KEP-Markt: Same Day wird zur Kostenfalle

KEP-Markt kämpft mit Margendruck
Warum Same Day zur Kostenfalle wird

Der Online-Handel treibt die Paketmengen weiter an. Doch Same-Day-Lieferungen, steigende Kosten und neue Netzwerke setzen viele Zusteller massiv unter Druck.

KEP Fahrzeuge
Foto: Matthias Rathmann

Der Boom im Online-Handel treibt den deutschen Paketmarkt weiter an. Doch hinter den steigenden Sendungsmengen wächst der Druck auf die Zustellnetzwerke. Vor allem auf der Letzten Meile geraten viele Anbieter zunehmend an wirtschaftliche Grenzen. Nach Einschätzung der Schweizer Beratungsgesellschaft SKR entscheidet sich der Wettbewerb künftig nicht mehr allein über Tempo, sondern vor allem über Effizienz, Auslastung und die richtige Netzstruktur.

Zustellprozesse werden immer komplexer

„Wer flächendeckende Paketnetze und Sofortzustellung mit derselben Netzstruktur betreiben will, verliert Effizienz – und am Ende Geld“, warnt Rico Back, Managing Partner bei SKR und ehemaliger GLS- sowie Royal-Mail-Chef. Damit trifft Back einen Nerv der Branche. Denn während Same-Day-Delivery und Quick-Commerce-Angebote in vielen Städten immer schneller wachsen, kämpfen klassische Paketdienstleister gleichzeitig mit steigenden Kosten, sinkenden Margen und immer komplexeren Zustellprozessen.

Online-Handel treibt die Paketmengen weiter nach oben

Der deutsche KEP-Markt wächst nach wie vor, allerdings fast ausschließlich dank des E-Commerce. Laut Bundesverband Paket- und Expresslogistik (BPEX) stiegen die B2C-Sendungen zuletzt um 5,5 Prozent und machen inzwischen rund 60 Prozent aller Paketmengen aus. Das klassische B2B-Geschäft hingegen schwächelt. Für Paketdienste klingt das zunächst positiv. Doch höhere Mengen bedeuten längst nicht automatisch höhere Gewinne. Vor allem die Zustellung auf der letzten Meile entwickelt sich immer stärker zum Kostentreiber. Viele Anbieter investieren derzeit massiv in urbane Mikro-Hubs, zusätzliche Zustelloptionen und Same-Day-Netzwerke. Gleichzeitig steigen die Erwartungen der Kunden an Geschwindigkeit und Flexibilität.

Die Letzte Meile wird zum Problemfall

Nach Einschätzung von SKR geraten viele Geschäftsmodelle zunehmend unter Druck, weil Kostenstruktur und Serviceversprechen nicht mehr zusammenpassen. Während klassische Paketnetzwerke von Bündelung, standardisierten Prozessen und hoher Auslastung leben, funktionieren hyperlokale Zustellmodelle völlig anders. Quick-Commerce-Anbieter und Same-Day-Dienste setzen auf Mikro-Depots und extrem kurze Lieferzeiten, oft innerhalb weniger Stunden oder sogar Minuten. Wirtschaftlich tragfähig sind solche Modelle laut SKR aber nur dort, wo eine hohe Zustelldichte und viele Bestellungen zusammenkommen. „Hyperlokale Zustellung lebt von Geschwindigkeit und Dichte, klassische Paketnetze von Bündelung und Skaleneffekten“, erklärt Rico Back. „Das sind keine zwei Geschwindigkeiten desselben Geschäfts, sondern zwei wirtschaftlich völlig unterschiedliche Systeme.“

Paketdienste suchen nach neuen Lösungen

Die großen Paketnetzwerke versuchen deshalb zunehmend, ihre Zustellung effizienter zu organisieren. Dazu gehören Paketstationen, alternative Zustellorte, gebündelte Touren, KI-gestützte Routenplanung, Echtzeitdaten und automatisierte Sendungssteuerung. Gerade Out-of-Home-Lösungen gewinnen dabei an Bedeutung. Sie senken die Kosten auf der letzten Meile und reduzieren gleichzeitig erfolglose Zustellversuche. Hinzu kommt: Der Wettbewerb im Paketmarkt verschärft sich weiter. Neben etablierten KEP-Diensten drängen zunehmend Plattformanbieter, Quick-Commerce-Unternehmen und Handelskonzerne mit eigenen Lieferstrukturen in den Markt.

Warum die Branche vor einer neuen Konsolidierungswelle stehen könnte

Die Entwicklung erinnert zunehmend an die Konsolidierungstendenzen im europäischen Paketmarkt. Steigende Infrastrukturkosten, Digitalisierung, KI-Systeme und der Aufbau urbaner Liefernetzwerke erfordern enorme Investitionen. Viele Anbieter stehen deshalb vor der Frage, ob sie ihre Netzwerke langfristig noch profitabel betreiben können. „Der entscheidende Wettbewerb findet nicht zwischen den Modellen statt, sondern innerhalb des jeweiligen Geschäftsmodells“, betont Back. „Wer in seiner Netzstruktur Kosten, Auslastung und Servicequalität nicht beherrscht, gerät unter Druck – unabhängig von Unternehmensgröße oder Reichweite.“

KI und Daten werden zum neuen Wettbewerbsfaktor

Nach Einschätzung von SKR wird sich der Wettbewerb künftig stärker über Technologie und Netzwerksteuerung entscheiden als über maximale Geschwindigkeit. KI-gestützte Tourenplanung, automatisierte Prozesse und datenbasierte Steuerung dürften deshalb massiv an Bedeutung gewinnen. Für viele Paketdienste könnte genau das zur Überlebensfrage werden. Denn die Zeiten, in denen allein steigende Paketmengen die Kosten überdecken konnten, scheinen endgültig vorbei zu sein.

In Kürze: die Key Facts

  • Unternehmen: SKR AG
  • Thema: Paketlogistik, Same-Day-Delivery, letzte Meile
  • Kernaussage: SKR warnt vor sinkender Profitabilität im KEP-Markt durch ineffiziente Vermischung klassischer Paketnetze mit Same-Day-Strukturen.
  • Marktentwicklung: B2C-Paketmengen steigen weiter, Margendruck nimmt zu.
  • Trend: KI, Mikro-Hubs, Out-of-Home-Zustellung und automatisierte Netzwerksteuerung gewinnen an Bedeutung.
  • Experte: Rico Back, ehemaliger CEO von GLS Group und Royal Mail Group.
  • Branche: KEP, Paketlogistik, E-Commerce, Last Mile
  • Relevanz: Wirtschaftlichkeit der letzten Meile wird zum zentralen Wettbewerbsfaktor.