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Foto: Martin Daniels

Scania Used Parts Centre

Was vom Scania übrig bleibt

Im Scania Used Parts Centre zerlegt ein Team Unfall- und Gebrauchtfahrzeuge und rettet die noch guten Teile. Kunden können über ihren Scania-Händler die Ersatzteile bestellen – und rund 50 Prozent gegenüber dem Neupreis sparen.

Mittwochmorgen, acht Uhr: Gerald Hoijtink fährt auf den Hof des Scania Used Parts Centres im belgischen Opglabbeek. Auf seinem Sattelauflieger ist eine verunfallte Zugmaschine verzurrt. Schon morgen Nachmittag wird sie in ihre Einzelteile zerlegt sein. Hoijtink rangiert rückwärts in die Halle, dort baumeln vom Kran bereits die Hebeketten, mit denen die Zugmaschine innerhalb weniger Minuten abgeladen wird. Nun beginnt die eigentliche Arbeit: In der Grube lässt Edward Doekes Motor- und Getriebeöl sowie die Kühlflüssigkeit ab, vorne verschafft sich Alex Vande Weyer Zugang zu den Leitungen der Klimaanlage. Die Front ist nach dem Auffahrunfall stark beschädigt, die Wartungsklappe lässt sich nicht öffnen – mit sanfter Gewalt und mithilfe des Krans gibt die Klappe schließlich nach. Alex evakuiert das Kältemittel und kappt währenddessen alle Luftleitungen und Stromkabel, die vom Chassis zum Fahrerhaus führen. Alles, was nicht beschädigt ist, wandert ins Lager Während bei einem Fahrerhauswechsel in der Werkstatt jede Leitung und jedes Kabel mühsam und zeitraubend abgeschraubt werden müsste, frisst sich der Seitenschneider in wenigen Sekunden durch ein armdickes Kabelbündel. Noch vor der Mittagspause befestigt Alex Vande Weyer ein Hebegestell an der verbogenen Kabine und zieht sie leicht in die Höhe, um an die letzten Verschraubungen zu gelangen. Wenig später hängt das Fahrerhaus in der Luft und schwebt an den Arbeitsplatz von Edward Doekes. Er baut nun alle brauchbaren Teile aus, angefangen bei den Sitzen, über das Lenkrad, Armaturenbrett bis zur kompletten Innenverkleidung. Alles, was nicht beschädigt ist und sich noch wiederverwenden und verkaufen lässt, wandert ins Lager. Am Arbeitsplatz von Alex Vande Weyer bleibt das Chassis samt Achsen und Motor zurück. Mittagspause. Selbst stark beschädigte Lkw können mehrere Zehntausend Euro kosten Stef Ooms ist Manager im Used Parts Centre und verantwortlich für genügend Nachschub für sein Elf-Mann-Team. "Einkauf ist Kampf", sagt der 44-Jährige, der selbst 16 Jahre lang Lkw-Fahrer war. "Oft bieten Händler aus Osteuropa sehr hohe Summen für stark beschädigte Fahrzeuge. Die sind dann nur am Rahmen und den Papieren interessiert", sagt Ooms und schüttelt den Kopf. Vor Kurzem hatte er selbst Glück und erhielt den Zuschlag für das "sehr interessante Fahrzeug", das seine Mitarbeiter gerade zerlegen. Auf den ersten Blick sieht der fünf Jahre alte Scania gar nicht nach einem Totalschaden aus. Zwar ist die Front beschädigt und das Fahrerhaus nach dem Auffahrunfall deutlich verschoben, dennoch schrieb die Versicherung das Fahrzeug als Totalschaden ab – eine Reparatur hätte sich ganz knapp nicht mehr gelohnt. Interessant ist der Lkw vor allem, da der Motor erst 500.000 Kilometer gelaufen ist und Getriebe und Differenzial nicht beschädigt sind. "Außerdem war das Fahrzeug top gepflegt", sagt Ooms, der den bisherigen Eigentümer kennt. Wie kommt er an die Fahrzeuge? Zum einen über Scania-Händler, die Gebrauchtfahrzeuge zurücknehmen, zum anderen über Versicherungen. Nach einem Unfall, bei dem sich eine Reparatur nicht mehr rechnet, schickt die Versicherung Bilder und Daten des Fahrzeugs an verschiedene Gebrauchtfahrzeug-Händler.  Wer am meisten bietet, bekommt den Zuschlag und darf den Lkw abholen. Konkrete Zahlen sind dem Chef nicht zu entlocken, nur so viel: Selbst äußerlich stark beschädigte Trucks können im Einkauf deutlich mehr als 10.000 Euro kosten, wenn die Laufleistung entsprechend niedrig ist. Motor, Getriebe und Differenzial sind die drei großen Komponenten, die später das meiste Geld bringen werden. Auch Gussteile wie Radnaben und Achsschenkel werden häufig nachgefragt und verkauft. Bei Gebrauchtfahrzeugen ohne Unfall wandert oft das komplette Fahrerhaus ins Lager: Schließlich kann ein neues Fahrerhaus bis zu 30.000 Euro kosten, ein gutes Gebrauchtes vom Used Parts Centre dagegen nur rund die Hälfte. Verkauft wird ausschließlich an Scania-Werkstätten, niemals an den Endverbraucher direkt. "Natürlich wollen die Werkstätten auch Neuteile verkaufen, aber eine zeitwertgerechte Reparatur wird für die Kunden immer wichtiger", sagt Ooms und fügt hinzu: "Wir wollen den Kunden möglichst immer eine Lösung und eine Alternative zum Neuteil bieten." Die Qualität der Originalteile sei so gut, dass selbst gebrauchte Originalteile manchmal teurer sind als Neuteile aus dem unabhängigen Ersatzteilmarkt. Nach einem Tag ist die Zugmaschine bereits zur Hälfte zerlegt Die Konkurrenz ist groß, es ist gibt mehrere Händler, die Fahrzeuge selbst ausschlachten und die Teile verkaufen. Hin und wieder versuchen sich auch andere Lkw-Werkstätten daran, einen Lkw zu zerlegen. "Aber dann haben sie Teile von nur einem Lkw auf Lager, die sie eventuell lange Zeit nicht verkaufen können", berichtet Stef Ooms. Der Vorteil des Used Parts Centres ist die Vielfalt der gelagerten Ersatzteile. "Von A wie Anlasser bis Z wie Zylinderkopf haben wir praktisch alles auf Lager, und das für viele verschiedene Fahrzeuge", sagt Ooms. Während sich Edward Doekes mittlerweile mit dem Fahrerhaus beschäftigt, löst Alex Vande Weyer den völlig zerstörten Kühler und alle Verbindungen zwischen Motor und Chassis. Auspuff, Gelenkwelle, Hydraulikantrieb, Motorhalterungen, Diesel- und Adblue-Tank – alles wird demontiert, um gleich morgen früh die Motor-Getriebe-Einheit herauszuheben. Am nächsten Morgen geht alles wieder schnell: Alex befestigt die Hebeketten an Motor und Getriebe, hebt beides zusammen aus dem Chassis und parkt den Block auf einer Palette. Außer dem Rahmen und beiden Achsen ist nun nicht mehr viel übrig von der Zugmaschine. In der nächsten Stunde rattert pausenlos der Schlagschrauber. Drucklufttanks, Batteriekasten, Ventile, Stoßdämpfer und Federbälge – alles, was noch mit dem Chassis verschraubt ist, kommt ab. Kurz vor der Mittagspause löst Alex die Achsen vom Chassis und hebt den Rahmen an – ein Kollege nimmt die Achsen mit dem Gabelstapler auf und fährt sie in die Waschhalle. In der Zwischenzeit holen sich die Lagermitarbeiter einzelne Bauteile aus den acht Boxen, die rechts und links neben der Arbeitsfläche von Alex Vande Weyer stehen. In diese hat er alle demontierten Teile gelegt: eine Kiste für Kabel, eine für Plastikteile, eine weitere für diverse Halter und Streben.  Die Lageristen nehmen jedes saubere und offensichtlich brauchbare Teil mit ins Lager und untersuchen es auf Schäden. Ist das Teil in Ordnung, wird es im Computer vermerkt und bekommt auf einem Etikett eine Teilenummer und einen Lagerplatz zugewiesen. Zeit für einen Blick ins 9.000 Quadratmeter große und fünf Stockwerke hohe Lager. Hier entsteht der Eindruck, man könnte aus den Einzelteilen einen ganzen Fuhrpark zusammensetzen. Etwa 60 Motoren stehen in den Regalen, gut die Hälfte davon mit einem grünen Zettel: geprüft und bereit zum Verkauf. Die andere Hälfte mit gelben oder roten Zetteln wird nach und nach zerlegt, geprüft und wieder aufgebaut. Auf den Zetteln stehen Laufleistungen von 50.000 bis 950.000 Kilometern. Je nach Motor kauft Ooms Fahrzeuge mit Laufleistungen bis zu einer Million Kilometer. "Bei V8-Motoren ist das gar kein Problem, die laufen nahezu ewig", sagt Ooms. Allerdings seien diese in den Beneluxländern kaum gefragt, eher in Skandinavien, wo Lkw mit bis zu 60 Tonnen Gesamtgewicht fahren dürfen. Im riesigen Lager gibt es fast jedes Ersatzteil für einen Scania In einem weiteren Hochregal lagern rund 30 Fahrerhäuser in verschiedenen Ausstattungen und Stadien, von der Rohkarosse bis zur komplett ausgestatteten Kabine. Ob Spiegel, Stoßstangen oder Kühlergrills – alle Teile, die bei kleineren Unfällen oft beschädigt werden, verkaufen sich gut. Kurios: Vor allem Türen gehen weg wie geschnitten Brot. "Wenn ich hier heute 100 Türen hätte, wären die garantiert nächste Woche schon alle verkauft", sagt Ooms. In einem separaten Raum befindet sich das sogenannte High-Value-Lager für besonders teure Bauteile. Die vielen Steuergeräte und Instrumente aus den Fahrerhäusern spülen reichlich Geld in die Kasse. "Ein Steuergerät bringt zwischen 400 und 1.000 Euro, ein Kombiinstrument oder die Klimaanlagenregelung jeweils rund 500 Euro", sagt Stef Ooms. Alle Steuergeräte werden vor dem Verkauf geprüft. Werkstätten können die Teile bis zu zehn Tage lang umtauschen, wenn sich herausstellt, dass das Teil nicht Ursache für den Fehler und Werkstattaufenthalt war. Mit den gebrauchten Ersatzteilen spart der Kunde rund 50 Prozent gegenüber einem neuen Originalteil. "Wir haben vielleicht nicht die billigsten Ersatzteile auf dem Markt, aber die besten", versichert Stef Ooms. Die Gebrauchtteilegarantie beträgt sechs Monate, in den ersten drei Monaten übernimmt Scania alle durch einen Schaden des Ersatzteils entstehenden Kosten. Insgesamt gebe es aber weniger als ein Prozent Garantiefälle. Sicherheitsrelevante Bauteile wie Airbags oder Gurte werden grundsätzlich nicht verkauft, sondern vernichtet. Auch Kleinteile für weniger als 50 Euro lohnen den hohen Demontage- und Lagerverwaltungsaufwand meist nicht. Am Nachmittag des zweiten Tages ist von der Zugmaschine nur noch ein trauriger Rest übrig. Alex Vande Weyer zündet den Schneidbrenner und zertrennt die letzten Traversen zwischen den Längsträgern. Mit dem Kran lädt er die Träger direkt im Schrottcontainer ab. Gleichzeitig verschwindet im Büro von Stef Ooms der Fahrzeugbrief im Schredder – nun existiert der Lkw auch offiziell nicht mehr.

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27. Juli 2016
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Fred Dremel, Experte für Sozialvorschriften für das Fahrpersonal im Strassenverkehr, Arbeitszeitrecht , Kontrollgeräte Fred Dremel Sozialvorschriften
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