Contrac E-Cobus, Flughafenbuss 5 Bilder Zoom

E-Cobus: Niederflurbus im Vollformat

Der Contrac E-Cobus ist der erste deutsche Niederflurbus im Vollformat und mit Elektroantrieb. Entwickelt hat ihn das Unternehmen Contrac, Weltmarktführer von Flughafenbussen.

"Wir ruhen uns nicht auf unseren Lorbeeren aus", betont Contrac-Chef Jürgen Kamps. Contrac, Weltmarktführer im Segment der Flughafen-Vorfeldbusse, liefert den ersten deutschen, rein elektrisch angetriebenen Bus im Vollformat an die Offenbacher Verkehrsbetriebe (OVB). "Sie glauben gar nicht, wie viele Ideen wir haben", erklärt Kamps.Eine davon ist, den kompakten neuen Flughafenbus Cobus 2500 zum Stadtbus mit Elektroantrieb weiterzuentwickeln.

Über der Achse sitzt der Elektromotor

Die Herkunft ist dem E-Cobus anzusehen. Die Fahrerkanzel mit schnittiger Front ist separat vor der angetriebenen Vorderachse angeordnet und durch eine Scheibe vom Fahrgastraum getrennt. Über der Achse sitzt der Elektromotor. Er bringt es auf eine Spitzenleistung von 150 kW, das maximale Drehmoment beläuft sich auf 650 Nm. Klingt überschaubar, doch bei E-Motoren steht das volle Drehmoment bereits ab Start zur Verfügung. Hinzu kommt als Verstärkung ein Zweigang-Automatikgetriebe, in der ersten Stufe mit 3 : 1 übersetzt.

Motor und Getriebe stammen von Lieferanten in den USA, die Akkus aus China. Sieben Blöcke mit Lithium-Eisenphosphat-Batterien sollen die Energieversorgung sicherstellen. Vier davon befinden sich im Heck, zwei in Podesten, einer vorn im Bereich des Antriebs. Die Kapazität beläuft sich insgesamt auf 150 kWh, daraus ergibt sich eine Reichweite von 120 bis 150 Kilometern. Für den geplanten Einsatz auf der Linie 103 ist das zu wenig. Sie verbindet Frankfurt, Offenbach und Mühlheim. Die Busse erreichen Tagesumläufe von 300 Kilometern, erläutert OVB-Geschäftsführer Volker Lampmann. Er ist trotzdem Feuer und Flamme für den zunächst auf sechs Wochen angelegten Probebetrieb. "Das ist eine Herausforderung für uns, da steckt großes Potenzial drin", sagt der OVB-Chef.

Während der Ruhezeit werden die Akkus aufgeladen

Aufgrund seiner Besonderheiten flüstert der E-Cobus zwar innerhalb des Fahrplans durch die Stadt, jedoch mit einem besonderen Umlauf. Er rollt Montag bis Freitag zwischen 8.34 Uhr und 19.21 Uhr, unterbrochen von einer längeren Mittagspause. Sie hält er auch samstags ein, sonntags ist er nur vormittags im Einsatz. Während der Ruhezeit werden die Akkus aufgeladen. Das könnte ganz gewöhnlich an der ­Steckdose geschehen, dauert dann bei drei Ladegeräten à 3,2 kW an Bord des Busses jedoch mehr als sieben Stunden. Also dreht der Bus eine Schleife über den Betriebshof der OVB. Dort wartet ein Schnellladegerät mit 62,5 kW Leistung. Die Strecke zum Betriebshof bietet einen weiteren unvorhergesehenen Test. Sie führt über Kopfsteinpflaster, eine rüde Rüttelpiste, wie sie zuvor vermutlich noch kein Cobus kennenlernte.

Da der Fahrer vorn abgeschottet sitzt, führt die OVB kurzfristig wieder den Schaffner ein. Eine Servicekraft verkauft Fahrscheine und informiert über den Elektrobus. Die OVB haben zehn Fahrer sowie vier Mitarbeiter der Werkstatt für den Testbetrieb geschult – E-Busse und vor allem der ­Umgang mit 400 Volt haben ihre Eigenheiten.

Der nächste E-Cobus wird mit dem VDV-Cockpit ausgestattet

Der Fahrer ist auf der ersten Proberunde beeindruckt: "Ich bin überrascht, wie flott der abgeht." Er ist in Offenbach einen Flotten-Mix aus Mercedes Citaro und MAN Lion’s City gewohnt. Kamps bestätigt: "Wir müssen aufpassen, dass die Fahrer nicht zu sehr mit dem Gas spielen." Sie nehmen im E-Cobus vergleichsweise hoch Platz, steigen durch eine eigene Tür ein. Das Cockpit hat mit der gewohnten VDV-Architektur nur wenig zu tun. In einem Display kann der Fahrer unter anderem die Reichweite ablesen – für E-Fahrzeuge nach dem Tacho die wichtigste Angabe. Aber der nächste E-Cobus werde bereits mit dem VDV-Cockpit ausgestattet sein, erklärt Contrac-Chef Kamps. Denn es geht weiter: Im Frühjahr liefert Contrac zwei Busse nach Wiesbaden – vor die Haustür des Firmensitzes.

Weitere Verbeugungen vor Anforderungen der Linienbusbetreiber sind aber nicht geplant. "Wir testen an diesem Bus zunächst Batterien und Antriebsaggregate", berichtet Außendiensttechniker Fabian Kohtz. Nur bei Heizung und Klimatisierung will man noch nachlegen. Stadtbusse mit deutlich längeren Verweilzeiten und mehr Sitzplätzen unterliegen eben anderen Gesetzmäßigkeiten als Flughafenbusse.

Gewicht ist weniger ein Problem

Aber Niederflurigkeit mit topfebenem Fußboden ist selbstverständlich. Typisch sind ebenfalls die beiden doppelt breiten Türen zwischen den Achsen, abgedeckte Hinterräder und Fühler-Außenspiegel à la Reisebus. Raumökonomie spielt im klassischen Einsatzgebiet von Contrac keine große Rolle. Entsprechend knapp fällt der Fahrgastraum des Solowagens aus, er hat nur Midibusformat. Trotzdem soll eine kürzere Ausgabe mit 10,5 Meter Länge das Angebot ergänzen. Gewicht ist weniger ein Problem. Der Aufbau über dem Mercedes-Fahrgestell besteht aus geschraubten Aluminiumprofilen, eine Konstruktion des Schweizer Fabrikats Hess. Macht einschließlich zwei Tonnen Batterien ein Leergewicht von 12,86 Tonnen.

Obschon der E-Cobus Premiere im Stadtverkehr feiert und homologiert und zugelassen ist, sagt Kamps: "Wir wollen nicht gegen die Stadtbushersteller antreten. Wir bleiben Hersteller von Flughafenbussen und machen das, worin wir stark sind." Das sind in guten Jahren rund 300 Vorfeldbusse. "Wir sind Nischenhersteller", erläutert Kamps. "Mit 50 E-Cobus im Jahr sind wir zufrieden." Ein Stadtbus nach bekanntem Zuschnitt kommt ihm nicht in den Sinn: "Wir sehen die Lösung darin, unseren Bus an die Straße anzupassen."

Contrac denkt an neue Geschäftsmodelle

Gebaut wird er in Portugal bei Mehrheitseigner Caetano. Die Portugiesen halten 65 Prozent an Contrac. Kamps und ein Kompagnon die restlichen Anteile. Rund 450.000 Euro soll der E-Cobus kosten, mehr als das Doppelte eines üblichen Stadtbusses. Deshalb denkt Contrac an neue Geschäftsmodelle, etwa eine Aufteilung in Fahrzeugverkauf und separates Leasing der Batterien, man kennt die Idee von Renault.

Der E-Cobus in Offenbach ist das zweite Exemplar, das erste hat man in Portugal ein halbes Jahr getestet. "Doch die eine oder andere Panne wird auftreten", sagt Contrac-Chef Jürgen Kamps. Die erste gab’s ausgerechnet gleich am Abend vor der offiziellen Vorführung. Prompt flogen dem E-Cobus die Sicherungen raus. Nichts ging mehr. Fleißige Hände in der Werkstatt machten ihn schnell wieder fit für seinen ersten großen Auftritt. Auf Lorbeeren kann sich wirklich niemand ausruhen.

Autor

Foto

Randolf Unruh

Datum

16. Februar 2012
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