Als Volkswagen und Ford 2019 ihre weitreichende Kooperation ankündigten, standen vor allem Skaleneffekte im Vordergrund. Entwicklungskosten sollten geteilt, Stückzahlen gebündelt und neue Nutzfahrzeuge gemeinsam wirtschaftlicher auf den Markt gebracht werden.
Einige Jahre später zeigt sich allerdings, dass die Arbeitsteilung für Volkswagen Nutzfahrzeuge auch Schattenseiten hat. Besonders deutlich werden sie im Stammwerk Hannover. Dort fehlt ausgerechnet jenes Modell, das über Jahrzehnte für hohe Stückzahlen sorgte: der klassische VW Transporter.
VW Transporter T7 kommt von Ford aus der Türkei
Die aktuelle Generation des Transporters wird nicht mehr in Hannover gebaut. Ford produziert den T7 gemeinsam mit dem technisch eng verwandten Transit Custom in der Türkei. Plattform und wesentliche Teile der Antriebstechnik stammen ebenfalls von Ford.
Damit hat Volkswagen zwar Entwicklungs- und Produktionskosten auf mehrere Schultern verteilt. Für Hannover ging jedoch ein wichtiges Großserienmodell verloren.
Die Dimension zeigt ein Blick auf die Produktionszahlen: 2017 entstanden in Hannover noch mehr als 200.000 Nutzfahrzeuge. 2025 waren es rund 113.500 Fahrzeuge.
Diese Entwicklung lässt sich nicht allein auf die Ford-Kooperation zurückführen. Der europäische Nutzfahrzeugmarkt verändert sich, Volkswagen befindet sich mitten in der Elektrifizierung und auch die Modellstruktur des Standorts wurde grundlegend umgebaut. Trotzdem fehlt Hannover heute das Volumen des früher dort produzierten Transporters.
ID.Buzz kann Transporter-Lücke bislang nicht schließen
Eine wichtige Rolle in der Neuaufstellung sollte der elektrische ID. Buzz übernehmen. 2025 wurden davon mehr als 60.000 Exemplare in Hannover gefertigt, wodurch definitiv ein Wachstum an Volumen festzustellen ist. Allerdings bleibt das Modell unter früheren Erwartungen. Bereits 2022 soll Volkswagen intern mit Produktionsgrößen von mehr als 100.000 Fahrzeugen gerechnet haben. Neben dem ID. Buzz entstehen in Hannover heute der Multivan und der California, die ebenfalls ein Wachstum verzeichnen können.
Das Problem: Die Fabrik ist auf erheblich höhere Stückzahlen ausgelegt. Werden die vorhandenen Kapazitäten nicht ausreichend genutzt, verteilen sich die Fixkosten auf weniger Fahrzeuge.
Nach Recherchen des „Handelsblatts“ zählt Hannover mittlerweile zu den teuren Produktionsstandorten im Volkswagen-Konzern. Zeitweise sollen die Fabrikkosten pro Fahrzeug einen fünfstelligen Euro-Betrag erreicht haben. Als konzerninterner Vergleichswert werden rund 3.000 Euro genannt.
Ford hat Volkswagen bei Transportern überholt
Zusätzliche Brisanz erhält die Situation durch die Entwicklung beim Kooperationspartner. Ford ist im europäischen Transportermarkt inzwischen deutlich stärker unterwegs.
Nach Zahlen von Dataforce setzte Ford 2025 in Europa gut 200.000 Transporter ab. Volkswagen kam demnach auf rund 120.000 Fahrzeuge. Noch 2023 lag VW in diesem Segment vor Ford.
Der Vergleich ist bemerkenswert, weil sich Transporter und Transit Custom inzwischen eine technische Basis teilen. Während Ford das gemeinsam genutzte Konzept im eigenen Werk produziert und hohe Stückzahlen erreicht, fehlt das entsprechende Volumen im VW-Werk Hannover.
Damit zeigt sich ein grundsätzliches Risiko von Plattformkooperationen: Sie können Entwicklungs- und Produktionskosten senken, gleichzeitig aber die industrielle Auslastung einzelner Standorte verändern.
Neuer Elektro-Bulli könnte für Hannover entscheidend werden
Entsprechend große Bedeutung bekommt die nächste Bus-Generation. Volkswagen soll möglichst schnell einen neuen Bulli auf Grundlage einer für die Zeit ab 2028 vorgesehenen Elektroarchitektur entwickeln wollen. Hannover hofft auf die Produktion des Modells.
Diskutiert werden offenbar auch Varianten mit Range Extender. Ein zusätzlicher Verbrennungsmotor würde dabei nicht direkt die Räder antreiben, sondern bei Bedarf Strom erzeugen und damit die Reichweite des Elektroantriebs erhöhen.
Eine solche Lösung könnte für gewerbliche Nutzer interessant sein, denen die Reichweite beziehungsweise die Einsatzflexibilität eines rein batterieelektrischen Transporters bislang nicht genügt.
Für Hannover wäre ein neues Volumenmodell vor allem aus einem anderen Grund wichtig: Es könnte die vorhandenen Produktionskapazitäten besser auslasten.
Droht Nutzfahrzeugproduktion nach Polen abzuwandern?
Viel Zeit bleibt dem Standort dafür womöglich nicht. Die Kooperation zwischen Volkswagen und Ford ist langfristig angelegt und soll bis in die 2030er-Jahre reichen.
Gleichzeitig stehen innerhalb des Konzerns offenbar auch Produktionsstandorte in Ländern mit niedrigeren Fertigungskosten zur Diskussion. Dabei spielt unter anderem Polen eine Rolle, wie auto, motor und sport berichtet.
Damit geht es für die rund 12.000 Beschäftigten in Hannover inzwischen um weit mehr als die Frage, wo die nächste Bulli-Generation gebaut wird. Die langfristige Auslastung entscheidet mit darüber, welche Rolle das traditionsreiche Werk künftig im Produktionsnetzwerk von Volkswagen Nutzfahrzeuge spielen kann.
Am 31. August steht in Hannover eine große Betriebsversammlung an. Die Zukunft des Standorts dürfte dabei eine zentrale Rolle spielen.
So funktioniert der Nutzfahrzeug-Deal zwischen Ford und VW
Die von den damaligen Konzernchefs Herbert Diess und Jim Hackett angestoßene Zusammenarbeit geht deutlich über den Transporter hinaus.
Ford übernahm die Federführung bei den mittelgroßen Pick-ups. Deshalb basiert die aktuelle Generation des VW Amarok technisch auf dem Ford Ranger.
In die andere Richtung verlief die Zusammenarbeit bei den kompakten Lieferwagen: Volkswagen entwickelte die technische Grundlage für den Ford Transit Connect, der eng mit dem VW Caddy verwandt ist.
Ford erhielt außerdem Zugriff auf Volkswagens Modularen E-Antriebs-Baukasten MEB. Darauf basieren die in Köln produzierten Elektromodelle Ford Explorer und Capri.
Auch beim autonomen Fahren arbeiteten beide Konzerne zusammen. Volkswagen und Ford investierten Milliarden in Argo AI. Das Unternehmen sollte Technologien für autonome Fahrzeuge entwickeln, wurde jedoch 2022 nach hohen Investitionen und veränderten strategischen Prioritäten aufgegeben.
Modellentscheidung für Hannover wichtig
Aus Sicht des gesamten Volkswagen-Konzerns hatte die Kooperation eine klare wirtschaftliche Logik: Entwicklungskosten werden geteilt und Plattformen über größere Stückzahlen genutzt. Für Hannover fällt die Bilanz komplizierter aus.
Mit dem Transporter verlor das Werk eines seiner wichtigsten Volumenmodelle. Der ID. Buzz hat diese Produktionsmenge bislang nicht ersetzt. Gleichzeitig erzielt Ford mit seinen Transportern hohe Verkaufszahlen.
Deshalb wird die nächste Modellentscheidung für Hannover besonders wichtig. Gelingt es Volkswagen, wieder ein stark nachgefragtes Nutzfahrzeug in das Stammwerk zu holen, könnte die Auslastung steigen. Bleiben die Stückzahlen niedrig, dürfte der Kostendruck auf den Standort dagegen weiter zunehmen.






