Daimler Truck und Mercedes warnen vor EU-Regeln

EU-Klimaziele unter Beschuss
Daimler und Mercedes warnen vor Milliardenstrafen

Daimler Truck und die Mercedes-Benz Group fordern einen Realitätscheck der EU-CO₂-Regeln. Fehlende Ladeinfrastruktur und drohende Strafzahlungen setzen Hersteller und Speditionen unter Druck.

Karin Rådström (Daimler Truck) und Ola Källenius (Mercedes-Benz Group) vor Fahrzeugen ihrer Unternehmen. Beide kritisieren die EU-CO₂-Vorgaben und fordern realistischere Rahmenbedingungen für die Transformation.
Foto: Daimler Truck, Mercedes-Benz Group/KI-generiert via OpenAI

Die Kritik an den CO₂-Vorgaben der Europäischen Union für Nutzfahrzeuge wird lauter. Mit Daimler-Truck-Chefin Karin Rådström und Mercedes-Benz-Vorstandschef Ola Källenius haben sich innerhalb weniger Tage gleich zwei Spitzenmanager der ehemaligen Daimler AG öffentlich gegen die derzeitige Ausgestaltung der europäischen Klimaregulierung gestellt. Beide warnen vor Milliardenbelastungen für die Industrie und fordern einen Realitätscheck der CO₂-Vorgaben.

Existenziellen Folgen für die europäische Nutzfahrzeugindustrie

Während Daimler Truck vor existenziellen Folgen für die europäische Nutzfahrzeugindustrie warnt, sieht Mercedes-Benz die Wettbewerbsfähigkeit des gesamten Industriestandorts Europa in Gefahr. Die Aussagen kommen unabhängig voneinander, zeichnen jedoch ein bemerkenswert einheitliches Bild der Herausforderungen für Hersteller und Transportunternehmen.

Daimler Truck sieht Wettbewerbsfähigkeit gefährdet

Karin Rådström, Vorstandsvorsitzende von Daimler Truck und seit 2026 zudem Vorsitzende des Nutzfahrzeug-Ausschusses des europäischen Herstellerverbands ACEA, kritisiert insbesondere die CO₂-Regulierung für schwere Nutzfahrzeuge. Nach den derzeitigen EU-Vorgaben müssen die CO₂-Emissionen neuer schwerer Lkw bis 2030 gegenüber 2019 um 43 Prozent sinken. Nach Berechnungen von Daimler Truck müssten dafür rund 35 Prozent aller neu zugelassenen schweren Lkw bis 2030 batterieelektrisch oder mit Wasserstoffantrieb unterwegs sein. Derzeit liegt der Anteil emissionsfreier Lkw jedoch erst bei rund zwei Prozent.

Daimler drohen Millionen bis Milliarden-Strafzahlungen

Rådström warnt deshalb vor erheblichen wirtschaftlichen Risiken. Nach ihren Angaben würde Daimler Truck für jeden verfehlten Prozentpunkt beim CO₂-Ziel Strafzahlungen von rund 120 Millionen Euro leisten müssen. Bei einer deutlichen Zielverfehlung könnte das operative Ergebnis des europäischen Lkw-Geschäfts nahezu vollständig aufgezehrt werden. „Für die europäische Nutzfahrzeugindustrie hätte das also existenzielle Folgen“, sagte Rådström gegenüber dem „manager magazin“. Weiter sagte sie: „Wenn wir die Ziele zum Beispiel um zehn Prozentpunkte verfehlen, verdienen wir mit dem Segment Mercedes-Benz Trucks praktisch kein Geld mehr.“

Infrastruktur bleibt größtes Hindernis

Als entscheidendes Problem nennt Daimler Truck weiterhin den schleppenden Ausbau der Lade- und Wasserstoffinfrastruktur. Zwar seien batterieelektrische und wasserstoffbetriebene Lkw inzwischen verfügbar. Viele Transportunternehmen könnten jedoch nicht sicher sein, ihre Fahrzeuge entlang der Routen zuverlässig laden oder betanken zu können. Hinzu komme, dass der wirtschaftliche Betrieb vieler E-Lkw angesichts hoher Investitionskosten und fehlender Kostenparität zum Diesel bislang schwierig sei. Daimler Truck fordert deshalb eine Überprüfung der CO₂-Regulierung. Aus Sicht des Unternehmens sollten die gesetzlichen Vorgaben stärker an den tatsächlichen Ausbau der Infrastruktur und an politische Maßnahmen wie CO₂-differenzierte Lkw-Mautsysteme gekoppelt werden.

Auch Mercedes-Benz schlägt Alarm

Die Kritik beschränkt sich allerdings nicht auf den Nutzfahrzeugbereich. Auch die Mercedes-Benz Group sieht erhebliche Risiken durch die verschärften EU-Flottengrenzwerte für Pkw und Vans ab 2030. Vorstandschef Ola Källenius, zugleich Präsident des europäischen Herstellerverbands ACEA, warnt, dass die verschärften CO₂-Vorgaben milliardenschwere Strafzahlungen nach sich ziehen könnten. Aus seiner Sicht drohen die Regelungen die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Automobilindustrie weiter zu schwächen, wenn der Markthochlauf der Elektromobilität hinter den politischen Erwartungen zurückbleibt. Bei einer Veranstaltung der Zeitschrift „auto motor und sport“ warnte der ACEA-Präsident vor milliardenschweren Strafzahlungen und einer zunehmenden Schwächung des Industriestandorts Europa. „Die regulatorische Landschaft in Europa hat uns keinen Rückenwind gegeben und droht uns, in der Wirtschaftshierarchie nach unten zu verschieben“, sagte Källenius bei der Preisverleihung für die Sieger von „Best Cars“, der großen Leserwahl von „auto motor und sport“.

Kaufentscheidung treffen die Kunden

Källenius verweist darauf, dass die Hersteller den Absatz batterieelektrischer Fahrzeuge letztlich nicht allein steuern können. Kaufentscheidungen träfen die Kunden – und diese orientierten sich weiterhin an Faktoren wie Anschaffungskosten, Ladeinfrastruktur und Alltagstauglichkeit. Sollten die Verkaufszahlen emissionsfreier Fahrzeuge hinter den regulatorischen Vorgaben zurückbleiben, drohten empfindliche Strafzahlungen, die Investitionen in neue Technologien und Produktionsstandorte belasten könnten.

Klare Botschaft an Brüssel

Bemerkenswert ist dabei, dass sowohl Daimler Truck als auch Mercedes-Benz – seit der Aufspaltung 2021 eigenständige börsennotierte Unternehmen – innerhalb weniger Tage nahezu identische Botschaften nach Brüssel senden. Beide unterstützen das Ziel der Dekarbonisierung ausdrücklich, fordern jedoch einen stärkeren Bezug der Regulierung zur Realität beim Ausbau der Lade- und Wasserstoffinfrastruktur sowie zur tatsächlichen Marktnachfrage. Ein Zufall ist diese zeitliche und inhaltliche Übereinstimmung kaum. Beide Unternehmen vertreten ihre Positionen zwar unabhängig voneinander, senden aber ein ungewöhnlich geschlossenes Signal an die europäische Politik.

Was das für Speditionen bedeutet

Für Logistikunternehmen ist die Debatte weit mehr als ein Streit zwischen Industrie und Politik. Die CO₂-Vorgaben bestimmen maßgeblich, wie schnell Flotten auf batterieelektrische oder wasserstoffbetriebene Fahrzeuge umgestellt werden können. Bleiben Ladeinfrastruktur, Energiepreise und Förderbedingungen hinter den Erwartungen zurück, drohen nicht nur höhere Kosten für Fahrzeughersteller. Auch Speditionen müssten mit steigenden Fahrzeugpreisen, eingeschränkter Modellverfügbarkeit und einer unsicheren Investitionsplanung rechnen.

In Kürze: die Key Facts

  • Thema: Daimler Truck und Mercedes-Benz kritisieren die EU-CO₂-Vorgaben ab 2030.
  • Daimler Truck: Warnt vor Wettbewerbsnachteilen und hohen Strafzahlungen bei Verfehlung der CO₂-Ziele für schwere Lkw.
  • Mercedes-Benz Group: Sieht verschärfte Flottengrenzwerte für Pkw als Risiko für Wettbewerbsfähigkeit und Investitionen in Europa.
  • Kritikpunkt: Der Ausbau der Lade- und Wasserstoffinfrastruktur hält nach Ansicht der Hersteller nicht mit den regulatorischen Vorgaben Schritt.
  • Daimler-Truck-Berechnung: Für die EU-Ziele müssten bis 2030 rund 35 Prozent aller neuen schweren Lkw emissionsfrei fahren – 2025 lag der Anteil erst bei rund zwei Prozent.
  • Forderung: Überprüfung der CO₂-Regulierung und stärkere Verknüpfung der Vorgaben mit Infrastruktur, Marktentwicklung und wirtschaftlicher Realität.
  • Bedeutung für die Logistik: Speditionen benötigen Planungssicherheit sowie ausreichend Lade- und Wasserstoffinfrastruktur für den Umstieg auf emissionsfreie Nutzfahrzeuge.
  • Branchenbotschaft: Trotz der Trennung der Unternehmen senden Daimler Truck und Mercedes-Benz ein gemeinsames Signal an die EU: Klimaziele ja – aber mit realistischen Rahmenbedingungen.