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Prävention: Tüfteln für Sicherheit

Die Wirksamkeit von Fahrerassistenzsystemen ist seit Jahren unbestritten. Trotzdem bleiben Speditionen beim Kauf zurückhaltend. Einiges könnte die Nachfrage verbessern.

Vor drei Jahren stellte die Unfallforschung der Versicherer (UDV) das theoretische Nutzenpotenzial verschiedener Fahrerassistenzsysteme, kurz FAS, vor.
Untersucht wurden Unfälle mit Personenschaden und einem Schadenaufwand ab 15.000 Euro. Die langjährige Studie zeigte: Moderne FAS können das Unfallgeschehen positiv beeinflussen. Das errechnete Nutzenpotenzial bei Lkw-Unfällen rangierte zwischen zwei Prozent beim Spurverlassenswarner und zwölf Prozent beim Notbremsassistenten. "Diese Ergebnisse gelten auch heute noch", betont GDV-Sprecher Siegfried Brockmann. Doch laut der Deutschen Verkehrswacht hatten 2012 nur rund fünf Prozent der schweren Lkw ein Elektronisches Stabilitätssystem (ESP) an Bord, während es in neuen Bussen und Autos weit verbreitet sei.

FAS sollte im Fuhrpark selbstverständlich sein

Bei manchem Spediteur ist angesichts vieler Unfälle mit enormen Schäden im Rahmen von Riskmanagement bereits die Erkenntnis gereift, dass FAS im modernen Fuhrpark selbstverständlich sein sollten und ihr Einsatz langfristig auch Ärger und Kosten reduziert. Auch andere in der Branche haben den Nutzen von FAS für sich entdeckt. Seit dem Jahr 2012 bietet beispielsweise der Lkw-Vermieter Paclease neu zugelassene DAF-Fahrzeuge mit einem Sicherheitspaket an. Das Paket namens Bodyguard beinhaltet einen Abstandsregeltempomaten sowie einen Spurhalteassistenten. Die elektronischen Helfer sind bei den Neufahrzeugen Standard und kosten keinen Mietaufpreis.

Kein Nachrüsten für ältere Fahrzeuge

In den meisten Speditionen sei der Einsatz leider noch nicht obligatorisch, sagt Uli Uhlendorf, Unfallforscher an der TU Dresden. Eine Nachrüstung älterer Fahrzeuge böten die Hersteller allesamt nicht an. Wer die Systeme einsetzen will, muss also gleich zuschlagen. Das Problem sei, sagt Uhlendorf, dass jeder Lkw auf Kundenwunsch individuell zusammengestellt würde. Was nicht zwingend nötig ist, wird dann oft aus Kostengründen eingespart. Und weil Beinahe-Unfälle den Versicherungen nicht genannt werden, ist das Vermeidungspotenzial auch nur theoretisch bekannt. Meistverkauft ist der Abstandsregeltempomat – "wahrscheinlich, weil er auch Komfort für den Fahrer bietet", sagt Uhlendorf.

Beim Lkw-Hersteller Daimler entscheiden sich laut einer Sprecherin etwa drei Viertel der Kunden beim FAS-Kauf für eines der drei Sicherheitspakete. Einzelpreise teilen die Stuttgarter daher nicht extra mit, ebenso wie Iveco und Scania. Iveco-Unternehmenssprecher Manfred Kuchlmayr sagt offen: "Die Systeme sind einfach viel zu teuer." Hinzu komme, dass die Fahrer den Spurwechselassistenten oft abschalten würden, "der Ton ist einfach nervtötend". Er erhofft sich von der Versicherungswirtschaft eine neue Initiative, um für den Einsatz der Systeme in Speditionen Anreize zu schaffen.
"Politisch unterstützen wir die Ausstattung der Fahrzeuge mit FAS", sagt R+V-Sprecher Frank Senger. Ende 2012 stellte die Versicherung die Ergebnisse einer Branchenstudie zum Einfluss von FAS auf den Schadensverlauf vor. ESP, ACC und LGS zusammen angewendet, verbessern die Sicherheit von Nutzfahrzeugen deutlich, heißt es darin. Ausgestattete Fahrzeuge waren um 34 Prozent seltener an Unfällen beteiligt (www.fahrer-assistenz-systeme.de).

Scania forscht an nächster Generation der Unterstützungssysteme

Obwohl viele auf dem Markt befindliche Systeme noch gar nicht flächendeckend im Einsatz sind, tüftelt Scania – und sicher nicht nur die Schweden –
nach eigenen Angaben in ihrem Forschungs- und Entwicklungszentrum in Södertälje an der nächsten Generation der Unterstützungssysteme. "Diese könnten den Fahrer künftig in Verkehrssituationen wie Spurwechsel, Staus und Kolonnenfahrten unterstützen, indem sie bestimmte Fahraufgaben übernehmen. Der Fahrer kann sich dann auf die wichtigen Systeme und Vorgänge rund um das Fahrzeug konzentrieren", erläutert Dr. Harald Ludanek, ­Vizepräsident für Forschung und Entwicklung.

Ein intelligent vernetztes Fahrzeug verarbeitet dann Daten aus einer Vielzahl von am Fahrzeug installierten Sensoren, etwa aus Videokameras, Radar- und Ultraschallsensoren. Durch das koordinierte Zusammenspiel dieser Sensoren entstehe gewissermaßen eine elektronische Knautschzone um das Fahrzeug herum, teilt Scania mit.

EU-Verordnung 661/2009/EC gilt ab 1. November

Dass jedes System auch seine Tücken hat, zeigen die Verkehrsunfälle, die abgelenkte Fahrer immer öfter verursachen, die während der Fahrt etwa mit ihrem Handy beschäftigt sind. Profis verbietet sich das ohnehin. Doch für einen Siegeszug der Sicherheitssysteme in Lkw braucht es wohl auch gesetzliche Vorgaben. Ab 1. November müssen – als erster Schritt der EU-Verordnung 661/2009/EC – alle neuen Straßenfahrzeuge ab Werk mit ESP ausgestattet werden. Ein Jahr später werden dann die große Lkw ab Werk mit dem Spurhalte- und dem Bremsassistenten ausgestattet.

 

Technik rettet leben

Schlafen ist gesund, aber nicht hinterm Steuer. Der Sekundenschlaf überfällt Menschen, die unerkannt unter Schlafstörungen leiden. Bei den so verursachten Unfällen sitzen meist männliche Vielfahrer jüngeren und mittleren Alters hinterm Steuer, nachdem sie maximal eine Stunde unterwegs waren. Dies ergab eine aktuelle Studie der Europäischen Gesellschaft für Schlafforschung. Weiteres Ergebnis: von 5.239 Menschen mit einer Schlafstörung hatten 2013 innerhalb von zwei Jahren 8,6 Prozent einen müdigkeitsbedingten Arbeitsunfall und ein Fünftel verunfallte zu Hause. Da es vielen Menschen schwer falle, ihre eigene Müdigkeit richtig einzuschätzen, setzt der Schlafmediziner Dr. Wilfried Böhning auf den Einsatz von Fahrerassistenzsystemen, insbesondere für Fernfahrer. "Die Versicherungswirtschaft könnte technische Maßnahmen fördern, mit denen der Sekundenschlaf verhindert werden kann", fordert der Mediziner. Entsprechende Sensoren gibt es längst. "Als Anreiz für große Unternehmen mit Lkw-Flotten wie etwa Speditionen sollten diesen von den Kfz-Versicherern Prämienrabatte angeboten werden", sagt Böhning. Im Gegenzug sollten Speditionen betroffene Fahrer entsprechend gesundheitlich beraten und Therapien fördern.
Infos unter www.medizinisches-zentrum.de.

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4. Februar 2014
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