Wer nur die jüngsten Schlagzeilen von Daimler Truck betrachtet, könnte den Eindruck gewinnen, dass der Nutzfahrzeugkonzern die schwierige Phase bereits hinter sich gelassen hat. Die Jahresprognose wurde angehoben, Trucks North America meldet kräftig steigende Auftragseingänge und in den USA soll ein neues Lkw-Werk entstehen. Ein Blick in den Zwischenbericht für das erste Halbjahr 2026 zeichnet jedoch ein deutlich differenzierteres Bild. Der Konzernumsatz sank gegenüber dem Vorjahreszeitraum um vier Prozent auf 22,3 Milliarden Euro. Das bereinigte EBIT fiel von 2,1 auf 1,336 Milliarden Euro – ein Minus von 36 Prozent. Das Ergebnis aus fortgeführten Aktivitäten nach Steuern sackte sogar von 994 auf 277 Millionen Euro ab.
Nordamerika verkauft mehr – verdient aber deutlich weniger
Besonders deutlich zeigt sich die Diskrepanz bei Trucks North America. Im zweiten Quartal verkaufte das Segment 41.687 Fahrzeuge und damit acht Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Trotzdem sank das bereinigte EBIT um 34 Prozent auf 435 Millionen Euro. Die bereinigte Umsatzrendite brach von 12,9 auf 8,4 Prozent ein. Im gesamten ersten Halbjahr lag das bereinigte EBIT sogar 55 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Daimler Truck nennt dafür mehrere Ursachen. Höhere Material- und Herstellungskosten infolge der US-Zölle belasteten das Ergebnis. Hinzu kamen negative Effekte aus der Absatzstruktur. Dem standen eine bessere Preisdurchsetzung und ein höheres Absatzvolumen gegenüber. Die Zölle erklären den Margenrückgang damit nur zum Teil.
Markt für schwere Klasse-8-Lkw bricht ein
Auf Halbjahressicht kam hinzu, dass der nordamerikanische Markt für schwere Klasse-8-Lkw um 14 Prozent schrumpfte. Daimler Truck setzte in Trucks North America in den ersten sechs Monaten 71.119 Fahrzeuge ab – acht Prozent weniger als im Vorjahr. Besonders stark war der Rückgang in Kanada mit 19 Prozent, in den USA betrug er sieben Prozent. Das Unternehmen führt diese Entwicklung wesentlich auf die Unsicherheit rund um die US-Zollpolitik zurück.
Wertminderungen verhageln zusätzlich das Konzernergebnis
Wer den Gewinneinbruch ausschließlich mit den Zöllen erklärt, greift jedoch zu kurz. Auf Konzernebene wirkten zusätzlich erhebliche Sondereffekte. Im zweiten Quartal verbuchte Daimler Truck eine Wertminderung von 222 Millionen Euro auf zum Verkauf gehaltene Anteile an Archion, dem Gemeinschaftsunternehmen von Daimler Truck und Toyota (Hino Motors). Weitere 297 Millionen Euro entfielen auf eine Wertminderung des verbleibenden Archion-Anteils. Im ersten Halbjahr kam außerdem eine Wertminderung von 199 Millionen Euro auf die Beteiligung an Amplify Cell Technologies hinzu, einem Joint Venture zur Batterieherstellung, das 2024 von Accelera in Zusammenarbeit mit Cummins, Daimler Truck North America und der DAF-Konzernmutter Paccar gegründet wurde. Diese Effekte schlugen letztlich auch auf die Steuerquote durch. Sie stieg im ersten Halbjahr von 30,8 auf 60,5 Prozent, weil die Wertminderungen steuerlich teilweise nicht berücksichtigt werden konnten.
Endkonsolidierung von Mitsubishi Fuso
Das erklärt auch eine auf den ersten Blick kuriose Zahl: Einschließlich aufgegebener Aktivitäten weist Daimler Truck für das erste Halbjahr ein Konzernergebnis von 1,662 Milliarden Euro aus – deutlich mehr als im Vorjahr. Dahinter steckt jedoch vor allem ein Ergebnisbeitrag von 1,385 Milliarden Euro aus der Endkonsolidierung von Mitsubishi Fuso. Für die Beurteilung des laufenden Geschäfts ist deshalb das Ergebnis der fortgeführten Aktivitäten von 277 Millionen Euro wesentlich aussagekräftiger.
Mercedes-Benz Trucks entwickelt sich stabiler
Während Nordamerika unter Druck stand, entwickelte sich Mercedes-Benz Trucks wesentlich robuster. Der Absatz stieg im ersten Halbjahr um elf Prozent auf 73.456 Fahrzeuge, der Umsatz um sieben Prozent auf 9,923 Milliarden Euro. Das bereinigte EBIT legte um sechs Prozent auf 550 Millionen Euro zu. Die bereinigte Umsatzrendite blieb mit 5,5 Prozent allerdings nahezu auf Vorjahresniveau. Daimler Buses musste dagegen einen Absatzrückgang von 16 Prozent verkraften. Besonders schwach liefen die Geschäfte in Lateinamerika und Nordamerika. Wegen der anhaltend schwierigen Marktlage in Lateinamerika und Mexiko hat Daimler Truck die Absatzprognose der Bussparte für 2026 von 25.000 bis 30.000 auf 20.000 bis 25.000 Fahrzeuge gesenkt.
Warum Daimler Truck trotzdem die Prognose erhöht
Die eigentliche Überraschung liegt deshalb weniger in den Quartalszahlen als im Ausblick. Daimler Truck erwartet für 2026 nun ein bereinigtes Konzern-EBIT zwischen 3,6 und 4,1 Milliarden Euro. Zuvor hatte die Spanne bei 3,2 bis 3,7 Milliarden Euro gelegen. Die bereinigte Umsatzrendite des Industriegeschäfts soll sieben bis neun Prozent erreichen statt bislang sechs bis acht Prozent. Der Grund liegt vor allem in Nordamerika. Das US-Handelsministerium hat den Antrag des Konzerns auf Anerkennung amerikanischer Wertschöpfungsanteile rückwirkend zum 1. November 2025 genehmigt. Daimler Truck erwartet deshalb künftig eine geringere Zollbelastung. Gleichzeitig rechnet das Unternehmen mit höheren Absatzzahlen. Für Trucks North America wurde die Absatzprognose auf 160.000 bis 180.000 Einheiten und die erwartete bereinigte Umsatzrendite auf neun bis elf Prozent angehoben. Wichtig dabei: Diese Verbesserung steckt in den schwachen Zahlen des zweiten Quartals noch nicht. Finanzvorständin Eva Scherer bezeichnete das Quartal deshalb als Wendepunkt. Das Produktionsprogramm für die zweite Jahreshälfte sei nahezu ausgebucht, und die positiven Effekte sollten sich ab dem dritten Quartal stärker in den Zahlen niederschlagen.
Auftragseingang in Nordamerika explodiert
Tatsächlich liefert der Auftragseingang Argumente für diese Zuversicht. Konzernweit stiegen die Bestellungen im zweiten Quartal um 27 Prozent. Bei Trucks North America erhöhten sie sich sogar um 156 Prozent auf 35.379 Fahrzeuge. Im ersten Halbjahr lagen die Bestellungen dort mit 94.574 Einheiten mehr als doppelt so hoch wie im Vorjahreszeitraum. Passend dazu hat Daimler Truck North America den Bau eines neuen Werks angekündigt. Der Baustart ist für Ende 2026 vorgesehen, die Produktion soll 2029 anlaufen. Gefertigt werden sollen dort sowohl Fernverkehrs-Lkw als auch Bau- und Spezialfahrzeuge. Mehrere Standorte werden derzeit geprüft. Die Anlage soll Tausende Arbeitsplätze schaffen. Eine konkrete Investitionssumme oder Produktionskapazität nennt Daimler Truck allerdings bislang nicht. Gleichzeitig wird die bisherige Lkw-Produktion in Portland bis Ende 2026 eingestellt. Die finanziellen Folgen dieser Entscheidung beziffert Daimler Truck derzeit auf einen hohen zweistelligen Millionenbetrag; sie sind in den Halbjahreszahlen noch nicht berücksichtigt.
Zweites Halbjahr muss die Wende liefern
Unterm Strich zeigt das erste Halbjahr damit ein gemischtes Bild. Zölle haben die Profitabilität insbesondere in Nordamerika erheblich belastet, waren aber nicht allein für die schwache Ergebnisentwicklung verantwortlich. Absatzmix, geringere Volumina im ersten Quartal, Wertminderungen auf Beteiligungen und schwache Busmärkte kamen hinzu. Gleichzeitig sprechen der sprunghaft gestiegene Auftragseingang in Nordamerika, die nachträglich verbesserte Zollbehandlung und das nahezu ausgelastete Produktionsprogramm für eine stärkere zweite Jahreshälfte. Damit hat Daimler Truck die Latte selbst höher gelegt: Nach einem bereinigten EBIT-Rückgang von 36 Prozent im ersten Halbjahr muss der Konzern in den kommenden Monaten deutlich zulegen, damit die angehobene Jahresprognose tatsächlich erreicht wird.
In Kürze: die Key Facts
- Konzernumsatz H1 2026: 22,3 Milliarden Euro, minus 4 Prozent
- Bereinigtes Konzern-EBIT H1: 1,336 Milliarden Euro, minus 36 Prozent
- Ergebnis fortgeführter Aktivitäten: 277 Millionen Euro, nach 994 Millionen Euro
- Trucks North America: bereinigtes EBIT H1 644 Millionen Euro, minus 55 Prozent
- Bereinigte Marge Trucks North America H1: 7,1 Prozent, nach 13,7 Prozent
- Mercedes-Benz Trucks: Absatz H1 +11 Prozent, bereinigtes EBIT +6 Prozent
- Daimler Buses: Absatz H1 -16 Prozent
- Gründe für die schwächere Profitabilität: US-Zölle, Absatzmix, schwächeres Nordamerika-Geschäft im ersten Quartal sowie Wertminderungen auf Archion und Amplify
- Auftragseingang Trucks North America Q2: +156 Prozent
- Neue Konzernprognose 2026: bereinigtes EBIT 3,6 bis 4,1 Milliarden Euro
- Neues US-Werk: Baustart Ende 2026, Produktionsbeginn 2029; Investitionssumme bislang nicht genannt









