Komplette Lkw-Ladungen verschwinden, obwohl die Ware ordnungsgemäß verladen und abgeholt wurde. Hinter solchen Fällen stehen häufig sogenannte Phantomfrachtführer. Die Täter geben sich als seriöse Transportunternehmen aus, erschleichen sich Transportaufträge und entwenden die ihnen überlassene Ware. Versicherer und Branchenverbände berichten von einer deutlichen Zunahme solcher Fälle. Anja Ludwig, Leiterin Kompetenz-Center Logistik und Mobilität bei Kravag, sagt gegenüber trans aktuell: „Phantomfrachtführer gehören inzwischen zu den größten Betrugsrisiken im Straßengüterverkehr.“ Auch die Zahlen des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) zeigen die Dynamik.
Schäden erreichen neue Dimensionen
In den ersten sieben Monaten des Jahres 2025 registrierten die deutschen Transportversicherer bereits 88 Fälle von Phantomfrachtführern. Damit war die Zahl der Fälle bereits so hoch wie im gesamten Vorjahr. Die durchschnittliche Schadenhöhe stieg auf nahezu 200.000 Euro pro Fall. Nach Angaben des GDV verschwindet damit rechnerisch alle drei Tage in Deutschland eine komplette Lkw-Ladung. Demnach beliefen sich die Schäden allein in den ersten sieben Monaten des Jahres 2025 auf rund 17,5 Millionen Euro.

„Hier geht es nicht mehr um Einzelfälle. Hier geht es um organisierte Kriminalität.“ Benjamin Sokolovic, Hauptgeschäftsführer, Gesamtverband Verkehrsgewerbe Niedersachsen (GVN)
Gestohlene Identitäten und falsche Profile
Phantomfrachtführer sind keine echten Frachtführer. Sie übernehmen Transportaufträge in betrügerischer Absicht und haben nie vor, die Ware an ihren Bestimmungsort zu bringen. Stattdessen wollen sie die ihnen überlassene Ware entwenden. Die Täter übernehmen häufig die Identität tatsächlich existierender Frachtführer oder Speditionen. Sie kopieren Webseiten, verwenden täuschend ähnliche E-Mail-Adressen oder legen gefälschte Unternehmensprofile auf Frachtenbörsen an. Nach der Auftragsannahme wird die Ware ordnungsgemäß abgeholt und verschwindet anschließend aus der Lieferkette.
Manipulierte Kommunikation als Risiko
Laut Ludwig kommen zunehmend auch gehackte E-Mail-Konten und manipulierte Kommunikationswege zum Einsatz. Demnach verändern Täter teilweise Mailadressen nur minimal. Aus einem „i“ wird ein „l“. Beim flüchtigen Lesen fällt dies kaum auf. Speditionen vergeben dadurch unter Umständen Transportaufträge an Betrüger, obwohl sie glauben, mit einem vertrauten Geschäftspartner zu kommunizieren. Die Täter gehen zunehmend professionell vor und nutzen digitale Kommunikationswege gezielt, um Vertrauen aufzubauen, Identitäten vorzutäuschen oder bestehende Unternehmensdaten zu missbrauchen.
Zeitdruck fördert Sicherheitslücken
Nach Einschätzung von Gunnar Gburek, Head of Business Affairs bei Timocom, geht es deshalb nicht mehr nur um die Bekämpfung einzelner Betrugsfälle, sondern vor allem darum, Vergabe- und Prüfprozesse so zu gestalten, dass Risiken frühzeitig erkannt werden. Die größten Risiken entstehen nach Angaben von Gburek häufig unter Zeitdruck. Wenn Transportkapazitäten kurzfristig benötigt werden, verkürzen Unternehmen teilweise ihre Prüfprozesse oder verzichten auf wichtige Plausibilitätskontrollen. Zu den typischen Schwachstellen gehören die unzureichende Prüfung neuer Geschäftspartner, die ausschließliche Orientierung an Preis oder kurzfristiger Verfügbarkeit, fehlende Datenabgleiche sowie ungeprüfte Änderungen von Ansprechpartnern und Kommunikationswegen.

„Phantomfrachtführer gehören inzwischen zu den größten Betrugsrisiken im Straßengüterverkehr.“ Anja Ludwig, Leiterin Kompetenz-Center Logistik und Mobilität bei Kravag
Hochwertige Güter im Visier
Nach Erkenntnissen des GDV stehen viele Mitarbeitende in Transport- und Logistikunternehmen unter erheblichem Zeitdruck. Daher werden Veränderungen bei Kontaktdaten, Bankverbindungen oder E-Mail-Domains nicht immer erkannt oder hinterfragt. Und auch Versicherungsbestätigungen und Unternehmensnachweise werden teilweise nicht direkt bei der ausstellenden Stelle überprüft. Die unmittelbaren Schäden entstehen zunächst durch den Verlust der transportierten Ware. Hinzu kommen häufig weitere Kosten und organisatorischer Aufwand. Besonders häufig betroffen sind hochwertige und gut vermarktbare Güter wie Elektronik, Lebensmittel oder Fahrzeugteile.
Organisierte Kriminalität im Fokus
Aus Sicht von Kravag und GVN haben die Täter ihr Beutespektrum deutlich ausgeweitet und nehmen inzwischen nahezu jede Warengattung ins Visier. Nicht jeder Vorfall wird erkannt oder angezeigt. Zudem scheitern Betrugsversuche häufig bereits vor der Warenübernahme und tauchen deshalb in keiner Schadenstatistik auf. Niels Beuck, stellvertretender Hauptgeschäftsführer und Leiter Sicherheitspolitik des DSLV Bundesverbands Spedition und Logistik, betont gegenüber trans aktuell, dass die bekannten Zahlen deshalb nur einen Teil des tatsächlichen Ausmaßes abbilden dürften. Eine Sprecherin des Polizeipräsidiums Brandenburg erklärt gegenüber trans aktuell, dass eine eindeutige statistische Erfassung nicht möglich sei.
Mehr Prävention und Schulungen gefordert
Je nach Vorgehensweise der Täter würden die Delikte als Betrug oder Unterschlagung registriert. Das Polizeipräsidium Brandenburg erklärt, dass anlassbezogen mit anderen Polizeien und Behörden zusammengearbeitet wird, wenn Hinweise auf grenzüberschreitende Tatbegehungen vorliegen. Benjamin Sokolovic, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbands Verkehrsgewerbe Niedersachsen (GVN), betonte kürzlich beim Parlamentarischen Abend in Hannover, es handle sich bei Phantomfrachtführern längst nicht mehr nur um Einzelfälle. Vielmehr habe sich der Betrug zu einem Betätigungsfeld organisierter Kriminalität entwickelt. Deshalb fordert er mehr Aufmerksamkeit für das Thema sowie mehr Kontrollen und eine konsequente Strafverfolgung, wozu die Einrichtung von Schwerpunktstaatsanwaltschaften für Ladungsdiebstahl im Logistikbereich zählt.
Prüfprozesse konsequent absichern
Beuck betont, dass betriebliche Schutzmaßnahmen dort an ihre Grenzen stoßen, wo organisierte und grenzüberschreitend agierende Täterstrukturen aktiv werden. Ludwig und Gburek heben zugleich die Bedeutung konsequenter Prüfprozesse hervor. Unternehmen sollten Frachtführer und deren Dokumente sorgfältig prüfen. Ebenso wichtig ist es, Kommunikationswege und Ansprechpartner zu verifizieren sowie ungewöhnliche Veränderungen bei Kontaktdaten frühzeitig zu erkennen. Das Polizeipräsidium Brandenburg sieht die Sensibilisierung der Mitarbeitenden als zentrale Schutzmaßnahme. Interne Schulungen können demnach helfen, typische Vorgehensweisen der Täter frühzeitig zu erkennen und Betrugsversuche zu verhindern. Auch der GDV empfiehlt, Mitarbeitende regelmäßig zu schulen und ihnen Checklisten sowie Merkblätter zur Verfügung zu stellen. Nach Einschätzung des GVN muss die notwendige Aufmerksamkeit entlang der gesamten Leistungskette vom Disponenten bis zur Rampe verankert werden, damit Betrugsversuche möglichst früh erkannt und abgewehrt werden können.
So schützen sich Speditionen vor Phantomfrachtführern
Kurze Prüfungen reichen oft nicht aus. Verbände und Versicherer empfehlen deshalb verbindliche Prozesse und klare Zuständigkeiten.
- EU-Lizenzen, Versicherungsbestätigungen und Handelsregisterauszüge kontrollieren.
- Kommunikationswege und Ansprechpartner verifizieren.
- Besonders günstige Angebote unbekannter Anbieter kritisch hinterfragen.
- Hochwertige Transporte möglichst nur mit bekannten Geschäftspartnern abwickeln.
- Unterbeauftragungen über Frachtenbörsen möglichst ausschließen.
- Prüf- und Freigabeprozesse verbindlich dokumentieren.
- Mitarbeitende regelmäßig schulen und für typische Warnsignale sensibilisieren.
- Verdachtsfälle unverzüglich Polizei und Versicherer informieren und Ermittlungen aktiv unterstützen.
- Konsequente Prävention kann das Risiko zwar nicht vollständig ausschließen, erschwert den Tätern jedoch ihr Vorgehen erheblich.





