Parkplatzmangel

Die Not ist groß

Foto: Jan Bergrath
Meinung

Im größten Transitland Europas fehlen rund 40.000 Lkw-Stellplätze. Nun werden alternative Lösungen abseits der Autobahn gefördert. Das Thema bei FERNFAHRER LIVE.

Die Sommerferien sind in den meisten Bundesländern vorbei. Der Verkehr auf den Autobahnen legt wieder zu, mit ihm steigt die Gefahr, dass dieser an den vielen Dauerbaustellen in Deutschland gleich wieder ins Stocken gerät. Von einer dringend nötigen grundsätzlichen Verkehrswende sind wir dagegen weit entfernt. Das Handelsblatt hat es nun erstmals in Zahlen gefasst. „Bereits im März lag die Verkehrsleistung der Lastwagen in Deutschland wieder ein Prozent über dem Vorkrisenniveau, errechnet das von Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) beauftragte Forschungsinstitut Intraplan Consult. Insgesamt erwarte man beim Lkw-Frachtaufkommen 2021 einen deutlichen Anstieg um drei Prozent gegenüber dem Vorjahr.“

Das hat auf der anderen Seite erhebliche Folgen für den ruhenden Verkehr. „Da der Straßengüterverkehr durch eine immer weiter voranschreitende Internationalisierung, eine abnehmende Produktionstiefe und einen Anstieg des Onlinehandels dauerhaft zunimmt, gehen wir von aktuell 35.000 bis 40.000 fehlenden Lkw-Stellplätzen aus“, warnt der Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) mit Sitz in Frankfurt. Oder anders gesagt. „Es gibt nicht zu wenig Lkw-Parkplätze, es gibt zu viele Lkw“, wie es neulich der langjährige Lkw-Fahrer Wolfgang Dorn zusammengefasst hat.

Bürgerinitiativen blockieren Ausbau von Rastanlagen

Bereits 2019 hat die IHK in Köln vor der Gefahr des Parkplatzmangels im der Region Köln gewarnt, das Problem hat sich seit der Flutkatastrophe Mitte Juli diesen Jahres vor allem im Kölner Süden massiv verschärft. Immerhin gab es nach der 64. Sendung von FERNFAHRER LIVE eine Initiative der Autobahn GmbH Rheinland, der Autobahnpolizei Köln und von KRAVAG Truck Parking, die weiter für Lkw erreichbaren Parkplätze aufzulisten.

Doch immer öfter wächst mittlerweile unter der Bevölkerung, die in der Nähe von potentiellen neuen Lkw-Parkplätzen wohnt, der Widerstand. Bei einer schnellen Recherche im Internet bin ich auf 13 Bürgerinitiativen gestoßen, die sich gegen weitere Lkw-Stellflächen zur Wehr setzen. Das betrifft etwa die A 1 bei Leverkusen, die A 8 bei Saarwellingen oder die A 10 im Potsdamer Norden. Die jeweiligen Argumente gleichen sich: Lärm durch Laster, eine rund um die Uhr durchgehende Beleuchtung und ein gefürchteter Anstieg der Kriminalität.

Osteuropäische Flotten verschärfen das Problem

Das hängt zu einem großen Teil auch damit zusammen, dass vor allem an den Wochenenden die meisten deutschen Autobahnraststätten und vor allem viele Industriegebiete oder Terminals des Kombinierten Verkehrs von Lkw aus Osteuropa belegt sind. Regelmäßige Meldungen über alkoholisierte Fahrer tragen zu dem Urteil wohl auch bei. Das Bundesamt für Güterverkehr, BAG, das eigentlich prüfen müsste, ob die Fahrer aus Osteuropa und immer öfter aus den ehemaligen GUS-Ländern tatsächlich nur ihre reduzierte wöchentliche Ruhezeit in Deutschland verbringen, wird auch auf Dauer bei den gelegentlichen Schwerpunktkontrollen das Problem nicht lösen können. Dazu stehen viel zu viele Lkw am Wochenende allein auf den Autobahnparkplätzen (Rund 700 allein rund um das Kreuz Walldorf).

Bei Kontrollen Luft nach oben

Laut einer Statistik des BAG wurden 2020 insgesamt 1.200 gebietsfremde Lkw zur Frage der Verbringung der regelmäßigen wöchentlichen Ruhezeit im Lkw kontrolliert, so wie bei einer Schwerpunktkontrolle am 5. Juli. Laut BAG wurde bei 254 Fahrzeugen die Einhaltung der regelmäßigen wöchentlichen Ruhezeit außerhalb des Fahrzeugs überprüft. 36 Verstöße im Zusammenhang mit dem Verbot der Verbringung der regelmäßigen wöchentlichen Ruhezeit im Fahrzeug wurden festgestellt. Da ist, hochgerechnet, also noch viel Luft nach oben.

Denn mittlerweile wird nach Angaben des BAG rund 42,3 Prozent der Fahrleistung in Deutschland von gebietsfremden Lkw zurückgelegt. Es ist nach wie vor nicht möglich, genau zu beziffern, wie viele Lkw davon bilaterale oder nationale Transporte, sprich Kabotage, durchführen oder rein im Transitverkehr unterwegs sind. Fakt ist: Während die heimischen Transportunternehmen in der Regel Stellplätze auf dem Betriebsgelände vorhalten, nutzen die osteuropäischen Flotten weitestgehend öffentlichen Parkraum. Und wenn sie diesen dann vor allem zum Jahreswechsel länger als zwei Wochen blockieren, fehlt dem zuständigen Fernstraßenbundesamt in Leipzig auf Nachfrage offensichtlich die nötige Bereitschaft, derartige Verstöße auch konsequent zu verfolgen.

Gefährliche Situationen am Rand der Autobahnen

All das führt dazu, dass die meisten Autobahnraststätten und Parkplätze entlang der Autobahnen spätestens ab 17 Uhr volllaufen, in der Nacht, so berichten mir die Fahrer immer wieder von Lkw, die gefährlich weit in den Auffahrten stehen – mit einer am Heck des Trailers hängenden Warnweste.

Wie schwer es insbesondere die Fahrer von Schwertransporten zusätzlich haben, schildert Holger Dechant, Geschäftsführer der Universal Transport aus Paderborn: „Unser Handicap ist, dass oftmals Kollegen mit konventionellen Lkw sich auch auf die sogenannte Schwerlastspur stellen, da keine Alternativen auf der jeweiligen Rastlange zu finden sind“, so Dechant. „In der Regel sind wir nachts unterwegs und suchen entsprechend gegen 5.00 Uhr oder 6.00 Uhr freie Parkplätze. Hin und wieder lassen wir sogar Parkplätze sperren. Wenn dann diese Parkmöglichkeiten trotz Hinweis- und Verbotsschildern nicht mehr zur Verfügung stehen, dann stehen Lkw mit Großraum- und Schwertransporten mit Längen von 70 Metern und mehr sowie Überbreiten auf der Autobahn, was natürlich sehr gefährlich ist. Zumal es zu dieser Uhrzeit nicht hell ist, wenngleich das Geldblicht oftmals im Dunkeln besser wahrgenommen wird. Unsere Kollegen verstehen natürlich auch die anderen Berufskraftfahrer und den Kampf um jeden Parkplatz. Und die Mitarbeiter im Begleitfahrzeug am Ende des Lkw leben dann übrigens mehr als gefährlich. Hier hat es schon böse und auch tödliche Unfälle gegeben.“

Bundesverkehrsministerium fördert Ausbau von Parkplätzen abseits der Autobahn

Liegt die Lösung des Parkproblems vielleicht abseits der Autobahn? Seit Mai fördert das Bundesverkehrsministerium den Ausbau von Parkmöglichkeiten in einem Radius von rund drei Kilometern abseits der Autobahn. Was das genau heißt und wer einen Förderantrag für die bis 2024 bereit gestellten 90 Millionen Euro beim BAG stellen kann, erläutert Tim Baumeister von KRAVAG Truck Parking, im Trailer zur 66. Sendung von FERNFAHRER LIVE am Donnerstag, dem 2. September, ab 17 Uhr.

Dort diskutieren:

  • Tim Baumeister, Co-Projektleiter von KRAVAG Truck Parking;
  • Jens Pawlowski, Leiter der Repräsentanz des BGL in Berlin;
  • Jörg Schwerdtfeger, Personalmanager der WL-Spedition in Herford;
  • Franco Filippone vom Kraftfahrerkreis Südhessen, Fahrer der Spedition Schuon, der über die aktuelle Parkplatznot im Rhein-Main-Gebiet berichten wird;
  • Ronny Knoblauch von Universal Transport, der die besondere Situation der Schwertransporte kennt;
  • Alexander Scheurer von Holtkamp internationale Transporten B.V., der den Parkplatzmangel in den Niederlanden schildert;
  • sowie Heike Prinz von der Spedition Theodor Tauschlag und Karl Peter (Eule) Hartmann von der Spedition Kempmann.
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