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Daimler Buses in Indien: Ein zweiter Versuch mit neuen Modellen

Daimler Buses startet in Indien mit neuen Modellen und einer Erweiterung des Lkw-Werks Chennai einen zweiten Versuch. Im Fokus steht der darbende Premiummarkt.

Markus Villinger, Geschäftsführer von Daimler India Commercial Vehicles (DICV) hat sich viel vorgenommen. Bei der Eröffnung des Buswerks im südostindischen Chennai (früher Madras) meinte er: „Einer muss ja mal anfangen, den europäischen Gedanken von komfortablen und modernen Bussen auch in Indien umzusetzen“. Bisher sei es den Platzhirschen wie Tata Motors oder Ashok Leyland leichtgefallen, mit spartanisch ausgestatteten Frontmotor- und Hochbodenbussen "sich es in einer komfortablen ökonomischen Situation bequem zu machen." 

In diesen Massenmarkt, der rund 88 Prozent des Gesamtmarktes ausmacht, wolle man mit der eigenen, hochwertigen Technologien aber nicht einsteigen. "Unser Ziel ist es, in den modernen Markt und vor allem ins Premiumsegment reinzukommen, denen wir die größten Zuwachsraten zutrauen," sagt Villinger, der schon 2012 den ersten Anlauf von Daimler Buses in Indien mit einer CkD-Produktion in Pune mit dem Partner MCV begleitet hat. Damals hatte man auf importierten Mercedes-Chassis Stadtbusse und Reisebusse gebaut – die Geschäftsidee funktionierte aber wohl wegen der hohen Kosten nicht. "Jetzt haben wir das richtige Konzept, das nicht mehr auf Import und CkD-Fertigung aufbaut", ergänzt Hartmut Schick, Leiter von Daimler Buses.

Stadtbusmarkt massiv staatlich reglementiert

Noch werden für die dreiachsigen Reisebusse OC 500 Chassis aus dem größten Mercedes-Produktionswerk für Fahrgestelle in  Brasilien angeliefert, aber das soll sich schnell ändern und die Teile überwiegend aus Indien kommen."Lokalisieren" nennen das die Produktionsexperten. Die Buschassis werden sogar KTL-getaucht, was in dieser Region keine Selbstverständlichkeit ist. Warum Daimler in Indien ausgerechnet den derzeit fast nicht existenten Reisebusmarkt – dem man aber langfristig bis zu 1.000 Einheiten zutraut – in den Fokus nimmt, wird klarer, wenn man bedenkt, dass der Stadtbusmarkt massiv staatlich reglementiert ist. "Nach den ethischen und sonstigen Compliance-Forderungen des globalen Daimler-Konzerns stellt sich dieses Geschäft nicht einfach dar", drückt es Markus Villinger vorsichtig aus. Trotzdem behalte man es auf der strategischen Landkarte, ohne vorzupreschen.

Mit zu verdanken hat Daimler den Neustart in Indien der Dynamik eines Politikers, der bei der Eröffnung des Bus-Werks seit etwa einem Jahr an der Regierung war: Ministerpräsident Narendra Modi, den man bei Daimler India als "sehr wirtschaftsfreundlich" und gegenüber dem Ausland als "offen" beschreibt. Er habe vieles angepackt und auf den Weg gebracht, was zuvor in der verzweigten und zur Lethargie neigenden, indischen Administration untergegangen sei. Bei seinem Antritt 2014 als 15. Premier Indiens seit der Unabhängigkeit im Jahr 1947 wandelte sich die Stimmung in der Wirtschaft dann auch ins Positive. 2015 wird ein Wirtschaftswachstum von 7,5 Prozent, 2016 sogar von 8,5 Prozent erwartet. Die Verkehrsverbindungen, vor allem solche auf dem Land, sollen schrittweise verdoppelt werden. Auch der Busmarkt soll sich vom derzeitigen "All-Time-Low" bis zum Jahr 2020 mehr als verdoppeln. Zum 150. Geburtstag Mahatma Ghandis im Jahr 2019 sollen einhundert "Smart Cities" entstehen, die auch an die Straßeninfrastruktur angebunden sein müssen.

Modi investiert in Daimler

Modi fördert das Daimler-Werk in Chennai, das nun mit einer Investition von 50 Millionen Euro für die Busproduktion erweitert wurde. Daimler-Vorstand Wolfgang Bernhard sagt dazu: "Wir haben ein komplettes Paket verhandelt, von dem wir auf Jahre hinaus profitieren." Dafür soll das Werk sogar ausfallsicher mit Strom beliefert werden, keine Kleinigkeit in Indien. Der durfte wiederum nicht für die dringend notwendige Klimatisierung auf der Eröffnungsveranstaltung genutzt werden: man improvisierte daher mit 15 Generator-Trucks, ohrenbetäubender Lärm inklusive. Hauptsache compliant.

Seit 2012 wurden bereits über 20.000 Lkw der Marke Bharat-Benz produziert. Als stärkster Truck auf dem Subkontinent feierte der neue Schwer-Lkw 3143 sein indisches Debüt. Als robustes Minenfahrzeug soll er rund 2.000 Mal im Jahr verkauft werden. Das neue Bus-Werk in unmittelbarer Nähe der Lkw-Produktion umfasst rund 113.000 Quadratmeter Fläche und hat eine Kapazität von 1.500 Fahrzeugen im Jahr, die auf bis zu 4.000 Einheiten ausgebaut werden kann. Bei der Produktion des Aufbaus vertraut Daimler aber nicht mehr auf den ägyptischen Hersteller MCV wie bisher, sondern auf den nordirischen Aufbauer Wright-Bus, der schon seit 1980 in einem patentierten "Aluminium-Schraubverfahren" Busse aller Art produziert. Noch zu Beginn des Jahres hatte Daimler India 150 Frontmotorchassis nach Ägypten an den bisherigen Partner MCV geliefert.

Einziges Daimler Werk weltweit, das für drei Marken produziert

Künftig wird Wright-Bus neben den 300 Mercedes-Arbeitern für die Chassisproduktion im Endausbau rund 1.000 Mitarbeiter im neuen Werk beschäftigen. Ergänzend zum Mercedes-Reisebus SHD mit imposant gestalteter, dreidimensionaler Frontpartie und serienmäßigem ESP sollen auch preiswerte Bharat-Benz-Frontmotorbusse bis neun Tonnen für Schüler- und Touristenverkehre gebaut werden. Damit ist Chennai das einzige Daimler-Werk weltweit, in dem Produkte für drei Marken produziert werden: Mercedes, Bharat-Benz und Fuso, wobei Mercedes hier ausnahmsweise die Rolle der Junior-Marke übernimmt. Der gesamte Service wird dagegen über das Netz der 80 Bharat-Benz Stützpunkte geleistet. Bei Bedarf sollen die Service-Trucks innerhalb von höchstens vier Stunden an jedem beliebigen Ort in Indien bei den Kunden sein.

Durch die immer noch deutlich geringeren Löhne der einfachen Arbeiter kann Daimler die preissensiblen Märkte in Asien oder Afrika "ausschließlich von Indien aus bedienen, um vor allem chinesischen Herstellern die Stirn zu bieten", sagt Markus Villinger. Chennai sei mithin der kostengünstigste Standort im Produktionsverbund von Daimler Buses. Dennoch seien insbesondere die Schweißer vor Ort hoch qualifiziert und entsprechend zertifiziert.
Angesichts der hohen Temperaturen in der Region rund um das indische Buswerk zog Daimler-Chef Wolfgang Bernhard ein vorläufiges Fazit: "Jetzt fangen wir mal mit den Bussen an, am Horizont sehe ich eine Stückzahl von rund 1.000 Einheiten im Jahr. Um dahin zu kommen, müssen wir aber noch ganz schön schwitzen."

Das Bus-Programm von Mercedes in Indien

Der ganze Stolz von Daimler India zur Werkseröffnung ist der neue Mercedes-Reisebus, der vorerst ausschließlich als 14,95 Meter langer Dreiachser geliefert werden soll und auf dem OC 500-Chassis baut. Der  Aufbau von Wright-Bus aus geschraubten Aluminium-Profilen spart laut CEO Mark Nodder rund 800 Kilogramm gegenüber einem konventionellen Stahlgerippe. Die Mitarbeiter der 80 Servicestützpunkte seien bereits auf das neue Material geschult. Selten für Indien ist die Ausrüstung mit Scheibenbremsen rundum sowie ESP. Die serienmäßige Starrachse vorne ist laut Daimler optimal für die indischen Verhältnisse geeignet. Zu den sechs angebotenen Sitzlayouts mit bis zu 57 Sitzen vom indischen Hersteller Harita gehört auch die oft gewählte Konfiguration mit den vorderen fünf Reihen in 2+1-Ausführung als "Erste Klasse". Den Antrieb des Reisebusses übernimmt der Sechszylinder OM457 LA mit 354 PS, der die dortige Bharat-Stage-III-Abgasnorm erfüllt. Ihre Grenzwerte, die national seit 2010 gelten, entsprechen etwa Euro 3. Die Schul-, Touristen- und Crewbusse im Neun-Tonnen-Segment bauen weitgehend auf Lkw-Chassis auf. Die ersten Busse werden noch 2015 auf den Markt kommen, für 2016 sind bereits weitere Modelle im Segment über 16 Tonnen angekündigt.

Hoffen auf die Wende im Omnibusmarkt

Bei der Zulassung von Bussen liegt Indien weit hinter China: gerade einmal 300.000 Busse über acht Tonnen wurden von 2002 bis 2012 pro 1,2 Millarden Einwohner abgesetzt. In China waren es rund 1,1 Millionen Busse. Der Busmarkt im Jahr 2014 war mit 34.000 verkauften Einheiten über acht Tonnen das schwächste Jahr seit 2006, 2010 und 2012 wurden rund 50.000 Busse abgesetzt. Seit 2004 schrumpfte der Gesamtmarkt um ganze neun Prozent, das Luxussegment der Reisebusse, das ausschließlich von europäischen Herstellern bedient wird, ist fast vollständig zusammengebrochen und beschränkte sich auf 28 Busse von Januar bis Mai 2015.

Der von Ministerpräsident Modi ausgelöste Modernisierungsschub und die robuste wirtschaftliche Entwicklung lässt Daimler India jedoch von einem stabilen Wachstum von rund sechs Prozent bis 2020 ausgehen. Die magische Grenze von  50.000 Fahrzeugen soll 2017 wieder erreicht werden. Lichtblicke sind bereits im ersten Quartal 2015 zu erkennen, in dem rund 22 Prozent mehr Busse als im Vorjahreszeitraum abgesetzt wurden. Der beliebte Markt bis neuen Tonnen, der vom Schulbussegment getrieben ist, wuchs sogar um satte 48 Prozent. Der Massenmarkt billiger Frontmotorbusse soll laut Daimler von 88 Prozent 2013 auf 55 Prozent 2020 sinken. Auf niedrigem Niveau werden davon vor allem der "moderne Markt" mit einem Plus von 12 Prozent, der Semi-Premiummarkt mit 14 Prozent und der Premiummarkt mit sieben Prozent profitieren, so die Prognosen.

Dieser Artikel stammt aus Heft lastauto omnibus 10/2015.
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Daimler

Datum

18. Oktober 2015
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