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BGL-Chef Dirk Engelhardt zur Fahrerumfrage

Fehlende Wertschätzung führt zu Fahrermangel

Foto: Jan Bergrath

Der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) kämpft weiter für den Mindestlohn auf internationalen Fahrten. "Wir fallen nicht um", betont Hauptgeschäftsführer Prof. Dirk Engelhardt.

trans aktuell: Herr Prof. Engelhardt, der Fahrermangel spitzt sich dramatisch zu. Finden die Unternehmen schlichtweg deswegen keine Fahrer, weil offenbar vielfach der Umgang mit ihnen zu wünschen übrig lässt?

Prof. Engelhardt: Die mangelnde Wertschätzung ist neben anderen Punkten eine der Haupt­ursachen für den Fahrermangel. Der BGL hat bis Juli eine mit mehr als 4.000 Teilnehmern groß angelegte Fahrerumfrage durchgeführt, deren Ergebnisse jetzt vorliegen. Die Antwort auf die Frage, ob Fahrer eine angemessene Wertschätzung erfahren, fiel besonders ernüchternd aus: Diese wird nur 2,5 Prozent der Fahrer zuteil. Insofern ist klar, wo wir ansetzen müssen, wenn wir Fahrer finden und halten wollen.

Hat das Ergebnis Sie wirklich überrascht?

Ehrlich gesagt nicht, wenngleich ich schon schlucken musste, als ich das Ergebnis dann schwarz auf weiß gesehen habe. Wenig überraschend waren auch die genannten Hauptgründe für den Nachwuchsmangel – allen voran die Entlohnung mit 90 Prozent, gefolgt vom schlechten Image und von den Arbeitszeiten mit jeweils 81 Prozent.

Ist die fehlende Wertschätzung nur ein deutsches Phänomen?

Die Diskrepanz zwischen der Wichtigkeit der Arbeit unserer Fahrer und dem, was wir ihnen entgegenbringen, ist hierzulande besonders ausgeprägt. Hier sind sie die Störenfriede auf der Autobahn, in den Niederlanden die Kaufleute Europas. Bei den Franzosen hat der Fahrerberuf ebenfalls einen anderen Stellenwert, was wohl auch daran liegt, dass die Bevölkerung aufgrund der intensiven Streiks erkannt hat, wie abhängig sie von einer funktionierenden Logistik ist. In Deutschland ist vielen nicht bewusst, dass die Milch nicht im Kühlschrank wächst. Ende Mai haben wir zum ersten Mal einen Hinweis in einem namhaften Lebensmittelladen gesehen, auf dem sinngemäß stand: Liebe Kunden, aufgrund von Logistikproblemen sind unsere Regale nicht so voll, wie Sie es gewohnt sind.

Mit den Ergebnissen Ihrer Umfrage könnten Sie die Öffentlichkeit doch nun ein Stück weit wachrütteln. Was ist konkret damit geplant?

Wir werden damit direkt an Verkehrspolitiker in Brüssel und Berlin herantreten. Es ist nicht so, dass sie die Probleme nicht kennen würden. Es hat aber noch mal eine andere Aussagekraft, wenn die Probleme durch eine groß angelegte Umfrage belegt sind. Auch ist es authentischer, wenn es von den Fahrern selbst kommt. Wir hatten die Politik auch im Vorfeld eingebunden. Der SPD-Abgeordnete Udo Schiefner war Anfang Mai bei einer Umfrage auf dem Rastplatz Frechen-Nord dabei, der CSU-Abgeordnete Karl Holmeier Ende Juni auf dem Autohof Wernberg an der A 93.

Was kann als Reaktion jeder unternehmen, um die Attraktivität des Fahrerberufs zu steigern?

Der BGL muss hier an mehreren Fronten kämpfen. Einmal werden wir uns selbst noch intensiver um Fahrerthemen kümmern – zum Beispiel über unseren neuen Brummi-Club, in dem wir über Alltagsprobleme diskutieren und für Abhilfe sorgen, aber auch über mögliche Anwerbeaktionen mit der Bundesagentur für Arbeit. Zum anderen müssen wir – das hat die Umfrage gezeigt – für eine angemessene Entlohnung, ein besseres Image und eine Flexibilisierung der Rahmenbedingungen sorgen, damit sich Job und Familie besser vereinbaren lassen. Dazu gehört auch, dass es sichere und beleuchtete Parkplätze gibt. Von einigen Fahrerinnen wissen wir, dass sie aus Angst abends keine unbeleuchteten Parkplätze ansteuern. Und natürlich werden wir unsere Forderungen auch in die Abstimmungen zum geplanten EU-Mobilitätspaket einbringen.

Hier wurde aber erst mal die Reset-Taste gedrückt, weil im EU-Parlament keine Einigung erzielt werden konnte. Sehen Sie vor der Europawahl noch Chancen für eine Annäherung?

Die Zeit ist knapp. Wenn wir vor den Neuwahlen eine Lösung herbeiführen wollen, muss es schnell gehen. Eine Lösung kann sich nur dadurch auszeichnen, dass sie unsere Unternehmen und ihre Fahrer nicht benachteiligt. Die EU-Kommission versucht im Moment, Kompromisslinien zu erarbeiten. Der BGL hat seine Zusammenarbeit zugesagt, was die Kommission positiv bewertet. Auf internationaler Verbandsebene gilt es nun auszuloten, wo Kompromisslinien liegen könnten; hier engagiert sich mein Kollege Dirk Saile, der unser Büro in Brüssel leitet.

Eigentlich kann es doch bei der Entsendung keinen Kompromiss geben – schon DSLV und BGL werden sich hier nicht einig …

Erst einmal werden wir mit verschiedenen Nachbarstaaten ausloten, was auf europäischer Ebene funktionieren kann. Mit diesen Erkenntnissen gehen wir dann auf das BMVI zu und sind zuversichtlich, dass wir anschließend auch auf nationaler Ebene eine Annäherung finden werden.

Werden Sie – um einen Kompromiss zu erzielen – von Ihrer Position abrücken, wonach im Ausland der dortige Mindestlohn zu zahlen ist?

Wir haben unseren Standpunkt, und wir fallen nicht um. Wir haben sehr viele Mitgliedsunternehmen, die in den osteuropäischen Staaten aktiv sind und von dort ansässigen Unternehmen wissen, dass sie vor Ort auch keine Fahrer mehr bekommen. Nicht nur in Bulgarien findet ein Umdenken bei der jungen Generation statt, die nicht mehr bereit ist, für 300 bis 500 Euro zu fahren. Ändern wir die Entlohnung nicht, schieben wir die Preisspirale nur weiter nach Osten. Die internationalen Transporte von der Mindestlohnpflicht auszuklammern, löst unsere Probleme nicht und schafft erst recht keine einheitlichen Wettbewerbsbedingungen. Davor können wir nur warnen.

Ist dem BGL dann überhaupt an einer Novelle der Gesetze gelegen? Die aktuellen Regelungen zum Fahrereinsatz und zur Kabotage schützen die hiesigen Betriebe doch besser als eine weitere Liberalisierung.

In der letzten Fassung des EU-Mobilitätspakets waren viele Aspekte, die beim BGL auf große Zustimmung gestoßen sind.

Nämlich?

Wir haben dafür geworben, dass Fahrer zwei Stunden zusätzliche Lenkzeit bekommen, die in der Folgewoche auszugleichen sind – allerdings nur freitags auf dem Heimweg in Verbindung mit einer regelmäßigen Wochenruhezeit. Es ist explizit also keine zusätzliche Zeit für den Disponenten. Fahrer haben uns in unserer Umfrage bestätigt, dass die freitäglichen Staus ihnen der größte Dorn im Auge sind. Sie wollen heim, haben aber eine komplett ausdisponierte Tour, die keinen Puffer bietet. Statt zu Hause mit Frau und Kindern verbringen sie das Wochenende nicht selten auf einem Rasthof.

Spediteure können die Fahrer doch mit Autos, zum Beispiel von Aushilfen, abholen lassen?

Ja, schon. Dass Azubis und Rentner mit dem Pkw die gestrandeten Fahrer einsammeln, wird ja auch praktiziert. Doch alles hat seine Grenzen. Das geht auch nur bei geringwertigen Ladegütern. Hochwertige Ladegüter kann man nicht übers Wochenende auf einem unbewachten Parkplatz stehen lassen. Wenn der Fahrermangel doch so eklatant und jedem das Wochenende heilig ist, sollten die zwei Stunden zusätzliche Lenkzeit zu den erwähnten Bedingungen doch eine breite Zustimmung finden können.

Und was ist mit der möglichen Liberalisierung der Kabotage?

Uns ist bewusst, dass schon die heutigen Regelungen kaum kontrolliert werden. Deswegen besteht unsere Hauptforderung darin, bei künftigen Lösungen darauf zu achten, dass sie kontrolliert werden. Wir sind bereit, Kompromisse einzugehen, aber niemals zum Nachteil deutscher Transportunternehmen.

Fahrerberuf soll Mangelberuf werden

Der BGL will mit einer Vielzahl an Maßnahmen den Engpass bei den Fahrern entschärfen. Große Erwartungen hat er an das neue EU-Mobilitätspaket, das die Arbeitsbedingungen, die Entlohnung und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern soll. Neben Ansätzen zur Imageverbesserung des Berufsbilds und pragmatischen Lösungen von Alltagsproblemen der Fahrer, um wieder mehr Berufseinsteiger für den Job des Berufskraftfahrers zu interessieren, regt der Verband auch folgende Maßnahmen an:

Mangelberuf

Der Fahrerberuf muss als Mangelberuf anerkannt sein, damit die Bundesagentur für Arbeit gezielt Fahrer aus dem Ausland anwerben kann. Das Problem aktuell: Unternehmen haben mit den vermittelten Fahrern oft mehr Pech als Glück und melden offene Stellen erst gar nicht mehr. Damit gibt es offiziell keinen Mangel. "Wir appellieren deshalb an unsere Unternehmen, alle offenen Stellen zu melden, damit der Fahrerberuf als Mangelberuf anerkannt wird", sagt BGL-Hauptgeschäftsführer Prof. Dirk Engelhardt.

Integrationslösung

In Vorbereitung für ein gezieltes Anwerbeprogramm empfiehlt der BGL Integrationslösungen, damit Fahrer dauerhaft in Deutschland bleiben können. "Es geht um Pakete, die Sprachkurse, Wohnungen und andere Schritte zur Integration umfassen", teilt der BGL mit. Er ist mit der zentralen Auslandsvermittlung der Bundesagentur für Arbeit in Kontakt, die Potenzial bei der Fahrerakquise vorrangig in Südeuropa sieht (etwa in Italien und Portugal), aber auch auf dem Balkan (etwa in Serbien und Bosnien).

Foto: Matthias Rathmann
Prof. Dr. Dirk Engelhardt ist seit Januar 2017 Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL)

ZUR PERSON

  • Prof. Dr. Dirk Engelhardt ist seit Januar 2017 Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL)
  • Zuvor leitete er von 2003 bis 2016 den Geschäftsbereich Logistik/Fuhrpark der Genossenschaft RWZ Rhein-Main
  • Er ist Professor für Logistikmanagement an der Steinbeis Hochschule Berlin (SHB)
  • Engelhardt, geb. 1973, studierte Agrarwissenschaften an der Justus-Liebig-Universität Gießen, wo er auch promovierte. Als Student verdiente er sein Geld mit Lkw-Fahren
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