Großer Rückzug während Coronakrise?

Fahrer stecken auf Parkplätzen fest

Faktencheck FF 6/2020, Wo sind die Osteuropäer in Zeiten von Corona? Kabotage, Sozialdumping, Nomadentum. Foto: Jan Bergrath

In der Coronakrise sind die Preise am Frachtmarkt implodiert, in den sozialen Medien wird darüber spekuliert, ob sich die großen Flotten aus Osteuropa zurückgezogen haben.

Die Nachricht ging wie ein Lauffeuer durch die sozialen Netzwerke: Die ungarische Spedition Waberers habe kollektiv die Flucht angetreten, die Lkw seien alle zurück in die Zentrale berufen worden. Das ist nur teilweise richtig. Bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe waren es etwa 40 Prozent von 4.300 Lkw. Vor allem der Einbruch im Bereich Automotive hat dem Unternehmen mit der Sonne als Markenzeichen massiv zugesetzt.

Überfüllte Parkplätze

Auch Bilder von auf deutschen Rastplätzen abgestellten Autotransportern machten die Runde. In der Tat gibt es seit Wochen für diese Spezialfahrzeuge keine Aufträge. Die Fahrer wurden in die Heimat zurückgeholt. Interessant ist ein Blick in die Frachtenbörse Timocom. Auf Screenshots, die ebenfalls in den sozialen Medien kursieren, haben bekannte Frachtführer ihre innerdeutschen Touren zu einem Spottpreis weiterverkauft, was zu der berechtigten Frage geführt hat, wieso gebietsfremde Speditionen überhaupt so viele innerdeutsche Touren fahren konnten. Dazu hat Gunnar Gburek, Unternehmenssprecher von Timocom, am 15.4. in der Sendung "FERNFAHRER LIVE" Stellung bezogen. Konkrete Zahlen, wie viele Lkw aus Osteuropa in der Krise noch am Frachtmarkt teilnehmen, gibt es aktuell keine.

Wochenruhezeit im Lkw - Polizei schaut weg

Allerdings ist nun ein neues Problem aufgetreten. Seit dem Shutdown der Wirtschaft gab es bundesweit bis nach Ostern Kontaktsperren für alle in Deutschland. Oder doch nicht? Ein einziger Besuch auf der Raststätte Frechener Land an der A4 lässt daran massive Zweifel aufkommen. Über Ostern waren die Parkplätze auf beiden Seiten bis auf den letzten Platz voll mit Lkw aus Osteuropa. Eine kurze Stichprobe ergab: Viele der Fahrer mussten dort volle drei Tage stehen bleiben, bis sie zum Teil erst am Dienstag bei Kunden in NRW ausladen konnten. Alle verbrachten diese Zeit im Lkw. Und das vor den Augen der Autobahnpolizei Köln. Mitten in der Coronakrise standen Fahrer zwischen den Fahrzeugen in Gruppen zusammen, kochten und tranken Alkohol – was dem gemeinen Bürger im Rahmen einer Grillparty untersagt war. Ein Besuch von Ordnungsamt oder Polizei etwa in Köln wäre die Folge gewesen.

Die Beamten der Wache Frechen mussten erst besonders auf diesen Missstand hingewiesen werden – und sie rückten zumindest in diesem einen Fall aus. Eine Nachfrage beim Innenministerium von NRW, ob das Problem, dass diese Fahrer aus Osteuropa, die ja nach wie vor ihre regelmäßige wöchentliche Ruhezeit nicht im Lkw verbringen dürfen, mit Absicht "übersehen" werde, beantwortete ein Sprecher wie folgt: "Für die Polizei Nordrhein-Westfalen ist festzuhalten, dass diese unter gebührender Berücksichtigung der aktuellen Lage nach wie vor landesweit die Sozialvorschriften im Straßenverkehr von in- und ausländischen Fahrzeugführern nach pflichtgemäßem Ermessen überprüft und Ordnungswidrigkeiten im Bereich aller Lenk- und Ruhezeiten verfolgt, sofern keine besonderen aktuellen Ausnahmeregelungen bestehen."

Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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2. Mai 2020
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