer und zentral in einem Depot vorhanden. Die Verfügbarkeit der Fahrzeuge ist zugleich gut planbar, da sie in der Regel einen Einsatzplan haben. MAN etwa sieht die größten Einsparpotentiale für seine Kunden bei der Speicherung von selbst produziertem Strom sowie bei der Rückspeisung ins Stromnetz. Voraussetzung dafür ist, dass die entsprechend ausgestatteten E-Lkw aufgrund ihres Einsatzes regelmäßig ins Depot zurückkehren.
Mehrwert trotz zusätzlicher Ladezyklen
Wie ein Unternehmenssprecher auf Anfrage mittweilt, wird die Leistung der Batterie durch bidirektionales Laden nicht eingeschränkt. Die zusätzlichen Ladezyklen können zwar Einfluss auf die Batteriealterung haben. "Der finanzielle Mehrwert des bidirektionalen Ladens kann die durch Alterung verursachten Mehrkosten jedoch überkompensieren", so der Sprecher.
Ladeinfrastruktur wird Teil des Energiesystems
Ein weiterer Projektpartner ist Shell Business Recharge Solutions (SBRS), ein Unternehmen der Shell Gruppe. Bei SPIRIT E ist SBRS verantwortlich für die Entwicklung und Validierung der leistungsstarken bidirektionalen DC Lade-infrastruktur. Die Hardware ermöglicht demnach die kontrollierte, sichere und intelligente Energieübertragung zwischen E-Lkw, Standort und Stromnetz. Bei dem Projekt wurden laut Shell erstmals keine proprietären technischen Lösungen eingesetzt, sondern ein System basierend auf dem neuesten Ladestandard, der DIN ISO 15118-20, das somit skalierbar und interoperabel einsetzbar ist. "Bidirektionales Laden verändert die Rolle von Ladeinfrastruktur grundlegend. Sie ist nicht länger nur ein Ladepunkt, sondern wird zu einem aktiven Bindeglied zwischen Mobilität und Energiesystem," sagt Conrad Mummert, Head of Shell Business Recharge Solutions.
Beitrag zu besseren TCO
Für Flotten im regionalen Einsatz mit planbaren Standzeiten kann laut Shell bidirektionales Laden damit einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der Total Cost of Ownership (TCO) leisten. "Mit SPIRIT E haben wir gezeigt, dass leistungsstarke bidirektionale DC Infrastruktur für eTrucks umsetzbar und im realen Betrieb beherrschbar ist. Für Flottenbetreiber eröffnet sich damit eine neue Dimension der Energieoptimierung: zuverlässig, skalierbar und wirtschaftlich attraktiv."
Markthochlauf bis Ende des Jahrzehnts erwartet
Im Reallabor des Projekts werden jetzt weitere bidirektionale Ladetests durchgeführt. Weitere Themen, die noch in diesem Jahr bearbeitet werden, sind laut MAN Shared Depot Charging sowie eine Reservierungsfunktion für halböffentliche Ladeinfrastruktur. Mit einem Markthochlauf rechnen die Verantwortlichen dann bis zum Ende des Jahrzehnts.
Das Projekt SPIRITE
SPIRITE erforscht den Einsatz bidirektionaler Ladeinfrastruktur in der elektrischen Schwerlastmobilität.
Zum Konsortium gehören unter anderem:
- MAN Truck & Bus
- Shell Business Recharge Solutions
- Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik
- TenneT
- Hubject
- Technische Universität München
Das Projekt wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert.






