Assistenzsysteme und Spiegel: Sichtverdeckungen jeglicher Art im Lkw vermeiden

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Assistenzsysteme und Spiegel
Sichtverdeckungen jeglicher Art im Lkw vermeiden

Auch wenn Assistenzsysteme und Spiegel die Fahrerinnen und Fahrer von schweren Nutzfahrzeugen rund um die direkte und indirekte Sicht immer mehr unterstützen, gibt es nach wie vor Bereiche, die nur schlecht oder gar nicht einsehbar sind. Mitunter sind die Sichtverdeckungen aber auch selbst verschuldet. Größte Aufmerksamkeit ist und bleibt daher das oberste Gebot – und das nicht nur bei Abbiegevorgängen.

DEKRA Spiegeleinstellungen
Foto: DEKRA

Die Erfahrung zeigt es immer wieder aufs Neue: Unfälle zwischen abbiegenden Lkw und Radfahrenden oder zu Fuß Gehenden sind zwar selten, gehen aber meist mit besonders schweren Folgen für die ungeschützten Verkehrsteilnehmenden einher. Oft sind sie sich aber auch gar nicht bewusst, dass Lkw-Fahrende sie womöglich gar nicht sehen oder nur schwer erkennen können, weil sie sich im „toten Winkel“ des Fahrzeugs befinden. Die Sichtprobleme umfassen allerdings nicht nur ungeschützte Verkehrsteilnehmende. Manche Pkw im Nahbereich kann die Person am Steuer des Lkws ebenfalls nicht sehen, weil diese verdeckt sind. Sie befinden sich außerhalb ihrer direkten Sicht unterhalb der Scheibenunterkante oder auch hinter einem Sichthindernis wie beispielsweise der A-Säule des Fahrerhauses. Problematisch in Bezug auf Sichthindernisse respektive den „toten Winkel“ sind außerdem Navis, Dashcams an der Front, Müll, Stofftiere oder Vorhänge. „All dies gilt es im Sinne der Verkehrssicherheit unbedingt zu vermeiden“, sagt Stefanie Ritter von der DEKRA Unfallforschung.

Effiziente Orientierungshilfe

Das Problem: Während ein Schulterblick durchs Fahrerfenster beim Lkw weit blicken lässt, reicht der Blick über die andere Schulter nur bis zur Kabinenrückwand in den Laderaum. Von einer theoretischen Rundumsicht von 360 Grad nimmt allein der Laderaum grob ein Drittel weg. Die Fahrerin oder der Fahrer müssen sich somit klassischerweise über Außenspiegel oder Kamera-Monitor-Systeme informieren, um aus den nicht einsehbaren Bereichen Informationen zu bekommen. „Nachhaltig erhöhen lässt sich die Verkehrssicherheit damit aber nur dann, wenn Lkw-Fahrende in der Lage sind, die technischen Hilfsmittel auch entsprechend einzustellen und zu nutzen“, gibt Stefanie Ritter zu bedenken. „Denn Spiegel, die mehr vom Aufbau des Lkw als von der Umgebung anzeigen, können im Vergleich zu optimal eingestellten Spiegeln nur eingeschränkt Informationen vermitteln“, so die Unfallforscherin weiter. In Zusammenarbeit mit Mercedes-Benz Trucks und MAN hat DEKRA deshalb ebenfalls schon vor Jahren eine Orientierungshilfe entwickelt, die es den Fahrern ganz einfach ermöglicht, die Spiegel richtig einzustellen. Mittlerweile gibt es in Deutschland schätzungsweise weit über 200 dieser Spiegeleinstellplätze.

Grafik, Einstellung von Spiegeln
DEKRA

Vermeidbarkeitsanalyse ermöglicht Aussagen über Wirksamkeit des Assistenzsystems

Einen wichtigen Beitrag zur Unfallvermeidung beim Abbiegen kann außerdem ein Abbiegeassistent mit Personenerkennung leisten. Die Ausstattung von Lkw und Bussen mit einem solchen System ist verpflichtend: Die General Safety Regulation der EU schreibt den Abbiegeassistenten seit Juli 2022 für neue Fahrzeugtypen und seit Juli 2024 für neue Fahrzeuge gesetzlich vor. Welches Unfallvermeidungspotenzial in diesem Assistenzsystem steckt, haben DEKRA und Daimler Truck vor zwei Jahren in einem gemeinsamen Projekt untersucht. Zu diesem Zweck wurden aus dem Bestand der DEKRA Unfallforschung zehn anonymisierte Realunfälle mit Radfahrenden ausgewählt und mit der Software PC-Crash ein Modell entworfen, das Lkw-Abbiegeunfälle auf der Basis realer Unfalldaten simulieren kann. „Neben einer Parametervariation des Unfallablaufs wie etwa Zeitpunkt der Objekterkennung, Lenkwinkel oder Bremsverzögerung ermöglicht das Programm auch die Integration der Funktionalität von aktiven Seitenschutzsystemen“, erläutert Unfallforscherin Stefanie Ritter.

Ausgehend von den Simulationen, haben die beiden Projektpartner den Abbiegeassistenten digital in das Fahrzeug eingebaut und durch Überlagerung der realen Daten des Unfallablaufs mit der Interaktion des Assistenzsystems eine Vermeidbarkeitsanalyse durchgeführt, um so Aussagen über das Wirkungspotenzial des Systems treffen zu können. Dabei zeigte sich, dass in allen untersuchten Realunfällen ein Abbiegeassistent den Unfall vermieden oder auf jeden Fall die Unfallfolgen für die Radfahrerin oder den Radfahrer reduziert hätte.

Hohes Unfallrisiko durch „toten Winkel“ auch auf der linken Seite

Neben schlecht einsehbaren Bereichen auf der rechten Seite eines Lkws birgt auch der „tote Winkel“ auf der linken Seite ein nicht zu unterschätzendes Unfallrisiko. Das zeigt folgender Fall: Ein Lkw-Fahrer fuhr bei Tageslicht von der Autobahn ab und wollte nach rechts auf eine Landstraße einbiegen. Auf dieser vorfahrtsberechtigten Straße näherte sich von links am rechten Fahrbahnrand ein Pedelec-Fahrer. Der Lkw-Fahrer reduzierte seine Geschwindigkeit und fuhr in die Landstraße ein. Dabei kam es zur Kollision zwischen dem Pedelec-Fahrer und der linken vorderen Ecke des Lkw. Im weiteren Verlauf wurde der Pedelec-Fahrer vom linken Vorderrad der Sattelzugmaschine überrollt und starb noch an der Unfallstelle. Der Lkw war zwar mit einem Abbiegeassistenten ausgerüstet – dieser wurde auch durch das Setzen des Blinkers aktiviert. Allerdings erfasst das System nur die rechte Fahrzeugseite. Da sich der Pedelec-Fahrer von links annäherte, wurde der Lkw-Fahrer nicht gewarnt. Für den Lkw-Fahrer war es schwierig, den Pedelec-Fahrer in der Annäherungsphase an die Kreuzung zu erkennen, da dieser die meiste Zeit durch die linke A-Säule und die Spiegel verdeckt wurde. „Der Unfall hätte vermieden werden können, wenn der Lkw-Fahrer sein Fahrzeug komplett abgebremst, den verdeckten Pedelec-Fahrer gesehen und ihm die Vorfahrt gewährt hätte“, erklärt Stefanie Ritter. Radfahrende sollten sich nach Ansicht der DEKRA Unfallforscherin der oftmals schlechten Sicht aus Lkw und der gleichzeitig hohen fahrerischen Komplexität bei Abbiegemanövern noch mehr bewusst sein.

„Assistenzsysteme im Lkw erhöhen die Sicherheit deutlich, stoßen jedoch auch an Grenzen. Entscheidend ist, dass alle Verkehrsteilnehmenden die eingeschränkte Sicht von Lkw verstehen – nur so lassen sich Unfälle wirksam vermeiden.“
Stefanie Ritter, Unfallforscherin bei der DEKRA Automobil GmbH

Grundsätzliche Aufklärungsarbeit

Neben der richtigen Spiegeleinstellung sowie der technischen Ausrüstung mit Kamera-Monitorsystemen oder Abbiegeassistenzsystemen ist auch Aufklärungsarbeit über die Gefahren des toten Winkels, wie sie von DEKRA schon seit Jahrzehnten betrieben wird, ein wichtiger Aspekt.

Darüber hinaus wendet sich die Expertenorganisation mit einem großflächigen farbigen Aufkleber direkt an Radfahrende. „Fahr niemals rechts vorbei!“: Auch wenn das Rechtsvorbeifahren grundsätzlich erlaubt ist, sollen Radfahrende mit diesem Aufkleber vor den damit verbundenen Gefahren gewarnt werden. Diese Aufforderung ist in schwarzer Schrift darauf zu lesen. Darüber ist das Ganze zusätzlich farbig illustriert, die Person auf dem Fahrrad rechts neben dem Lkw ist mit einem roten Kreuz durchgestrichen. Die Aufkleber sind bei allen DEKRA Niederlassungen erhältlich. Außerdem können sie kostenlos online unter folgendem Link bestellt werden:

Mit speziellen Aufklebern warnt DEKRA Fahrradfahrer eindringlich davor, rechts neben wartenden Lkw zu stehen oder an diesen rechts vorbeizurollen.
DEKRA