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Mindestlöhne gefordert: Wettbewerb nicht über die Preisschiene

Oliver Gross bricht eine Lanze für den Mindestlohn. Der Geschäftsführer des Entsorgers Sita Deutschland will damit verhindern, dass der Wettbewerb nur über die Preisschiene auf dem Rücken der Mitarbeiter erfolgt. Ferner berichtet er von seinen Erfahrungen mit dem rasanten Aufschwung und dem elektronischen Abfallnachweis.

Die rasche wirtschaftliche Erholung hat auch die Entsorgungsbranche überrascht. Der Dienstleister Sita Deutschland hat seine Flotte deutlich aufgestockt und die Sortieranlagen hochgefahren. Für 2011 rechnet das Unternehmen wieder mit einem Niveau wie im Jahr 2008, wie Geschäftsführer Oliver Gross im Gespräch mit trans aktuell-Redakteur Matthias Rathmann erläutert.
trans aktuell: Herr Gross, Sie waren bis 2008 Deutschland-Chef des Logistikers Gefco. Wie schwer fiel der Wechsel vom Stückgut zur Entsorgung?
Gross: Der Wechsel ist relativ leicht gefallen, weil die Sprache identisch ist. Die Logistik- ist wie die Entsorgungsbranche recht bodenständig, die logistischen Ansätze sind ähnlich. Der große Unterschied ist, dass man im Gegensatz zur Logistikbranche oft auch Eigentümer des Gutes wird. Man transportiert es, bearbeitet es und handelt damit – sei es Papier, Metall oder Kunststoff.
Komfortabler dürfte der Umstand sein, dass Sie in Ihrer Branche in der Regel längere Verträge haben, oder?
Stimmt. Die Verträge mit den Kommunen laufen im Normalfall zwischen fünf und acht Jahre. Das bringt für uns eine höhere Planungssicherheit und damit oft auch eine erhöhte Investitionsbereitschaft, man ist auch nicht so austauschbar.
Wie unterscheiden sich die Anforderungen in den einzelnen Kommunen?
Erheblich. Manche Kommunen schreiben Ident-Systeme mit Chip an den Tonnen vor oder wollen, dass der Abfall jedes Haushalts gewogen wird. Auch die Abholrhythmen sind unterschiedlich. In manchen Kommunen reicht eine zweiwöchentliche Abholung, andere sagen: Einmal pro Woche ist nötig. Durch die unterschiedlichen Anforderungen ergeben sich auch unterschiedliche Lkw-Konfigurationen und dadurch ein oft sehr hoher Investitionsbedarf.
Wie das?
Manche Kommunen wollen zum Beispiel sicher gehen, dass in der Biotonne auch tatsächlich nur Biomüll landet und nicht etwa der kaputte Videorekorder. Also sind unsere Fahrzeuge dort mit speziellen Metalldetektoren und Kameras ausgestattet. Im Industrie- und Handelsbereich – wo die Verträge meist nur ein bis drei Jahre laufen – sind wir eher mit Standard-Equipment unterwegs. Man versucht hier, möglichst viele unterschiedliche Kunden auf einer Tour zu kombinieren. Das ist mit dem Speditionsgeschäft vergleichbar.
Im Gegensatz zur Spedition dürften Sie aber weniger abhängig von der Konjunktur sein. Die Verträge haben längere Laufzeiten, und Müll fällt doch eigentlich immer an, oder?
Jein. Das Kommunalgeschäft läuft natürlich schon sehr stabil – wenn auch der Preisdruck bei Ausschreibungen hier recht hoch ist. Beim Industrie- und Handelsgeschäft sind wir aber sehr von der Gesamtwirtschaft abhängig. Geht die Industrieproduktion zurück, verringert sich auch das Abfallaufkommen in dem Bereich. Doch auch das Kommunalgeschäft ist in manchen Bereichen anfällig.

Inwiefern?
Bei der kommunalen Papiersammlung ist teilweise die Vermarktung des Rohstoffes auf den Dienstleister übertragen. Das birgt Risiken. So ist der Papierpreis in der Krise von 80 auf 20 Euro je Tonne gefallen, der Metallpreis gar von 120 auf null Euro. Die Folge: Man wird das Material nicht mehr los. Das hat sehr wohl Einfluss auf das Geschäft: Sie haben gebundenes Kapital.
Und bringen Sie inzwischen alles wieder an den Mann?
Ja, im Frühjahr hat sich die wirtschaftliche Lage wieder erholt, unserer Ansicht nach fast zu schnell. Das Sprunghafte ist ungesund. Wenn man sehr schnell reagieren muss, macht man leichter Fehler. Dann kommt man auch mit dem Ressourceneinsatz nicht mehr klar. Dabei konnten wir uns glücklicherweise noch besser auf den Aufschwung vorbereiten als die Industrie selbst. Dort muss alles sofort lieferbar sein, wir haben nachgeordnet noch etwas Luft.
Worauf stellen Sie sich 2011 ein?
Wir sehen das Jahr 2011 wieder auf dem Niveau von 2008. Entsprechend haben wir deutlich in die Flotte investiert. Wir haben schon kräftig zugekauft und bestellen jetzt wieder, in der Summe kommen 113 Lkw im Jahr 2010 dazu. Die Sortieranlagen sind wieder gut ausgelastet und arbeiten teilweise an sechs Tagen im Dreischichtbetrieb.
Sind Sie schon wieder am Limit?
Nein, optimieren kann man immer – etwa indem man die Durchlaufgeschwindigkeit erhöht, in die Scan- und Sortiertechnik investiert, um mehr Volumen in der gleichen Zeit abarbeiten zu können. Man ist also immer gefordert, kreativ zu sein.
Bei den Löhnen fehlt Ihnen diese Flexibilität. Schließlich haben Sie ein Plädoyer für den Mindestlohn abgegeben. Wie kommt es, dass ein Unternehmer hierfür eine Lanze bricht?
Unsere Dienstleistung wird vor allem durch Menschen erbracht. Um eine motivierte Truppe zu haben, muss man seine Leute vernünftig bezahlen. Wettbewerb ist gut. Aber Wettbewerb über den Lohn auf dem Rücken der Mitarbeiter nicht. Deshalb setzen wir uns für den Mindestlohn ein. Absetzen sollte man sich von seinen Mitbewerbern über die Dienstleistung, die Technik, die Konzepte oder die Flexibilität, aber nicht über den Lohn.

Heißt das im Umkehrschluss, dass Sie schon zuvor über dem Niveau des Mindestlohns waren?
Ja. Wir zahlen größtenteils Tariflohn. Der ist weit über dem Mindestlohn. Wir sind auch eher in den höherpreisigen Regionen der Republik tätig – in Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg. Der Mindestlohn soll ja jetzt sogar von 8,02 auf 8,24 Euro steigen. Es gibt einen entsprechenden Mindestlohntarifvertrag zwischen dem Bundesverband der Deutschen Entsorgungswirtschaft und Verdi, der allerdings erst noch durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales für allgemeingültig erklärt werden muss.
Apropos politischer Rahmen: Welche Zwischenbilanz ziehen Sie nach den ersten Monaten mit dem elektronischen Abfallnachweis?
Der Start verlief eher schwierig. Das Grundproblem war, dass die vom Bundesumweltministerium vorgegebene technische Schnittstelle nicht eindeutig genug definiert war. Also nahmen unsere Programmierer eine andere Interpretation vor als die Programmierer der Kunden. Das Ergebnis: Nicht alles funktionierte reibungslos, wenn man miteinander kommunizieren wollte. Die Entsorgungsnachweise liefen nicht durch das System, sondern blieben überall hängen. Man musste teilweise regelrecht nach ihnen fahnden.
Ist nun alles behoben?
Leider nicht. Das Ministerium arbeitet an einem neuen Papier zur Konkretisierung der Schnittstelle. Eigentlich sollte es bereits im Oktober vorgelegt werden. Nun scheint sich aber alles bis Dezember zu verzögern. Danach dürfen wir alle wieder neu programmieren. Wir begrüßen die Einführung des elektronischen Abfallnachweises aber trotz aller Startschwierigkeiten.

Wirklich?
Auf jeden Fall. Es ist der erste Schritt hin zu einer papierlosen Entsorgungswirtschaft. Endlich kann man rechtssicher den Dokumentenwust minimieren – ein wunderbares System, wenn nur alles klappen würde. Es gibt im Markt aber auch noch die Papierabfertigung. Transporteure und Abfallerzeuger sind ja erst ab Februar nächsten Jahres verpflichtet, die elektronische Nachweisführung durchzuführen. Bis dahin können sie weiterhin mit Quittungsblöcken arbeiten.
Welche Befürchtungen haben Sie mit Blick auf das neue Kreislaufwirtschaftsgesetz?
Zu befürchten wären Regelungen, die allein den kommunalen Entsorgungsunternehmen zu Gute kämen. Ein Beispiel: Am meisten beschäftigt uns die geplante Einführung der Wertstofftonne. Dadurch würde die gelbe Tonne beziehungsweise der gelbe Sack erweitert. Verbraucher sollen dort auch stoffgleiche Nichtverpackung entsorgen können – zum Beispiel das Bobby Car oder die Kaffeekanne. Über die Stoffströme, die in die Wertstofftonne befüllt werden sollen, laufen zurzeit Studien. Die privatwirtschaftliche Verantwortung für den gelben Sack hat sich als sehr kosteneffizient erwiesen. Wir hoffen jetzt, dass die Trägerschaft der künftigen Wertstofftonne nicht in kommunale Hand kommt, sondern in private Verantwortung.
Warum haben Sie hier Ihre Zweifel?
Seit der Bankenkrise erleben wir eine gewisse Tendenz hin zu Kommunalunternehmen. Das geht zu Lasten von privaten Entsorgern. Wenn sich zum Beispiel Kommunen über das Instrument der interkommunalen Zusammenarbeit Geschäfte ohne europaweite Ausschreibung gegenseitig zuschanzen, hätten wir keine Möglichkeit mehr, am Markt zu partizipieren. Das schränkt unserer Meinung nach den Wettbewerb deutlich ein.
Aber die gelbe Tonne gehört doch der Privatwirtschaft ...
Eben. Das Duale System mit dem Recycling von Verpackungsmaterialien hat sich bewährt. Nicht zuletzt deshalb sind wir im Recycling Europameister. Nun haben wir Sorge, dass die Wertstofftonne nach Restmüll-, Bio- und Papiertonne die vierte kommunale Tonne wird und damit dem freien Markt entzogen wäre. Das halten wir für einen falschen und für den Bürger zu teuren Ansatz. Wir streben eine Lösung an, bei der die berechtigten Interessen der Kommunen zur Geltung kommen, zum Beispiel bei der Sammlung. Da Sortierung, Recycling und Vermarktung der zurück gewonnenen Rohstoffe aber keine kommunalen Aufgaben sind und da die Wertstofftonne der Rohstoffsicherheit dienen soll, sollte die Gesamtverantwortung in privater Regie liegen.

Matthias Rathmann, trans aktuell Chefredakteur

Autor

Datum

10. März 2011
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