VDA-Präsident Mattes im Interview über die IAA

Digitalisierung zum Anfassen

Foto: Mario P. Rodrigues

Bernhard Mattes erlebt seine erste Nutzfahrzeug-IAA als VDA-Präsident. Eine große Rolle spielen die Megatrends CO2-Reduktion, Digitalisierung und Automatisierung. Diese Technologien sollen sich in Hannover mehr als zuvor erleben lassen.

Die 67. IAA ist Ihre erste Nutzfahrzeug-IAA als VDA-Präsident. Mit welchen Erwartungen und Gefühlen reisen Sie zur Messe?

Mattes: Diese IAA wird mit Sicherheit sehr spannend. Sie öffnet das Fenster zur Mobilität von morgen weit. Dazu passt auch das IAA-Motto: „Driving tomorrow“. Die Innovationstreiber sind Digitalisierung, Vernetzung, automatisiertes Fahren und Elektromobilität plus weitere alternative Antriebe. Auch die „last mile“ wird im Mittelpunkt stehen, also die urbane Logistik. Ich freue mich auf die IAA und ihre vielen Weltpremieren.

Welche Botschaft soll die IAA in diesem Jahr transportieren?

Mattes: Diese IAA zeigt, wie sehr die gesamte Nutzfahrzeugbranche im Aufbruch begriffen ist. Das umfasst die Hersteller von schweren Lkw, Transportern und Bussen, von Anhängern und Aufbauten und die vielen Zulieferer. Die Digitalisierung werden wir in allen Bereichen sehen, erleben, anfassen können.

In welchem wirtschaftlichen Umfeld findet die Messe statt?

Mattes: Die internationalen Nutzfahrzeugmärkte sind in guter Verfassung. Das gilt ebenso für die Kernmärkte Europa, China und Nordamerika, aber auch für zuletzt schwache Märkte wie Brasilien und Indien. Das gibt der IAA spürbaren Rückwind.

Können Sie das Wachstum quantifizieren?

Mattes: Der Markt für schwere Nutzfahrzeuge ist in Westeuropa in den ersten sieben Monaten des Jahres um knapp zwei Prozent auf 176.000 Fahrzeuge gewachsen. Die Treiber sind hier Italien mit plus zehn Prozent, Frankreich mit plus sieben Prozent, Spanien mit plus 5 Prozent. Auch Deutschland hat leicht zugelegt. Der chinesische Markt ist bis Juli um acht Prozent auf 858.000 Fahrzeuge gewachsen. Doch wird die dortige Nachfrage im weiteren Jahresverlauf voraussichtlich nachlassen – der Markt hatte 2017 schon ein sehr hohes Niveau erreicht. Der US-Markt ist bis Juli um 18 Prozent gestiegen, auf gut 266.000 Einheiten. Und Brasilien und Indien haben eine enorme Dynamik entwickelt – mit Wachstumsraten von 51 und 45 Prozent. Allerdings ist das Ausgangsniveau in beiden Ländern noch niedrig.

Könnten diese insgesamt starken Zahlen sich als Strohfeuer erweisen?

Mattes: Natürlich kennt auch die Nutzfahrzeugbranche Konjunkturzyklen. Doch hinter der aktuellen Entwicklung steht derzeit eine robuste Nachfrage nach Nutzfahrzeugen, besonders ausgeprägt sehen wir das in den USA. Nicht so positiv ist das Bild in Großbritannien mit minus 8 Prozent. Aber das lässt sich durch die aktuelle politische Entwicklung erklären, da wird der Brexit spürbar.

Welche Ziele haben Sie sich für die IAA 2018 gesteckt, was etwa Ausstellerzahlen oder Internationalisierung des Publikums angeht?

Mattes: Die Ausgangslage stimmt mich sehr zuversichtlich: Wir haben bei der Ausstellerzahl wieder ein sehr hohes Niveau, auch die IAA-Ausstellungsfläche ist sehr gut gebucht, die Premierenvielfalt wird alle faszinieren. Über Besucher reden wir nicht im Vorfeld, doch die Attraktivität dieser IAA ist deutlich erkennbar: Denn wir stellen die Megatrends in den Mittelpunkt der Messe, die die Nutzfahrzeugwelt bewegen. Gerade die New Mobility World bietet ein sehr spannendes und kreatives Programm rund um Transport und Mobilität der Zukunft. Wir stärken außerdem die Live-Komponente der IAA. Es geht darum, neue Technologien zu erleben. Beispielsweise stehen rund 40 elektrisch angetriebene Fahrzeuge für Probefahrten auf dem Messegelände zur Verfügung.

Was müssen sich die Besucher unter der New Mobility World vorstellen?

Mattes: Die New Mobility World haben wir gegenüber 2016 erheblich ausgeweitet, thematisch breiter aufgestellt und mit dem Pavillon P11 zudem einen neuen, attraktiven Platz gewählt. Hier kommt nicht nur die Nutzfahrzeugindustrie zusammen. Vom Start-up bis zum Telekommunikationskonzern sind viele Player vertreten, die an den Transportsystemen und Mobilitätslösungen von morgen mitarbeiten. Die New Mobility World verfügt über drei wesentliche Bausteine: Expo, Forum und Live. Expo steht für die Präsentation neuer Entwicklungen, Technologien und Ideen. Im Forum diskutieren mehr als 90 Experten, es ist ein großer Kongress. Und mit Live auf dem Freigelände schaffen wir eine begeisternde Erlebniswelt.

Bis vor Kurzem war die Nutzfahrzeug-IAA eine Messe, die getrieben war von Modellneuheiten. Heute geht es in der Diskussion vor allem um Digitalisierung und Automatisierung. Echte Modellerneuerungen treten dagegen in den Hintergrund. Welche Rolle spielen die klassischen Themen der Modellerneuerung noch?

Mattes: Das sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten einer Medaille: Jedes moderne Nutzfahrzeug braucht heute Digitalisierung und Vernetzung. Und wenn es wirklich emissionsfrei fahren will, wird es einen Elektro- oder Wasserstoffantrieb haben. Warum? Weil gerade für die Kunden im Nutzfahrzeug-Segment seit jeher Wirtschaftlichkeit und Transporteffizienz an erster Stelle stehen. Auf diesen Grundlagen treffen sie ihre Kaufentscheidung. Wichtig sind die Kosten pro transportierter Tonne – und zunehmend auch der CO2-Footprint, gerade als Differenzierungsmerkmal im Wettbewerb. Hier sind alle aktiv: die Hersteller von Nutzfahrzeugen, die Zulieferer – und besonders die Trailerhersteller. Sie treiben Leichtbau und Aerodynamik immer weiter voran. Und sie tragen mit ihren Produkten und Innovationen erheblich und ganz konkret zur Effizienzsteigerung bei.

Sie haben es schon angedeutet: Ein Fokus der Messe liegt auf dem städtischen Lieferverkehr. Wie genau zeigt sich das im Verlauf der Messe?

Mattes: Das Online-Geschäft boomt. Jedes Paket muss bis zur Haustür transportiert werden. Deshalb steigt die Nachfrage nach leisen und emissionsfreien Transportern. Hier auf der IAA werden wir erstmals E-Transporter in großer Zahl sehen. Das sind keine Konzept-Studien mehr, wie noch 2016, sondern Serienfahrzeuge, deren Produktion beginnt. Eine ähnliche Entwicklung gilt für den Stadtbus, auch hier wollen immer mehr Kommunen Fahrzeuge mit E-Antrieb – und unsere Aussteller bieten die Lösungen dafür.Über urbane Logistik wird natürlich auch im Forum intensiv diskutiert, – und zwar ganzheitlich, vom schweren Güterverkehr, über den Umschlag auf mittelgroße Verteilerfahrzeuge bis hin zum kompakten Lieferfahrzeug. Dazu gehören auf der letzten Meile auch neue Konzepte wie Lastenfahrräder mit E-Antrieb, die von Micro-Hubs aus versorgt werden. Es geht darum, die Transportleistung in der Stadt effizient, kostengünstig und gleichzeitig klimafreundlich zu gestalten. Die Online-Welt wird weiter wachsen, und damit die Kundenwünsche. Die Lieferung bis zur Haustür darf die Lebensqualität nicht beeinträchtigen, sondern muss sie erweitern. Das ist der Anspruch, den die Transport- und Logistikbranche an sich selbst hat.

Aber Sie beschränken sich doch nicht nur auf den städtischen Güterverkehr. Von zentraler Bedeutung für die Klimaziele ist es doch, auch den Güterfernverkehr anzugehen.

Mattes: Richtig, auch im Fernverkehr entwickeln die Hersteller Technologien, um die Klimabilanz zu verbessern - etwa das Platooning. Es bietet die Chance, den CO2-Ausstoß um zehn Prozent verringern und dabei die Verkehrssicherheit auch noch zu verbessern. Die Pilotversuche haben gezeigt, dass die Technologie funktioniert. Der nächste Schritt ist markenübergreifendes Platooning, damit die Vorteile in großem Maßstab genutzt werden können.

Und hier kommt auch dem ÖPNV mit Bussen eine große Bedeutung zu. Wie präsentiert sich dieses Fahrzeugsegment auf der Messe?

Mattes: Es gibt heute schon eine Vielzahl alternativer Antriebe für Stadtbusse. Klar ist: Die Zukunft gehört hier dem Elektroantrieb, das wird auf der IAA bei vielen Ausstellern deutlich zu sehen sein. Mittel- bis langfristig wird er das Gros der Antriebslösungen stellen. Die Nutzbarkeit des batterieelektrischen Antriebs ist hier heute schon groß. Reichweite und Kosten werden sich mit der Entwicklung der Batterietechnologie weiter verbessern.

Die deutschen Bushersteller waren aber nicht die ersten, die solche Antriebe zur Serienreife getrieben haben. Da waren ausländische Unternehmen deutlich schneller.

Mattes: Es geht nicht darum, immer Erster zu sein, sondern darum, überzeugende Modelle auf den Markt zu bringen. Das gehört zum Erfolgsrezept der deutschen Automobilindustrie. Wir werden auf der IAA viele Elektrobusse sehen, gerade auch von deutschen Herstellern. Klar ist aber auch: Stadtbusse werden fast ausschließlich von kommunalen Unternehmen gekauft. Haushaltsmittel sind immer begrenzt und die Investitionskosten für E-Busse hoch. Deswegen waren manche Städte bislang noch zurückhaltend. Doch das ändert sich gerade. Die Städte wollen die Luftqualität verbessern. Außerdem hat die Bundesregierung ein Förderprogramm aufgelegt. Das Angebot an E-Bussen wird jetzt schnell größer.

Es bewegt sich einiges in Sachen alternative Antriebe, was trotz der Ausstellung entsprechender Konzeptfahrzeuge jahrelang nicht geschehen ist. Was sind die Treiber hierfür?

Mattes: Die Kunden sind die Treiber. Sie äußern den Bedarf. Sie bestimmen, wie umweltgerecht die Flotten strukturiert sind. Die Hersteller haben aus dem Bedarf die entsprechenden Konsequenzen gezogen. Die Politik hat die Rahmenbedingungen für Investitionen verbessert. Trotzdem ist noch sehr viel zu tun.

Was erwarten Sie weiter von der Politik?

Mattes: Die Nutzfahrzeug-Industrie, insbesondere deutsche Hersteller und Zulieferer, zeigen in Hannover ihre große Innovationskraft. Das wollen wir den Politikern, die die Messe besuchen, zeigen. Die Politik sollte Rahmenbedingungen für Wachstum schaffen, den Standort weiter stärken und ganz konkret die Infrastruktur für alternative Antriebe konsequent auf den Weg bringen. Dazu gehören die Versorgung mit Wasserstoff für Brennstoffzellen-Fahrzeuge, ein Netz an LNG-Tankstellen sowie eine geeignete Ladeinfrastruktur für E-Fahrzeuge. Ein stabiles, flächendeckendes 5G-Mobilfunknetz ist für vernetzte und automatisierte Fahrzeuge ist besonders wichtig.

In der Diskussion [über CO2-Regulierung] wurde ihnen von Ihren Gegenübern mangelnde Anstrengungen vorgeworfen.

Mattes: Die Industrie orientiert sich natürlich am Markt und der Nachfrage. Der Kunde ist unser Treiber. Er verlangt einen möglichst niedrigen Verbrauch und dafür tun die Hersteller alles. Allein in den vergangenen fünf Jahren sank der CO2-Ausstoß neuer Lkw um etwa 8 Prozent. Trotzdem braucht es einen ganzheitlichen Ansatz, der neben dem Antrieb das gesamte Transportsystem einbezieht.

Größte Probleme bei der Einführung alternativer Antriebe bereitete bislang die entsprechende Versorgungsinfrastruktur. Wie kann dieser Knoten endlich durchschlagen werden?

Mattes: Es geht voran bei der Errichtung einer Ladeinfrastruktur – maßgeblich für das Pkw-Segment. Auch in Sachen LNG-Tankstellen tut sich etwas. Aufgrund der hohen Energiedichte von LNG muss die Versorgungsinfrastruktur nicht so dicht sein wie für batterieelektrische Fahrzeuge. Mit einer LNG-Tankfüllung kommen die Lkw sehr weit. Bis 2019 könnten es zehn Tankstellen in Deutschland sein. Das ist ein guter Anfang. Trotzdem hinken wir gegenüber anderen europäischen Ländern noch hinterher.

Sie sagten es schon: Die Ladeinfrastruktur ist für E-Pkw ausgelegt, aber nicht für Nutzfahrzeuge. Das reicht doch am Ende nicht.

Mattes: Für E-Stadtbusse wird es Ladepunkte entlang der Linien oder an Endhaltestellen und Depots geben. Hier werden auch schon erste Erfahrungen gesammelt. Leichte und mittelschwere Transporter können grundsätzlich auch die Ladeinfrastruktur nutzen, die für Pkw gedacht ist. Sie nutzen wie Pkw den europäisch genormten CCS-Stecker. Aber diese Fahrzeuge unterliegen ja ganz anderen Nutzungsmustern. Sie starten morgens auf einem Betriebshof und kehren dorthin zurück. Genau dort muss die Ladeinfrastruktur geschaffen werden.

Zuletzt stand gerade die Sicherheit von Nutzfahrzeugen auf der politischen Agenda. Was geschieht hier?

Mattes: Sicherheit von Nutzfahrzeugen ist ein ganz wichtiges Thema. Technologien wie Abbiege- und Notbremsassistenten zeigen die Hersteller auf der IAA, auch Zulieferer sind hier sehr innovativ. Notwendig ist eine Diskussion darüber, welche gesetzlichen Regelungen erforderlich sind. Ich halte gerade den Abbiegeassistenten für ein System, das jedes Nutzfahrzeug braucht, weil er allen Verkehrsteilnehmern hilft, vor allem auch dem Fahrer. Zudem wollen wir darüber sprechen, dass sich der Notbremsassistent nicht mehr abschalten lässt. Dabei muss es aber auch für bestimmte Fahrzeuge Ausnahmen geben, zum Beispiel in engen Baustellenbereichen.

In Europa wird nach wie vor über CO2-Grenzwerte für schwere Nutzfahrzeuge diskutiert. Welche Rolle wird das auf der IAA 2018 einnehmen?

Mattes: Natürlich beschäftigen wir uns mit diesem sehr wichtigen Thema. Die Kommission hat ihre Vorschläge im Sommer 2018 vorgestellt. Die Minderungsziele sind aus unserer Sicht unrealistisch. Die Vermutung liegt nahe, dass hier Reduktionsraten vom Pkw einfach auf den Lkw übertragen wurden. Das wird dem schweren Nutzfahrzeug nicht gerecht, denn es ist nicht mit einem Auto vergleichbar. Grundsätzlich gilt: Schon bisher wurde das Nutzfahrzeug auf äußerste Sparsamkeit im Verbrauch getrimmt – je transportierter Tonne. Dafür sorgt der beinharte Wettbewerb, dazu waren bislang keine EU-Vorgaben erforderlich. Es gibt also einen enormen marktwirtschaftlichen Druck zur Effizienzsteigerung. Wir brauchen eine Regulierung mit Augenmaß. Und dazu zählt auch, die Vielfalt der Nutzfahrzeuge nicht über einen Kamm zu scheren.

Was werden Sie sich als erstes auf der Messe anschauen?

Mattes: All das, was ich auf der IAA sehen will, ist nicht an einem Tag zu schaffen. Das sind die großen Trucks, die Busse und Transporter, die gesamte Palette an E-Fahrzeugen in jeglicher Ausprägung, die pfiffigen Ideen der Zulieferer und der Trailerhersteller – und natürlich das Aktionsprogramm von Live. Und sicher werde ich die spannenden Paneldiskussionen in der New Mobility World verfolgen. Wenn dann noch Zeit bleibt, gehe ich zu den Oldtimern und US-Trucks in Halle 21.

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