Oldtimer Umzug 12 Bilder Zoom
Foto: Norbert Böwing

Oldtimer Umzug

Im Konvoi in den sicheren Hafen

Was passiert, wenn ein Museum auf Reisen geht? Eine komplette Sammlung historischer Nutzfahrzeuge musste von Sittensen ins 219 Kilometer entfernte Einbeck gebracht werden. lastauto omnibus hat den Umzug in den PS.Speicher begleitet.

Hektische Betriebsamkeit sonntagmorgens um neun Uhr auf dem Betriebshof des Nutzfahrzeug- und Baumaschinen­händlers Alga im niedersächsischen Sittensen. In Reih und Glied stehen dort 45 historische Lastwagen und Omnibusse, aber auch alte Baumaschinen und Anhänger. Der Himmel ist grau und es hat angefangen zu regnen. Einen Moment lang scheint es so, als würde selbst der Himmel dieser bedeutenden Lkw-Sammlung, die unmittelbar vor ihrer Abreise in den PS.Speicher steht, manche Träne nachweinen.

Die aufgestellten Fahrzeuge sind Teil einer 120 Fahrzeuge umfassenden Sammlung, die einst Emil Bölling zusammengetragen hat. Bislang waren sie bei Alga als mobiles Museum untergebracht. Aber nach Böllings plötzlichem Tod im Februar stellte sich die Frage nach der Zukunft der einzigartigen Ausstellung.

Laster-Legenden die mächtig ächzen und qualmen

Auch Alga-Geschäftsführer Horst Gassmann kann es irgendwie noch nicht glauben, dass die wertvollen Truck-Legenden künftig nicht mehr in Sittensen zu Hause sein werden. Und das, was er vor Augen hat, ist ja nur ein Teil der Sammlung, die hier lange gestanden hat. Es ist ein überwältigendes Bild. Laster-Legenden, die mächtig ächzen und qualmen. Fertig zur Abreise. Gestiefelt und gespornt. Es wirkt so, als wüssten sie selbst nicht, wie es mit ihnen weitergeht.

In diesem Moment ist Horst Gassmann emotional so betroffen, dass er nicht einmal darauf antworten kann, ob er den Konvoi, der sich unter Polizeibegleitung langsam mit einer Geschwindigkeit von 35 km/h in Bewegung setzt, überhaupt begleiten wird. "Emil ist tot. Die Sammlung verlässt Sittensen. Eine gute Zeit geht zu Ende, aber man kann sie nicht zurückdrehen. Doch ich bin unendlich froh, dass wir es im letzten Moment geschafft haben, dass alle Lkw zusammenbleiben."

Karl-Heinz Rehkopf, Gründer des Einbecker PS.Speicher, hatte die Sammlung von Emil Bölling in buchstäblich letzter Sekunde gekauft. "Es gab eine ganze Flut an internationalen Interessenten. Doch die meisten wollten nur einzelne Fahrzeuge", berichtet Rehkopf. Sein En­gagement war die einzige Chance, die Expo­nate in ihrer Gesamtheit zu erhalten. "Es wäre ein Jammer gewesen, wenn das Lebenswerk von Emil Bölling in alle Windrichtungen zerstreut worden wäre. Denn dann hätte es nie wieder die Chance gegeben, so viele wertvolle Nutzfahrzeuge auf einen Schlag zu präsentieren", sagt der 78-jährige Unternehmer. Insgesamt hatte das Team des PS.Speicher für die Überführung in
einer Art Bewerbungsverfahren rund 70 Fahrerinnen und Fahrer rekrutiert und vor Fahrt­antritt gründlich eingewiesen. 150 Bewerber hatte es gegeben. Für viele der zwischen 27 und 79 Jahre alten Fahrer ging mit der stundenlangen Tour über niedersächsische Landstraßen ein Kindheitstraum in Erfüllung.

Fünf Abschleppwagen reisen für den Fall der Fälle mit

Gleich fünf Abschleppwagen der Einbecker Firma VTR Nutzfahrzeug unter Leitung von Thomas Ryll und das gesamte Serviceteam des Mercedes-Benz-Restaurationsexperten Werner Dreyer aus Alfeld begleiteten den historischen Transport. Sicher ist sicher. Überhaupt war es die größte Sorge der Verantwortlichen des PS.Speicher, dass einzelne Liegenbleiber den engen Zeitkorridor durcheinanderbringen könnten. Dazu muss man wissen, dass die meisten der klassischen Trucks bis kurz vor ihrer Abreise gar nicht oder nur wenig bewegt wurden. Zwar gab es für jedes Fahrzeug einen gründlichen Vorab-Check, doch war ein gewisses Restrisiko einfach nicht von der Hand zu weisen.  Denn niemand konnte wissen, wie sich die Strapazen der neunstündigen Fahrt auf die Technik auswirken würden. Zwar gelten viele der Oldies unter Sammlern als
"unkaputtbar", doch steckt der Teufel an solchen Tagen bekanntlich im Detail.
Besonders auffällig war, wie viele Menschen unterwegs am Fahrbahnrand, in Wartehäuschen oder auf Brücken standen. Alle wollten sie dem historischen Konvoi aus der Nähe folgen. Und das nahezu nahtlos zwischen Sittensen und Einbeck. Ausgerüstet mit Fotoapparaten, Handys und Videokameras, hatten die meisten selbst Mistwetter in Kauf genommen. Einige winkten sogar mit Taschentüchern und wünschten auf selbstgebastelten Transparenten "gute Reise". Je näher sich der Tross in Richtung Einbeck bewegte, desto größer wurden die Menschenscharen. Beim abendlichen Schaulaufen vor dem PS.Speicher in Einbeck gab es dann für die meisten kein Halten mehr. Man hatte wirklich das Gefühl, dass die gesamte Kleinstadt auf den Beinen war und die Ankunft der betagten Lastwagen, Busse und Baumaschinen feierte. Dabei war
das lange Hupkonzert ab 17.30 Uhr bestimmt bis an die Grenzen der Stadtmauern zu hören.

Jeder Lastwagen ist sofort angesprungen

Den ganzen Tag über war auch Karl-Heinz Rehkopf auf den Beinen. Er ist glücklich darüber, dass die Trucks nunmehr seine einmaligen Sammlungen von historischen Kleinwagen und Motorrädern ergänzen und dem PS.Speicher in Einbeck eine "völlig neue Ausstellungsdimension" eröffnen. Noch gut ­erinnern kann er sich an die erste Begegnung mit den Truck-Legenden in Sittensen: "Das hat mich umgehauen! Ich wollte nur den Klang eines einzelnen Lkw zur Probe hören. Aber man hat dann tatsächlich alle Lastwagen mal eben zum Laufen gebracht. Und jeder ist sofort angesprungen." Rehkopf ist sicher, dass der Kauf für den PS.Speicher in jeder Beziehung ein absoluter Glücksgriff ist. Für ihn markiere dieser Tag einen Sechser im Lotto. Wie es genau mit der ehemaligen Sammlung von Emil Bölling in Einbeck weitergeht, muss noch geklärt werden. Die Kulturstiftung Kornhaus als Trägerin des PS.Speicher wird in den nächsten Wochen ein Konzept erarbeiten, wie und ab wann die Nutzfahrzeug-Raritäten der Öffentlichkeit präsentiert werden sollen. Denn während Hunderte von Kleinwagen und Motorrädern im PS.Speicher bislang zeitgeschichtlich eingebettet sind, muss man beim Thema Lastwagen notgedrungen umdenken. Bei 120 Exponaten ist am Ende auch alles eine Platzfrage. Karl-Heinz Rehkopf hat schon erste Ideen: "Ich kann es mir ähnlich wie in einem Busdepot vorstellen. Man muss dann nur sehen, wie wir was am besten anordnen und die einzelnen Fahrzeuge miteinander in Verbindung bringen. Aber jetzt bin erst einmal froh, dass alle nach neunwöchiger Vorbereitungszeit heil in Einbeck angekommen sind."

Dieser Inhalt ist exklusiv für unsere Digital-Abonnenten

Melden Sie sich an und prüfen Sie, ob Ihre Abonummer in Ihrem Profil hinterlegt ist. Wenn Sie Abonnent sind, aber noch kein Profil haben, können Sie sich hier registrieren. Weitere Informationen zu Registrierung und Anmeldung finden Sie hier.

› Jetzt anmelden

Sie haben noch kein Digital-Abo? Angebote und Informationen zu unseren Titeln und den Digital-Abos erhalten Sie in unserem Shop.

› Jetzt informieren
Dieser Artikel stammt aus Heft lastauto omnibus 01/2016.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.

Autor

Datum

27. Dezember 2015
5 4 3 2 1 0 5 0
Kommentare
Unsere Experten
Rechtsanwältin Judith Sommer, Fachanwältin für Arbeitsrecht. Judith Sommer Fachanwältin für Arbeitsrecht
Rechtsanwältin Judith Sommer ist Fachanwältin für Arbeitsrecht. Seit über 10 Jahren berät und… Profil anzeigen Frage stellen
Carsten Nallinger Carsten Nallinger Lkw-Navigation
Beratung von Fahrern und Unternehmern rund um das Thema Navigationsgeräte für den Einsatz im… Profil anzeigen Frage stellen
Aktuelle Fragen
Kostenloser Newsletter
Newsletter Small

+++ Tests +++
+++ News +++

Und immer bequem und kostenlos per E-Mail.