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Lkw-Unfälle: Unfallschwerpunkt Kölner Autobahnring

Lückenbüßer - Zu geringer Abstand ist die häufigste Ursache für schwere Lkw-Unfälle. Zudem wächst die Staugefahr.

"Meistens geht es gerade noch einmal gut", zieht Polizeihauptkommissar Michael Tangermann die knappe Bilanz. Er beobachtet regelmäßig von einer Brücke über der A 3 nahe des Heumarer Dreiecks den Rückstau im Berufsverkehr. Er sieht die Lkw, die wie an der Perlenschnur aufgereiht aus Richtung Frankfurt mit viel zu kurzem Sicherheitsabstand heranrauschen und hier auf den Kölner Autobahnring treffen.

„Der erste Fahrer erkennt ein Stauende rechtzeitig. Der Zweite schafft es, noch zu bremsen, der Dritte muss dann schon mit einer Blitzreaktion auf die mittlere Spur ausweichen.“ Manchmal geht es nicht mehr gut. So wie Anfang Februar. Da übersieht der Fahrer eines Sattelzugs den Rückstau. Bei seinem Versuch auszuweichen, touchiert er am Stauende einen Tankzug, der Isododecan geladen hat, eine leicht entzündliche Chemikalie.

Der Tanklastzug bleibt zum Glück unbeschädigt, aber er schiebt zwei weitere Lkw aufeinander. Der Unfallverursacher selbst kracht in die Mittelleitplanke. Bilanz der Kollision: Drei Lkw sind nicht mehr fahrbereit, ein weiterer wird leicht beschädigt, herumfliegende Fahrzeugteile treffen einen Kleintransporter.

Die A 3 bleibt bis in den frühen Abend gesperrt. „Wir schlagen uns hier mit einem dicken Problem herum, das ich so nicht länger hinnehmen kann“, sagt der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers später auf einer Pressekonferenz zu den Unfallzahlen auf dem Kölner Autobahnring. Rund 54.000 Lkw fahren am Tag über einen der wichtigsten Knotenpunkte der internationalen Warenlogistik. Zehn Autobahnen aus allen Himmelsrichtungen treffen auf eine 55 Kilometer lange überlastete Ringautobahn. Gegen den Landestrend steigen gerade hier die Unfallzahlen.

Im Jahr 2011 hat es bereits 2.340 Mal gekracht

„Lkw machen zwar nur 15 Prozent der Verkehrsteilnehmer aus, sind aber an 30 Prozent der Unfälle beteiligt“, referiert Albers. „Und der Killer Nummer eins ist eindeutig der zu geringe Abstand.“ Die Autobahnpolizei führt eine differenzierte Statistik: Im Vergleich zu 2010 stieg die Zahl der Verunglückten bei einem durch Lkw verursachten Unfall von 289 auf 320, die Zahl der Schwerverletzten von 48 auf 65 und die Zahl der tödlich Verunglückten von null auf acht Personen.

Meist ist ein kleiner, oft durch Pkw verursachter Unfall im Baustellenbereich die Ursache. Im Gegensatz zu 2010 (2.130 Unfälle) hat es im vergangenen Jahr bereits 2.340 Mal gekracht. „Bei den meisten regionalen Transportunternehmen sollte die Staugefahr bekannt sein“, ergänzt Helmut Simon, der leitende Polizeidirektor. „Die anderen Fahrer müssen wir ständig auf diese Gefahrenquelle hinweisen.“

Albers hat deshalb reagiert. Er lässt bei Stausituationen nun acht zusätzliche VWTransporter ausrücken mit aufklappbaren, 10.000 Euro teuren LED-Warntafeln. Auch weisen Banner an Brücken auf die ständige Staulage hin, die auf der A 3 durch die Verbreiterung von sechs auf acht Spuren und den geplanten Umbau des Autobahnkreuzes Leverkusen noch bis etwa 2020 anhalten wird.

„Zudem richten wir jetzt neue Messanlagen ein, die gleichzeitig bei Lkw den Abstand und bei Pkw die Geschwindigkeit messen können“, erläutert Simon. Eine davon ist für den Bereich der A 3 vor dem Heumarer Dreieck vorgesehen. Doch viel zu viele Fahrer ignorieren das Gefahrenpotenzial einfach. Das beweist ein Besuch bei einer ganz normalen Abstandskontrolle. An derzeit zwei Stellen, auf der A 4 nahe der Ausfahrt Köln-Klettenberg und auf der A 1 zwischen den Anschlussstellen Köln- Niehl und Köln-Nord, überwacht die Autobahnpolizei bereits täglich in zwei Schichten den Abstand von Lkw und Pkw. Also in den Bereichen, in denen kurz danach die Staugefahr droht.

„Es ist manchmal erschreckend, wie dicht die Lkw auffahren“

Zwei Fahrzeuge sind mit dem Verkehrskontrollsystem VKS Select ausgestattet. Spezielle Kameras werden dabei auf Messpunkte in einem exakt 50 Meter langen auf der Fahrbahn aufgetragenen Feld ausgerichtet. Die Beamten können im Fahrzeug den fließenden Verkehr beobachten – und Abstandssünder sofort erkennen. „Alle nicht eindeutigen Fälle sortieren wir im Vorfeld aus“, sagt Polizeikommissar Matthias Fuchs, der zusammen mit seinem Kollegen Ulrich Neff schon seit fünf Jahren eins der Kontrollteams bildet.

„Auch können wir bis in eine Entfernung von anderthalb Kilometern sehen, ob ein Lkw von einem anderen Lkw oder Pkw überholt wurde. Diese Fälle berücksichtigen wir ebenfalls nicht.“ Aber es bleiben genug Sünder übrig, die für zu knappe Lücken zwischen den Lkw büßen müssen. Das sind in der Kernzeit zwischen 6 und 19 Uhr an beiden Messstellen sage und schreibe 80 bis 100 Laster – pro Tag. Die Strafe von 80 Euro scheint die Fahrer allerdings nicht abzuhalten.

„Es ist manchmal erschreckend, wie dicht die Lkw auffahren“, so Fuchs. Der „Gewinner“ des Tages, ein Renault Magnum, bringt es bei 85 Stundenkilometern auf einen Abstand von gerade sechs Metern. „Blindflug“, kommentiert Fuchs nur. Die Folgen sind leicht auszurechnen. Bei einer Reaktionszeit von mindestens zwei Sekunden beträgt der Anhalteweg rund hundert Meter. Und das nur, wenn der Chauffeur erkennt, was vor ihm passiert.

„Der Fahrer des Magnum hat definitiv nur das Heck des Vordermanns gesehen.“ Das ist unverantwortlich. So ein Fahrer spielt Russisch Roulette, auch mit dem Leben der anderen Verkehrsteilnehmer. Doch es sind nicht nur die Abstandssünder, die der Polizei Sorgen bereiten. Die Statistik enthält in der Rubrik „andere Ursachen“ Crashs, die mehr oder weniger auf die Unaufmerksamkeit der Fahrer zurückzuführen sind.

„Bei den meisten Unfällen an Stauenden hat der Fahrer schlicht gepennt“, referiert Simon. Das ist allerdings nicht wörtlich zu nehmen, wie Simon auf Rückfrage schnell beschwichtigt. „Bei keinem der von der Autobahnpolizei analysierten Lkw-Auffahrunfälle wurde eine Überschreitung der erlaubten Lenkzeiten festgestellt.“

Viele Fahrer vertreiben die Langeweile sogar durch Filme – auch während der Fahrt

Grundsätzlich lässt sich auch eine Unaufmerksamkeit nicht eindeutig beweisen. Nur eins stellt Simon fest: Die Arbeit der Lkw-Fahrer wird durch immer stärker automatisierte Fahrzeuge fortschreitend eintöniger. Gleichzeitig steigt die Zahl der optischen „Gefahrenquellen“ in der Kabine: Bordcomputer, Handy, Navigationsgeräte, Laptop. Offenbar vertreiben sich viele Fahrer die Langeweile immer öfter sogar durch Filme – auch während der Fahrt.

Gegen drohende Unfälle könnten bis zu einem gewissen Grad Abstandstempomaten helfen. Doch diese modernen Systeme, so macht es PHK Tangermann noch einmal deutlich, bergen die nächste Gefahrenquelle: unterschiedlich lange Bremswege. „Wer als Fahrer über einen Notfallbremsassistenten verfügt, bringt am Stauende seinen Lkw schneller zum Stillstand. Dafür rast ihm dann mit Sicherheit der unaufmerksame Kollege ins Heck. Da die EU erst ab 2015 den Einbau von Fahrerassistenzsystemen in Neufahrzeuge vorschreibt, werden wir es noch sehr viele Jahre mit diesem unterschiedlichen Bremsverhalten zu tun haben.“

Diese Fakten allein sind schon besorgniserregend genug – und nun droht sich die Staulage auf dem Kölner Ring noch weiter zu verschärfen. Der Grund ist die Dauerbaustelle an der A 1 – die 1.500 Meter lange Lärmschutzeinhausung. Die Bauarbeiten liegen im Plan. Seit Mitte April wird nun das Glasdach in die Betonträgerkonstruktion der östlichen Röhre eingesetzt. Im ersten Quartal 2013 soll die Einhausung offiziell für den Verkehr freigegeben werden.

Doch schon jetzt ist das Bauwerk ein Tunnel – mit den entsprechenden Sicherheitsvorschriften. Die wichtige Elektronik für Brandmeldungen oder die automatische Vollsperrung bei einem Feuer wird allerdings erst eingebaut. „Eigentlich hätten wir die Einhausung am liebsten bei einer Vollsperrung gebaut“, sagt Christoph Jansen, Projektleiter Ausbau Kölner Ring von Straßen-NRW, „doch das war so nicht gewollt. Und jetzt müssen wir aus Sicherheitsgründen schlicht und ergreifend die Notbremse ziehen.“

Die A 1 ist bis Ende des Jahres in beiden Richtungen für Gefahrguttransporte vollkommen gesperrt

Grund für das Umdenken sind zum einen der schwere Busunfall Mitte März im Schweizer Kanton Wallis, bei dem 28 Menschen, darunter 22 Schulkinder, verstarben. Ein Bus aus Belgien raste in einem Tunnel der Autobahn A 9 aus bislang ungeklärten Gründen frontal gegen die massive Querwand einer Nothaltebucht. Zum anderen ist die Massenkarambolage durch plötzliche Rauchentwicklung auf der A 57 bei Dormagen noch in frischer Erinnerung.

Die letzte Entscheidung fiel schließlich nach einem schweren Unfall Anfang April mit mehreren Lkw mitten im Tunnel – einer typischen Kettenreaktion: Ein Lkw drängte einen Pkw in die Leitplanke, die beide Fahrspuren trennte. Diese ragte plötzlich vor einem anderen Lkw in den Gegenverkehr. Als daraufhin der Verkehr stockte, raste wieder ein Lastwagen ins Stauende – eine fast unendliche Geschichte. Jetzt ist die A 1 bis Ende des Jahres in beiden Richtungen für Gefahrguttransporte vollkommen gesperrt.

Für alle anderen Lkw über 7,5 Tonnen Gesamtgewicht ist sie tagsüber nur eingeschränkt auf einer Spur befahrbar. „Vor allem in Richtung Norden rechnen wir mit kilometerlangen Rückstaus“, so Jansen. „Eine Umfahrung über die A 3 wird den Schwerverkehr auf diesem überlasteten Teil des Rings weiter erhöhen.“

Der Landesbetrieb Straßen-NRW rät den Verkehrsteilnehmern, sich vor Antritt ihrer Fahrten über die Verkehrsverhältnisse auf der Internetseite www.autobahn.nrw.de zu informieren und dabei auf die Wochentage und Tageszeiten zu achten, da dann jeweils auch unterschiedliche Regelungen gelten. Die unkomplizierteste Lösung der meisten Probleme hat allerdings Jansen parat. „Wir bitten die Lkw-Fahrer, den Kölner Ring, wenn möglich, weiträumig zu umfahren.“

Autor

Foto

Arton Krasniqi

Datum

19. Juli 2012
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