Baustellenmanagement

Dauerstaus in Deutschland

Foto: Christina Petters
Meinung

Noch bis zum Jahr 2025 wird die A 1 zwischen Lohne/Dinklage und Bramsche dreispurig ausgebaut. Pannen oder Unfälle sorgen immer wieder für Staus.

Seit dem 1. März wird die A 1 zwischen den Anschlussstellen Lohne/Dinklage und Bramsche von zwei auf drei Spuren ausgebaut. Mit der geplanten Fertigstellung etwa Mitte 2025 soll dann die A 1 in beiden Richtungen sechsspurig bis zum Kreuz Lotte/Osnabrück befahrbar sein. Die Autobahn GmbH, die seit Januar für alle bundesweiten Baumaßnahmen die Planung und Ausführung übernommen hat, spricht dabei auf Nachfrage von einem sogenannten Funktionsbauvertrag. „Der Funktionsbauvertrag ist eine spezielle Vertragsform, welche eine gewisse Länge an bauliche Umsetzung beinhalten muss“, so die Pressestelle auf Nachfrage. „Durch die parallele Bearbeitung der insgesamt rund 30 km langen Baustrecke wird eine deutliche Bauzeitverkürzung erreicht.“

Extreme Staugefahr

Die Probleme müssen andere lösen. Für die Autobahnpolizei Ahlhorn war allein der 10. August ein „schwarzer Dienstag.“ Gegen 14.30 Uhr bekam der Dienstschichtleiter, Polizeihauptkommissar Cliff Sprenger, die Meldung, dass einige Kilometer hinter der Verschwenkung bei Lohne/Dinklage ein polnischer Sattelzug mit einem Fahrer aus Belarus liegen geblieben war. Andere Lkw versuchten, ohne die fremden und eigenen Spiegel zu beschädigen, an dem Lkw vorbeizukommen. In kürzester Zeit bildete sich ein Rückstau, der weit hinter die Anschlussstelle Vechta reichte. „Die Bergung des Lkws war erst gegen 20 Uhr abgeschlossen“, so Sprenger. „Es gab dabei massive Probleme beim Bergungsunternehmen und der Beauftragung durch die Halterfirma des Liegenbleibers.“

Es gab an diesem Tag allein sieben Auffahrunfälle. In Folge des Rückstaus kam es auch zu einem Unfall mit einem Tankzug, der Gefahrgut geladen hatte. Seit Einrichtung der Baustelle sind bereits zwei Lkw-Fahrer durch Unfälle am Stauende ums Leben gekommen. Es ist das Thema im „Brennpunkt“ in Heft 10 des FERNFAHRER, das am 4. September erscheint. Insgesamt, so berichtet auch der Verein „Hellwach mit 80 km/h“, sind im ersten Halbjahr 2021 bereits 51 Lkw-Fahrer bei einem Unfall am Stauende ums Leben gekommen. Meistens vor Baustellen.

Die Frage nach der Absicherung

Das wirft für mich zwei Fragen auf. Nur auf zwei Teilstücken der A 1 haben Lkw-Fahrer Luft zum „Durchatmen“, dann kommt die nächste Verschwenkung und damit die nächste Gefahr einer Staubildung. Zur Absicherung der Baustellen hat mir die Autobahn GmbH geschrieben: „Rückstaubildungen im Vorfeld von Baustellen mit Verkehrsführungen können bei den hochbelasteten Autobahnen leider nicht immer vollständig ausgeschlossen werden. Die Autobahn Westfalen erhält bei der Einrichtung der Baustellen in der Regel die Anzahl der Fahrstreifen und sorgt damit für einen weiterhin flüssigen Verkehr. Dennoch lassen sich, vor allem bedingt durch Unfälle, auf hoch belasteten Strecken Staus nicht vermeiden. Durch die schrittweise Reduzierung der Geschwindigkeit im Vorfeld von Baustelleneinrichtungen wird der Verkehr verlangsamt an eine Engstelle herangeführt und es wird so einer Staubildung entgegengewirkt.“

Erste Warnung bereits acht Kilometer vorher

Und weiter heißt es zur konkreten Situation der Stauwarnung an der A 1: „Die Anzeigetafeln der Stauwarnanlage stehen beidseitig pro Fahrtrichtung ca. sechs, vier und zwei Kilometer vor jedem Bauabschnitt und jeweils einmal einseitig pro Fahrtrichtung in jedem Bauabschnitt sowie im untergeordneten Verkehrsnetz an den Auffahrten der Bundes- und Landesstraßen. Insgesamt sind somit 21 Anzeigetafeln je Fahrtrichtung auf der BAB mit jeweils zugehörigen Messquerschnitten installiert. Vor dem ersten Bauabschnitt in Fahrtrichtung Dortmund steht die erste Anzeigetafel bereits 8,3 km vor der Baustelle. Es sind so genannte RGB-LED-Panel aufgebaut.“ Ich gehe hier mit Polizeihauptkommissar Cliff Sprenger konform, der sagt, dass man diese Warnungen eigentlich nur übersehen kann, wann man als Fahrer zuvor abgelenkt oder müde war. In der dann 67. Sendung von FENFAHRER LIVE am 16. September widmen wir uns daher zusammen mit der Autobahnpolizei und der BG Verkehr, die schon Anfang September einen eigenen Podcast zum Thema veröffentlichen wird, explizit der „Gefahr durch Ablenkung“.

Wie viele Staus verträgt die reibungslose Logistik?

Angesichts der weiter andauernden Sperrung der A 1 und der A 61 im Kölner Süden und im Erftkreis warnte bereits Marcus Hover, stellvertretender Hauptgeschäftsführer Verband Verkehrswirtschaft und Logistik Nordrhein-Westfalen e.V., anlässlich der 64. Sendung von FERNFAHTER LIVE vor den Folgen für die bereits angeschlagene Logistik allein in NRW: „Unternehmen berichten mir von Effizienzverlusten von bis zu 18 Prozent durch Staus in den letzten zehn Jahren“, so Hover, „und das ohne Großereignisse wie den Ausfall kompletter Autobahnabschnitte. Zusammen mit dem weiter fortschreitenden Fahrermangel droht das zum Flaschenhals der Wirtschaft zu werden.“

Verbände sind besorgt

Dieselbe Warnung kommt jetzt aktuell vom „Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA). „Deshalb müsse Deutschland jetzt zügig seine Hausaufgaben machen“, so Carsten Taucke, Vorsitzender des Verkehrsausschusses im BGA. Er kritisierte das schlechte Baustellenmanagement – und die vielen Staus. „Hier sei die Autobahngesellschaft gefordert, die Bauzeiten müssten reduziert werden.“ Das allerdings, so die Autobahn GmbH, sei ja bereits, siehe oben, durch den Funktionsbauvertrag gegeben. In der Tat gibt es derzeit kaum eine deutsche Autobahn, auf der nicht eine Dauerbaustelle eingerichtet ist.

Für den Bundesverband Güterverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) kommentierte dessen Berlin Repräsentant, Jens Pawlowski: „Grundsätzlich begrüßt der BGL die Instandsetzung der Straßen, für die die Transportunternehmer letztlich Maut bezahlen. Klar ist auch, Instandhaltung ohne Baustellen geht nicht. Gleichzeitig haben die jüngsten Beeinträchtigungen im Schienengüterverkehr wieder einmal gezeigt, wie wichtig funktionierende Lieferketten sind. Daher muss das Baustellenmanagement dringend so optimiert werden, dass der Straßengüterverkehr verlässlich rollen, die Logistikwirtschaft verlässlich planen und die Versorgungssicherheit somit gewährleistet werden kann.“

Liste aller Autobahnbauprojekte

Die Autobahn GmbH hat mittlerweile eine Liste über alle Autobahnprojekte veröffentlicht und erstellt aktuell eine bundesweite Übersicht über den Zustand der Autobahnbrücken. Hierfür werden die Brückendaten zu den rund 27.000 Brückenbauwerken im Bereich der Autobahnen ausgewertet und die Zustandsnoten in einem Diagramm dargestellt. Die Zustandsnoten beschreiben den baulichen Zustand der Bauwerke, der als Ergebnis einer Bauwerksprüfung nach DIN 1076 festgestellt wird. Darüber hinaus existiert mit dem Traglastindex ein weiterer wichtiger Kennwert, der Auskunft über die strukturellen Eigenschaften eines Tragwerks gibt. Für die Erhaltungsplanung sind beide Kennwerte bedeutsam und je für sich geeignet, Handlungsbedarf für Instandsetzungen und/oder Ertüchtigungen bzw. Modernisierung aufzuzeigen. Wie lange so ein Brückenneubau dauern kann, steht im Bericht „Bauen im Bestand“.

Weckreize für Fahrer gefordert

Es ist also noch für viele Jahre damit zu rechnen, dass die Autobahnen in Deutschland weiter ausgebaut werden. Lkw-Fahrer und ihre Disponenten müssen sich daher weiter auf Staus und weiterhin erhebliche Verzögerungen einstellen. Und sie sollten ihre volle Aufmerksamkeit auf die vorhandenen Warnungen richten – um schwere Unfälle zu vermeiden. "Wir fordern bei der Einrichtung von Dauerbaustellen auf hochbelasteten Transitrouten mit hohem Lkw-Anteil zur Verhinderung von Aufmerksamkeitsdefiziten den standardisierten Einsatz von smarten, umsetzbaren Stauwarnanlagen“, so der langjährige Direktor der Verkehrspolizei Mannheim und Mitbegründer von „Hellwach mit 80 km/h“, Dieter Schäfer. Einerseits könne bei der regelmäßigen Evaluierung der täglichen Stauspitzen die Warnstrecke angepasst und andererseits die Geschwindigkeitsreduzierung (bis 60 km/h) dem Verkehrsaufkommen angepasst werden. Warnung in Echtzeit verhindere zudem beim Verkehrsteilnehmer einen Gewöhnungseffekt, sodass er bei Warnung weiß, dass auch Gefahr droht. „Eine Kombination mit einem mobilen autonomen Geschwindigkeitsblitzer auf der Annäherungsstrecke gibt auch dem abgelenkten und deshalb zu schnell fahrenden Lkw-Fahrer durch das Auslösen eines Messblitzes einen „Weckreiz“, bevor er ungebremst auf ein Stauende kracht."

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