IRU: Europa fehlen 500.000 Lkw-Fahrer

IRU warnt vor globalem Fahrermangel
Europa fehlen mehr als 500.000 Lkw-Fahrer

Die weltweite Fahrerkrise verschärft sich. Laut IRU bleiben 2,9 Millionen Stellen unbesetzt. Besonders Europa leidet unter Personalmangel, bevorstehender Verrentung und sinkenden Transportkapazitäten.

Europa fehlen mehr als 500.000 Lkw-Fahrer
Foto: Thomas Küppers

Der Fahrermangel im Straßengüterverkehr bleibt eines der größten Wachstumshemmnisse der Logistikbranche. Weltweit sind derzeit rund 2,9 Millionen Stellen für Berufskraftfahrer unbesetzt. Besonders angespannt ist die Lage in Europa: Hier fehlen nach aktuellen Berechnungen der International Road Transport Union (IRU) rund 502.000 Lkw-Fahrer. Gleichzeitig steuert die Branche auf eine massive Verrentungswelle zu.

Situation hat sich in allen Märkten verschlechtert

Zu diesem Ergebnis kommt der neue sogenannte globale Driver Shortage Report der IRU, der 18 Märkte in Europa, Australien, Asien sowie Nord- und Südamerika untersucht hat. Demnach liegt die durchschnittliche Vakanzquote in Europa inzwischen bei 13 Prozent – einer der höchsten Werte weltweit. Gegenüber der Erhebung aus dem Jahr 2021 hat sich die Situation in nahezu allen untersuchten Märkten verschlechtert.

Fahrermangel wird für Unternehmen zum größten Geschäftsrisiko

Für viele Transportunternehmen hat der Personalmangel längst direkte wirtschaftliche Folgen. Rund zwei Drittel der europäischen Unternehmen geben an, Aufträge ablehnen zu müssen, weil sie nicht genügend Fahrer finden. Für 65 Prozent der befragten Betriebe ist der Fahrermangel inzwischen das mit Abstand größte Problem – deutlich vor steigenden Kosten oder regulatorischen Anforderungen.

IRU-Generalsekretär de Pretto: Lieferketten in Gefahr

„Trotz erheblicher Anstrengungen der Branche hat sich der Fahrermangel zu einem strukturellen Problem entwickelt“, erklärt IRU-Generalsekretär Umberto de Pretto. Die Schwierigkeiten bei der Personalgewinnung beeinträchtigten Transportkapazitäten, Unternehmenswachstum und die Zuverlässigkeit internationaler Lieferketten.

Demografischer Wandel verschärft die Lage

Als Hauptursache nennt die IRU inzwischen nicht mehr konjunkturelle Schwankungen, sondern strukturelle Entwicklungen. In Europa spielt vor allem die Altersstruktur der Fahrer eine entscheidende Rolle. Bis zum Jahr 2030 werden nach Schätzungen der Organisation rund 660.500 Berufskraftfahrer in den Ruhestand gehen.

Hohe Einstiegshürden in den Beruf des Lkw-Fahrers

Hinzu kommen hohe Einstiegshürden in den Beruf, fehlende Ausbildungsangebote in einigen Märkten sowie ein unzureichendes Angebot an sicheren Lkw-Parkplätzen und moderner Infrastruktur. In China und Usbekistan wächst dagegen die Transportnachfrage schneller als das Angebot an verfügbaren Fahrern.

Kleine Transportunternehmen besonders betroffen

Vor allem kleine und mittelständische Speditionen leiden unter dem Personalmangel. Unternehmen mit weniger als 50 Beschäftigten weisen laut IRU eine um sechs Prozentpunkte höhere Vakanzquote auf als große Flottenbetreiber. Gerade kleinere Betriebe verfügen häufig nicht über die finanziellen Möglichkeiten, um umfangreiche Recruiting-Kampagnen, internationale Personalgewinnung oder eigene Ausbildungsprogramme aufzubauen. Dabei bilden kleine Unternehmen das Rückgrat des europäischen Straßengüterverkehrs: Rund 98 Prozent aller Güterverkehrsunternehmen in der EU beschäftigen weniger als zehn Mitarbeiter.

Höhere Löhne reichen allein nicht mehr aus

Der Bericht zeigt zudem einen grundlegenden Wandel bei den Erwartungen von Berufskraftfahrern. Zwar bleibt das Einkommen ein wichtiger Faktor. Viele Unternehmen stoßen jedoch inzwischen an eine „Lohnmauer“. Allein höhere Gehälter reichen häufig nicht mehr aus, um neue Fahrer zu gewinnen oder bestehende Mitarbeiter langfristig zu binden. Immer wichtiger werden planbare Arbeitszeiten, mehr Zeit zu Hause, eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, moderne Fahrzeuge sowie sichere Parkmöglichkeiten entlang der Transportkorridore.

Frauen bleiben im Fahrerberuf deutlich unterrepräsentiert

Ein weiteres ungenutztes Potenzial sieht die IRU bei Frauen. Ihr Anteil an den Berufskraftfahrern liegt in Europa derzeit lediglich bei rund vier Prozent. Nach Einschätzung der Organisation könnten bessere Ausbildungsbedingungen, moderne Arbeitsbedingungen und ein attraktiveres Berufsbild dazu beitragen, deutlich mehr Frauen und junge Menschen für den Fahrerberuf zu gewinnen.

IRU fordert gemeinsames Handeln von Politik und Branche

Nach Auffassung der IRU lässt sich der Fahrermangel nicht allein durch Recruiting-Kampagnen lösen. Vielmehr seien koordinierte Maßnahmen von Politik, Verbänden und Unternehmen erforderlich. Beispiele aus Finnland, den Niederlanden und der Türkei zeigten, dass gemeinsame Ausbildungs- und Rekrutierungsprogramme den Zugang zum Beruf deutlich verbessern können. Für die Logistikbranche bedeutet der anhaltende Fahrermangel weit mehr als ein Personalproblem. Er entwickelt sich zunehmend zu einem Engpass für Transportkapazitäten, Lieferketten und das weitere Wachstum der europäischen Wirtschaft.

In Kürze: die Key Facts

  • Thema: Globaler Fahrermangel im Straßengüterverkehr
  • Quelle: International Road Transport Union (IRU), Driver Shortage Report 2025 (veröffentlicht am 30. Juni 2026)
  • Weltweit unbesetzte Fahrerstellen: 2,9 Millionen
  • Unbesetzte Fahrerstellen in Europa: rund 502.000
  • Vakanzquote Europa: 13 %
  • Größte Sorge europäischer Unternehmen: Fahrermangel (65 % der Befragten)
  • Unternehmen mit Auftragsablehnungen: rund zwei Drittel der europäischen Betriebe
  • Berufskraftfahrer in Europa bis 2030 im Ruhestand: rund 660.500
  • Frauenanteil unter europäischen Lkw-Fahrern: ca. 4 %
  • Hauptursachen: Demografischer Wandel, Nachwuchsmangel, Arbeitsbedingungen, fehlende Infrastruktur
  • Bedeutung für Logistikdienstleister: Sinkende Transportkapazitäten, erschwertes Wachstum, steigender Personal- und Kostendruck, Risiken für Lieferketten.