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Verlagerung vorantreiben Schiene kann helfen

Lokrangierführerin Foto: DB AG/Oliver Lang

Wie Baden-Württemberg seine Klimaziele erreichen will – die Erkenntnisse vom 1. Güterverkehrskongress des Landes in Stuttgart.

Der Verkehrssektor hat seine Klimaziele im vergangenen Jahr verfehlt. Was muss passieren, um die Versäumnisse aufzuholen und um die Transport- und Logistikbranche so schnell wie möglich klimafreundlich aufzustellen? Darüber haben die Verantwortlichen im grün-schwarz regierten Baden-Württemberg klare Vorstellungen. Worauf es ankommt, erläuterte Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) am Mittwoch beim 1. Güterverkehrskongress seines Hauses in Stuttgart. Der Kongress ist Teil des vor zwei Jahren vorgestellten Güterverkehrskonzepts des Lands, das stark auf Austausch und Vernetzung setzt.

Hermann: dürfen die Klimakrise nicht hinten anstellen

Für den Minister steht fest, dass der Klimaschutz noch stärker ins Bewusstsein aller rücken muss. „Wir sind zu krisenfixiert“, sagte er mit Blick auf die politischen Verwerfungen. „Das birgt die ganz große Gefahr, dass wir eine große Krise hinten anstellen: die Klimakrise.“ Positiv in seinen Augen: dass es in puncto Klimaschutz einen gesellschaftlichen Konsens gibt. „Ich kenne keinen aufgeklärten Menschen mehr, der bezweifelt, dass wir etwas machen müssen.“ Das sei eine gute Basis.

Foto: Verkehrsministerium Baden-Württemberg/Sebastian Berger
Bis 2040 will Baden-Württemberg klimaneutral werden. „Das ist eine gewaltige Herausforderung, aber nicht unmöglich“, erklärt Landesverkehrsminister Winfried Hermann.

Die Ziele sind ehrgeizig. Bis 2040 will das Ländle klimaneutral werden – noch fünf Jahre, bevor die Bundesrepublik dies beabsichtigt. „Das ist eine gewaltige Herausforderung, aber nicht unmöglich“, erklärte Hermann. Bis 2030 hat die Landesregierung Zwischenschritte festgesetzt, zu denen der Individual- und der Güterverkehr ihren Beitrag leisten müssen. Für den Gütertransport heißt das: Jede zweite Tonne muss klimaneutral befördert werden. Dazu ist es laut Hermann erforderlich, Verkehre, sofern möglich, zu vermeiden beziehungsweise sie effizienter abzuwickeln, verstärkt auf alternative Verkehrsträger zu verlagern und die betreffenden Verkehrsmittel – auch den Lkw – klimaneutral zu machen.

Beim Verlagern präferiert der Grünen-Politiker die Bahn, die mit 16 Gramm an emittierten Treibhausgasen (THG) pro Tonnenkilometer (tkm) die beste Klimabilanz habe. Das Binnenschiff schneide mit 31 Gramm pro tkm auch gut ab. Zudem habe die Wasserstraße noch reichlich Kapazitäten – weswegen sich Hermann auch dafür stark macht, dass die Neckar-Schleusen auf das 135-Meter-Maß für größere Schiffe ausgebaut werden. Das Vorhaben ist im Bundesverkehrswegeplan priorisiert. Hermann befürchtet aber, dass Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) von der Dringlichkeit nicht mehr ganz so überzeugt ist – und will ihm noch einmal ein entsprechendes Schreiben zukommen lassen.

Hermann bekräftigt Willen zur Maut auf Landstraßen

Um die Verlagerung voranzutreiben, setzt Hermann auch auf die Lenkungswirkung der Lkw-Maut. Das Land plant eine eigene Gebühr auf seinen Landes- und Kommunalstraßen. Sollte es keine Unterstützung durch den Bund geben, will es die Maut im Alleingang durchsetzen. „Mir ist klar, dass das ein bisschen umstritten ist“, betonte Hermann – und erntete dafür Lacher im Publikum. Denn „bisschen“ ist untertrieben – die regionale Wirtschaft warnt ausdrücklich vor einer solchen Insellösung. Also erinnerte der Minister an die Einführung der Lkw-Maut auf deutschen Autobahnen 2005, die geräuschlos vonstattengegangen sei. Vom „Untergang des Abendlands“ sei damals die Rede gewesen. Doch die Speditionen seien damit klar gekommen und die Transportkosten weiterhin so minimal, „dass wir uns den weltweiten Transport leisten“.

Das Verlagern von Verkehren ist jedoch kein Selbstläufer, wie auch die Ausführungen von Jürgen Albersmann zeigten, Geschäftsführer des Logistikdienstleisters Contargo. Er sucht hängeringend Flächen zum Auf- und Ausbau von Containerterminals. Zum einen seien die Planungszeiten viel zu lang. Albersmann spricht von fünf Jahren, die von der Planung bis zur ersten Containerbewegung vergehen. „Außerdem gibt es Berührungsängste der Verlader, weil der Kombinierte Verkehr nicht binnen 24 Stunden von Werk zu Werk liefern kann“, sagte er. Wer sich aber darauf einlasse, habe den umweltfreundlichsten und Stau-unabhängigen Transport.

Foto: Contargo/Simone Staron
Sieht weiteres Verlagerungspotenzial: Contargo-Geschäftsführer Jürgen Albersmann sucht hängeringend Flächen zum Auf- und Ausbau von Containerterminals.

Und zu guter Letzt werde Contargo durch fehlende Kapazitäten im Wachstum gehemmt. Man sei dabei, jeden Standort im Rahmen der jeweiligen Möglichkeiten zu erweitern. Doch Kommunen fänden zunehmend Gefallen daran, in Hafennähe Wohnquartiere auszuweisen. „In Düsseldorf ist die teuerste Wohnlage inzwischen in der Speditionsstraße“, sagte Albersmann – was wiederum den baden-württembergischen Landesverkehrsminister alarmierte: „Es kann nicht sein, dass der Hafen zum schöner Wohnen genutzt wird“, erklärte Hermann und sagte an die Adresse der Logistiker: „Wenn Ihr diese Flächen aufgebt, werdet Ihr nie irgendwo mehr Ersatzflächen finden.“ Er weiß bei der Suche für KV-Terminal-Flächen, wie schwierig sich das Ganze gestaltet.

Und noch weitere Besonderheiten gibt es beim Verlagern von Verkehren zu beachten – nämlich die nicht zwingend von Anfang an gegebene Profitabilität für das jeweilige Verkehrsunternehmen. DB Cargo-Vorstandschefin Dr. Sigrid Nikutta sprach hier explizit das Segment des Einzelwagenverkehrs an. „Er ist keine Nebensächlichkeit, sondern so eine Art Herzstück“, sagte sie. Er ersetze täglich mindestens 40.000 Lkw-Fahrten.

Dr. Sigrid Nikutta Foto: DB AG/Max Lautenschläger
DB Cargo-Chefin Dr. Sigrid Nikutta ist vom Einzelwagenverkehr überzeugt und will dieses anspruchsvolle Segment noch weiter ausbauen. „Je mehr wir davon betreiben, desto höher fällt die CO2-Ersparnis aus.“

Das Problem nur: „Der Einzelwagenverkehr ist nicht eigenwirtschaftlich – in keinem Land der Welt.“ Andere Länder wie die Schweiz, Österreich oder Frankreich unterstützen die Betreiber hierbei. „Hier gibt es auch bei uns eine große Handlungsnotwendigkeit.“ Denn Nikutta ist vom Einzelwagenverkehr überzeugt und will dieses anspruchsvolle Segment noch weiter ausbauen. „Je mehr wir davon betreiben, desto höher fällt die CO2-Ersparnis aus.“ Laut der DB Cargo-Chefin lohnt es sich hier auch, einen langen Atem zu haben und darauf zu warten, bis das Segment mithilfe der Digitalisierung effizienter betrieben werden kann. Ein Streben nach kurzfristiger Optimierung sei hier wenig hilfreich. Nikuttas Credo: „Wir müssen die Dinge vom Ende her denken und langfristig betrachten.“

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