Die globale Automobilindustrie verändert sich – und mit ihr die Lieferketten. Hellmann Worldwide Logistics reagiert mit einem Joint Venture mit dem indischen Automobilzulieferer Motherson. Die neue Gesellschaft soll Produktion, Beschaffung und Transporte enger miteinander verzahnen. Jetzt startet das Gemeinschaftsunternehmen operativ durch.
Motherson Hellmann Supply Chain geht an den Start
Die Automobilindustrie sortiert ihre weltweiten Lieferketten neu. Fahrzeuge und Komponenten werden international produziert, Zuliefernetzwerke erstrecken sich über mehrere Kontinente und die Anforderungen an Transport, Lagerung und Steuerung wachsen. Für Logistikdienstleister reicht es deshalb immer seltener, Waren lediglich von einem Standort zum nächsten zu bewegen. Hellmann Worldwide Logistics will sich in diesem Geschäft stärker positionieren. Gemeinsam mit dem indischen Automobilzulieferer Samvardhana Motherson International Limited hat der Osnabrücker Logistiker das Joint Venture Motherson Hellmann Supply Chain Limited (MHSCL) gegründet. Die Partnerschaft wurde bereits im März 2026 angekündigt. Nun hat die Gesellschaft ihre operative Arbeit aufgenommen. Mit dem im Oktober gestarteten Managementteam beginnt damit die praktische Umsetzung einer Strategie, die weit über klassische Transportdienstleistungen hinausgeht.
Hellmann und Motherson verbinden zwei Welten
Der entscheidende Ansatz des Gemeinschaftsunternehmens liegt in der Kombination zweier unterschiedlicher Geschäftsmodelle. Hellmann bringt sein weltweites Logistiknetzwerk sowie Kompetenzen in der Kontraktlogistik und der Steuerung komplexer Lieferketten ein. Motherson wiederum ist tief in der Automobilindustrie verwurzelt und verfügt über umfangreiche Erfahrung in Entwicklung, Engineering, Fertigung, Montage und Logistik. Der Zulieferer ist nach Unternehmensangaben an mehr als 475 Standorten aktiv und hat 205.000 Mitarbeiter. Hellmann wiederum beschäftigt mehr als 12.000 Menschen in 62 Ländern und bewegt jährlich rund 21 Millionen Sendungen. Die neue Gesellschaft soll diese Strukturen zusammenführen und Automobilherstellern sowie Zulieferern durchgängige Logistiklösungen über Länder- und Kontinentgrenzen hinweg anbieten. Damit verfolgt Hellmann einen Ansatz, der zunehmend an Bedeutung gewinnt: Logistik soll nicht erst beim fertigen Produkt oder beim Versand einer Komponente beginnen, sondern bereits eng mit Produktions- und Beschaffungsprozessen verknüpft werden.
Automobillogistik wird zum strategischen Geschäft
Hinter der Partnerschaft steht eine Entwicklung, die zahlreiche Unternehmen der Branche beschäftigt. Die internationale Fahrzeugproduktion ist auf komplexe Zulieferstrukturen angewiesen. Komponenten müssen zwischen Werken, Lieferanten und Montagebetrieben transportiert werden. Gleichzeitig sollen Bestände möglichst niedrig bleiben und Lieferungen dennoch zuverlässig eintreffen. Ändern sich Produktionsstandorte, Zulieferbeziehungen oder Transportwege, müssen sich auch die logistischen Abläufe anpassen. Genau hier will MHSCL ansetzen. Das Gemeinschaftsunternehmen soll Kunden nicht nur einzelne Transport- oder Lagerleistungen anbieten, sondern komplette Lieferketten organisieren und steuern. Das Leistungsspektrum umfasst Luft-, See- und Straßengüterverkehr sowie Kontraktlogistik. Hinzu kommen digitale Lösungen, mit denen Warenströme transparenter und Abläufe besser koordiniert werden sollen. Die strategische Bedeutung liegt vor allem darin, dass Hellmann über Motherson einen Partner gewinnt, der selbst Teil der industriellen Wertschöpfungskette ist.
Von 3PL zu 4PL: Wer steuert künftig die Lieferkette?
Ein wichtiger Bestandteil des Geschäftsmodells sind sogenannte 3PL- und 4PL-Dienstleistungen. Bei Third Party Logistics (3PL) übernimmt ein externer Dienstleister beispielsweise Transporte, Lagerhaltung oder weitere operative Logistikaufgaben. Fourth Party Logistics (4PL) geht darüber hinaus. Hier steht die übergreifende Planung, Koordination und Steuerung der Lieferkette im Mittelpunkt. Ein 4PL-Dienstleister kann dabei auch verschiedene Transport- und Logistikpartner miteinander vernetzen. Für Automobilhersteller und Zulieferer kann das interessant sein, wenn Produktions- und Transportprozesse über zahlreiche Standorte verteilt sind. Hellmann und Motherson wollen ihre jeweiligen Kompetenzen nutzen, um solche End-to-End-Lösungen über mehrere Weltregionen hinweg anzubieten. Für Hellmann bedeutet das zugleich die Möglichkeit, sich stärker als strategischer Steuerungspartner der Automobilindustrie zu etablieren – und nicht ausschließlich als ausführender Logistikdienstleister.
Weltweite Präsenz als Wettbewerbsvorteil
Die neue Gesellschaft ist international ausgerichtet. Nach Unternehmensangaben verfügt MHSCL über eine Präsenz in Europa, Nordamerika, Indien und dem Nahen Osten. Die regionale Führungsstruktur deckt darüber hinaus China, Südostasien, Afrika sowie Nord- und Südamerika ab. Diese Aufstellung soll es ermöglichen, unterschiedliche Produktions- und Beschaffungsregionen in ein gemeinsames Logistikkonzept einzubinden. Wie groß das Geschäft tatsächlich werden kann, lassen die beiden Unternehmen allerdings offen. Hellmann und Motherson nennen weder ein konkretes Umsatzziel für das Joint Venture noch Angaben zu geplanten Investitionen, Transportvolumina oder bereits gewonnenen Kunden.
Operativer Start nach Gründung im März
Mit der Besetzung der Führungspositionen ist die Aufbauphase des Gemeinschaftsunternehmens nun einen Schritt weiter. Die operative Leitung hat Gordon Barnard übernommen, der zuvor bei Hellmann für das kommerzielle Geschäft in der Region Indien, Naher Osten und Afrika verantwortlich war. Weitere Führungspositionen wurden mit Managern aus dem Umfeld von Hellmann, Motherson und der Logistikbranche besetzt. Barnard sieht das Unternehmen nun vor dem Übergang in die operative Umsetzung. Ziel sei es, eine globale Plattform zu schaffen, die für mehr Transparenz, Flexibilität und Kontrolle in automobilen Lieferketten sorgt.
In Kürze: die Key Facts
- Unternehmen: Hellmann Worldwide Logistics und Samvardhana Motherson International Limited (Motherson).
- Joint Venture: Motherson Hellmann Supply Chain Limited (MHSCL), auch als MH Supply Chain Limited bezeichnet.
- Gründung angekündigt: März 2026.
- Operativer Start: Oktober 2026 mit Übernahme der Aufgaben durch das Führungsteam.
- Strategisches Ziel: Aufbau einer weltweit integrierten Logistikplattform für die Automobilindustrie.
- Geschäftsmodell: Kombination von Hellmanns globalen Logistikkompetenzen mit Mothersons industrieller Expertise in Entwicklung, Engineering, Fertigung, Montage und Logistik.
- Dienstleistungen: Luftfracht, Seefracht, Straßengüterverkehr, Kontraktlogistik sowie 3PL- und 4PL-Lösungen.
- Digitale Strategie: Verbesserung der Transparenz, Flexibilität und Steuerung internationaler Automobil-Lieferketten.
- Motherson: 205.000 Beschäftigte an mehr als 475 Standorten in 47 Ländern, rund 20,5 Milliarden Euro Jahresumsatz.
- Hellmann: Mehr als 12.000 Beschäftigte in 62 Ländern, rund 21 Millionen Sendungen jährlich und 3,7 Milliarden Euro Jahresumsatz.
- Internationale Präsenz: MHSCL ist nach eigenen Angaben in Europa, Nordamerika, Indien und dem Nahen Osten vertreten; weitere Regionen sind in der Führungsstruktur abgebildet.
- CEO: Gordon Barnard, zuvor Chief Commercial Officer bei Hellmann IMEA.
Fazit
Hellmann setzt auf mehr Kontrolle über die Lieferkette
Mit dem Joint Venture mit Motherson verfolgt Hellmann einen nachvollziehbaren strategischen Ansatz. In der Automobillogistik gewinnt nicht zwangsläufig derjenige, der die meisten Transporte abwickelt, sondern zunehmend derjenige, der komplexe Lieferketten über Standorte, Verkehrsträger und Unternehmensgrenzen hinweg steuern kann. Die Kombination aus Hellmanns Logistiknetz und Mothersons industrieller Präsenz bietet dafür eine interessante Ausgangsbasis. Gerade die enge Verbindung zu einem weltweit tätigen Automobilzulieferer könnte dem Logistiker zusätzliche Geschäftsmöglichkeiten eröffnen. Allerdings bleibt die Ankündigung bislang vor allem ein strategisches Versprechen. Konkrete Kunden, Investitionen und wirtschaftliche Ziele nennt Hellmann nicht. Ob aus dem Gemeinschaftsunternehmen tatsächlich ein wichtiger Akteur der globalen Automobillogistik wird, entscheidet sich deshalb nicht mit der Ernennung des Managements, sondern mit den ersten nachweisbaren Geschäftserfolgen.








