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BusBlog zur Abbiegeassistenten-Diskussion

Innovationsdruck versus Gesetzeszwang

Foto: Rui Cardoso

Derzeit zeigt sich in Öffentlichkeit und Politik ein deutliches Momentum für die Einführung oder gar Nachrüstung von Abbiegeassistenten. Man ist geneigt zu rufen: "Und täglich grüßt das Murmeltier!" Viele Sicherheitssysteme werden von Innovationsführern vorangetrieben, dann vom Gesetzgeber bemerkt und bestenfalls vom Wettbewerb hektisch nachgeahmt. Könnte die Industrie bei diesem Thema nicht mehr an einem Strang ziehen?

13.07.2018 Thorsten Wagner

Gestern war wieder einer dieser Tage an dem die Politik hektischen Aktionismus demonstrierte – diesmal in Sachen Abbiegeassistent für Lkw. BMVI-Minister Scheuer hatte alle Player eingeladen und eine "Aktion Abbiegeassistent" ins Leben gerufen.

Löblich, auch wenn der Hashtag #IchhabDenAssi doch semantisch etwas missglückt ist. Ganz nebenbei kann das ansonsten eher glücklos agierende Ministerium Tatkraft und Bürgernähe demonstrieren. Neben den anderen Automobil- und Logistikverbänden war auch der Bundesverband Deutscher Busunternehmer (bdo) mit von der Partie, auch wenn der Bus in der Diskussion fast völlig ausgeblendet ist. Kein Wunder, ist er doch selten in schwere Unfälle verwickelt und hat bauartbedingt auch kein massives Problem mit der Sicht nach rechts, gerade im Stadtbus.

Der Gesetzgeber reagiert auf den Innovationsführer

Trotzdem kommt nun auch im Busbereich Bewegung ins Thema, dem Sicherheits-Marktführer sei Dank! Nein, jetzt folgt kein Werbeblock für den Stern aus Stuttgart, nur ehrliche Anerkennung von jahrelanger Innovationskraft und -willen. Sei es ESP, Notbremsassistent, Spurwechselassistent, Müdigkeitsassistent – fast immer war es die Marke Mercedes, die diese Systeme einige Jahre vor dem Wettbewerb und einer gesetzlichen Verpflichtung angeboten hat. Nicht ganz ohne Süffisanz kann es sich Daimler leisten, in der Pressemappe zur IAA in Bezug auf den ABA4 zu formulieren: "Der Active Brake Assist kann Leben retten. Deshalb hat der Gesetzgeber auf die Entwicklungen von Mercedes‑Benz reagiert: Bremssysteme sind seit November 2015 für neu zugelassene Reisebusse und Lkw vorgeschrieben." Man muss es sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen: "Der Gesetzgeber reagiert auf die Entwicklung ...".

Ähnliches vollzieht sich jetzt beim neuesten Hashtag-"Assi", dem Abbiegeassistent: MAN bekam schon anno 2007 (!) für einen Prototypen einen Innovationspreis vom ADAC verliehen, passiert ist danach: nichts greif- oder gar kaufbares. Daimler bietet ihn jetzt einfach an: für Trucks und Busse. Und als sei das nicht genug, wird gleich noch ein Spurwechselassi draufgepackt und der ABA mit der Nummer 4 mit einer Fußgängererkennung und einer selbsttätigen Reaktivierung nach 10 Minuten aufgebohrt (andere Hersteller streichen einfach den Aus-Schalter aus der Serie, liefern auf Wunsch aber trotzdem weiter). Jetzt der nächste Paukenschlag bei der Premiere des neuen eCitaro in Mainz: Beide Systeme werden in einer etwas angepassten Auslegung auch für den Stadtbus angeboten. Denn wo macht eine automatisierte Fußgängererkennung mehr Sinn als in der wuseligen Innenstadt? Es gibt durchaus andere, 2018 vorgestellte, neuentwickelte Stadtbusbaureihen, die absolut nichts Neues in Sachen Sicherheit zu bieten haben. Eigentlich unfassbar.

Gesteigertes Sicherheitsgefühl mit Sideguard Assist

Was bringt der neue Sideguard Assist in der Praxis? In zwei Fahrzeugen durfte ich das System nun schon länger erleben und ich bin begeistert. Auch wenn keine akustische Warnung erfolgt, was den anwesenden Fahrgästen Ruhe beschert, ist schon der optische Alarm im rechten Außenspiegel (zuerst gelb, dann rot, dann dunkelrot) und im Instrumentendisplay hochwirksam. Wenn es so richtig eng wird, kommen auch noch die Sitzvibratoren zum Einsatz, die dem Reisebusfahrer schon zur lieben Gewohnheit geworden sind – alle #MeToo verdächtigen Witze hierzu wurden bereits gerissen und wirken daher kaum noch.

Gerade im Bus ist die Funktion der "Schleppkurvenerkennung" ­– kurz erklärt: Hat der Fahrer weit genug ausgeholt, um die Kurve zu schaffen? – sehr sinnvoll, zumal sie auch auf stationäre Hindernisse wie Lampenpfosten anspringt. Aber auch das gefühlt deutlich gesteigerte Sicherheitsgefühl, sich mit einem schnellen Blick in den Spiegel vergewissern zu können, das alles klar ist, macht das Fahren souveräner im Stadtgewimmel. Bald möchte man das System gar nicht mehr missen, auch auf der Autobahn, wo der Detektionsbereich der Radarsensoren bis auf 15 Meter über das Fahrzeug hinaus nach hinten verlängert wird, um das Einscheren nach dem Überholvorgang zu erleichtern.

MAN verzichtet bald auf die Außenspiegel

Aber auch München antwortet wieder mit Verspätung – und zwar zuerst im Bus. Unlängst stellte MAN auf dem Rollfeld des BER (auch diese Witze sind alle schon gemacht!) neben einem Lkw-Mini-Platoon einen neuen Neoplan Cityliner mit wilder Beklebung und fehlenden Außenspiegeln vor. Das französische Zulieferer-System ist als Spiegelersatzsystem gebrandet und dient vorerst ausschließlich der Verbesserung des Sichtfeldes inkl. Weitwinkel- und Kontraststeigerungsfunktion.

Eine Warnfunktion beim Abbiegen sei zwar schon beim Zulieferer in Vorbereitung, werde aber im ersten Step nicht von MAN angeboten. Da fragt man sich doch, was haben die Techniker zehn Jahre lang gemacht!? Funktioniert hat das System dann aber sehr profund, nach zwei Kurven hatten sich Hirn und Augen daran gewöhnt, andere Fokusebenen zu suchen und zu finden.

Die Industrie sollte in Sachen Sicherheit an einem Strang ziehen

Kommen wir zur Quintessenz dieser Betrachtung: Warum hinkt der Gesetzgeber der technischen Entwicklung um rund fünf Jahre hinterher? Und warum denken viele Hersteller, es sich leisten zu können, Fast oder Slow Follower zu sein in Sachen Sicherheit und neue Systeme erst in letzter Minute einzuführen, wenn der ohnehin schon nachhechelnde Gesetzgeber sie verpflichtend macht?

Warum schafft es die Industrie nicht, bei diesen essentiellen Sicherheitsthemen über den wettbewerblichen Schatten zu springen und an einem Strang für gemeinsame Forschung zu ziehen? Ist es wirklich akzeptabel, sich mit Sicherheitssystemen Wettbewerbsvorteile zu "erkaufen"? Würde die gemeinsame Forschung und Entwicklung nicht den Themen Standardisierung, Economy of Scales und Einführungsterminen und auch der simplen Leistungsfähigkeit der Systeme einen deutlichen Schub verleihen? Sollte Sicherheit nicht Markenkern der gesamten Branche werden und nicht nur der von einer Handvoll Premium-Marken? So mancher mag die Idee nicht recht goutieren – aus unternehmerischen Gründen. Aber sollte uns nicht die "Vision Zero" der EU zum unfallfreien Fahren alles Wert sein, auch ein paar Wettbewerbsvorteile? Ich denke schon – denn jeder Tote, den moderne Assistenten verhindern können, klagt die grundlose Untätigkeit in vielen Bereichen an.

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