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E-Mobilität: Jeder einzelne Stecker zählt

Eine Million E-Fahrzeuge bis 2020 – davon ist die Bundesrepublik noch weit entfernt. Branchenverbände fordern deshalb weitere Anreize für den Erwerb von Fahrzeugen mit Elektromotor.

Es muss kein reines Elektrofahrzeug sein. Eine Hybrid-Variante, die zwei Antriebsarten kombiniert, ist für die Statistik ebenfalls willkommen. "Wir zählen alles, was einen Stecker hat", sagt Prof. Henning Kagermann, der Vorsitzende der Nationalen Plattform Elektromobilität (NPE). Hauptsache, es kommen bis zum Jahr 2020 eine Million Stecker beziehungsweise Fahrzeuge zusammen. Denn das ist weiterhin die Zielmarke der Bundesregierung. Um auch nur annähernd in diese Sphären vorzudringen, ist im Koalitionsvertrag großzügig von "Elektroautos in allen unterschiedlichen Varianten" die Rede.

Der Zählaufwand hält sich in Grenzen

Doch auch, wenn man die Definition eines Elektrofahrzeugs weit fasst: Der Zählaufwand hält sich in Grenzen. Zu Jahresbeginn waren laut Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) erst 12.156 E-Autos, 99 E-Busse, 2.931 E-Lkw (davon das Gros mit bis zu einer Tonne Nutzlast) und 269 E-Zugmaschinen in Deutschland unterwegs. Zählt man Hybrid-Fahrzeuge hinzu, sind es in den erwähnten Kategorien noch mal 85.575, 244 und 138 beziehungsweise 98 Einheiten. Ergibt unterm Strich gerade mal ein Zehntel der angestrebten Summe.
Es verwundert daher nicht, dass sich die Stimmen derjenigen mehren, die das Ziel der eine Million Stromer infrage stellen. "Die Million sehe ich nicht", erklärt Prof. Dr. Karlheinz Schmidt, geschäftsführendes Präsidialmitglied beim Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL), gegenüber trans aktuell.

E-Motor im Lastenrad

Lachen musste Schmidt nach eigener Darstellung, als er las, an welchen Einsatzzweck das Verkehrsministerium im neuen Aktionsplan Güterverkehr und Logistik denkt: an den E-Motor im Lastenrad. "Zuerst zahlen wir den Mindestlohn von 8,50 Euro und dann soll der Fahrer nur mit einer Palette beladen unterwegs zum Kunden sein – wie teuer soll die Innenstadtbelieferung denn noch werden?", fragt der BGL-Repräsentant. Ein größeres Potenzial sieht er im Wasserstoffmotor. Die Technologie sei aber noch nicht weit genug. Schmidt kann sich den Wasserstoffmotor zunächst im mittelschweren Lkw vorstellen. "Vielleicht öffnen sich im nächsten Schritt dann die Pforten für den schweren Lkw."


Verbände, die auch die Fahrzeugindustrie vertreten, stehen weiter hinter dem Ziel der Bundesregierung. Gleichwohl erklären der Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Matthias Wissmann, und der Geschäftsführer des Deutschen Verkehrsforums, Thomas Hailer, gegenüber trans aktuell, dass sie die eine Million E-Fahrzeuge bis 2020 für "anspruchsvoll" beziehungsweise "ehrgeizig" halten. "Aber ohne ehrgeizige Ziele kommt man nicht von der Stelle", sagt Hailer.

Deutsche Hersteller sind sehr gut unterwegs

Beide sind sich darin einig, dass die geringe Akzeptanz hierzulande nicht mit einer mangelnden Modellvielfalt zusammenhängt. "Die deutschen Hersteller sind beim Elektroauto sehr gut unterwegs", betont Wissmann. "Bis Ende 2014 bringen sie 16 Serienmodelle auf die Straße, im kommenden Jahr folgen weitere 13." Nach internationalem Ranking sei Deutschland als Leitanbieter vorn und habe die größte Vielzahl an Fahrzeugen mit alternativem Antrieb. Davon können sich auch die Besucher der IAA Nutzfahrzeuge ein Bild machen: In Hannover laden 22 Anbieter mit rund 80 Fahrzeugen zu Probefahrten ein. Etwa ein Viertel davon hat einen Elektroantrieb.
Ein gutes Angebot ist auch für das Deutsche Verkehrsforum wichtig – es macht den Verkauf von E-Fahr­zeugen aber noch nicht zum Selbst­läufer. Wichtig sind für Geschäftsführer Hailer zudem eine vernünftige Lade-­Infrastruktur und finanzielle Anreize. Im Koalitionsvertrag spricht sich Schwarz-Rot jedoch gegen Kaufprämien aus, stattdessen setzt man auf "nutzerorientierte Anreize". Wie diese Anreize aussehen, geht aus dem neuen Gesetzentwurf zur Förderung der E-Mobilität hervor, den Verkehrsminister Alexan­der Dobrindt (CSU) vorgelegt hat.

Vielzahl an soften Anreizen

Auch bei den soften Anreizen gibt es Verbänden zufolge eine Vielzahl an Möglichkeiten – sei es der Wegfall von Zufahrtsbeschränkungen in Innenstädten, kostenfreie Parkplätze oder die Nutzung der Busspur. Die zuletzt genannte Variante ist jedoch umstritten. Erst vor Kurzem hatte sich der Deutsche Städtetag ausdrücklich dagegen ausgesprochen. Die Busspuren müssten Bussen, Taxis und Krankentransporten vorbehalten bleiben, erklärte dieser.

Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen

Und was die Ablehnung von finanziellen Anreizen angeht, ist für viele das letzte Wort noch nicht gesprochen. Sowohl der VDA als auch das Deutsche Verkehrsforum und die im VDIK organisierten Kraftfahrzeug­importeure machen sich für eine höhere Abschreibung gerade im ersten Jahr für gewerbliche Nutzer stark. Das Verkehrsforum plädiert ferner für günstige KfW-Kredite. Denn neben der geringen Reichweite schreckt viele Fahrzeughalter vor allem der hohe Anschaffungspreis ab. VDIK-Präsident Volker Lange fordert Kaufanreize von mindestens 5.000 Euro. Denn auch in den ersten sieben Monaten 2014 sind nicht wirklich viele E-Fahrzeuge zusätzlich auf die Straße gekommen, laut VDIK gerade mal 6.360 Pkw mit Elektromotor und Plug-in-Hybride. Auch damit ist man der angestrebten Million noch nicht wesentlich näher.



ZÄHLEN GREIFT ZU KURZ


Wie ermittelt man die Zahl der in Deutschland zugelassenen Elektro-Fahrzeuge? Indem man die Stecker zählt. So jedenfalls hat es unlängst der Vorsitzende der Nationalen Plattform Elektromobilität, Prof. Henning ­Kagermann, ausgedrückt. Martin Birkner und Holger Sommer können sich angesichts dieser Aussage ein Schmunzeln nicht verkneifen. Die beiden Siemens-Verantwortlichen für die Elektrifizierung von Autobahnen und den Einsatz von Oberleitungs-Lkw leisten nämlich einen Beitrag zur Elektromobilität, ohne dass deren Fahrzeuge über Stecker verfügen. Derzeit drei Oberleitungs-Lkw sind auf der Siemens-Teststrecke in Groß Dölln unterwegs. "Wir denken, dass sich Hr. Prof. Kagermann auch darüber freut, wenn sich der eine oder andere E-Lkw mit Oberleitungstechnik in seine Statistik verirrt", sagen sie.

Matthias Rathmann, trans aktuell Chefredakteur

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Datum

9. September 2014
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