Deutschland, die Stimmung des IAA Media Summit auf den Punkt: „Die Elektrifizierung ist bereit — die Welt noch nicht." Der Satz trifft in vielerlei Hinsicht den Kern dessen, was zwei Tage lang in Frankfurt diskutiert wurde.
Rund drei Monate vor der IAA TRANSPORTATION (15. bis 20. September, Hannover) lud der VDA internationale Fachjournalistinnen und -journalisten zum traditionellen Preview-Event. Die Botschaft der Branche war eindeutig: Die Transformation ist technologisch machbar, die Produkte sind da. Doch fehlende Infrastruktur, mangelnde politische Entschlossenheit und ein unkoordiniertes Regulierungsumfeld bremsen den Hochlauf klimafreundlicher Nutzfahrzeuge aus.
Industrie liefert — Politik nicht
VDA-Präsidentin Hildegard Müller formulierte es deutlich: Innovationen erstickten „in einer Flut aus Überregulierung und unzureichenden Rahmenbedingungen." Gleichzeitig lobte sie die Leistung der Branche: „Es ist beeindruckend, wie unsere Industrie in dieser angespannten Phase liefert." Die Nutzfahrzeugbranche halte Deutschland und Europa jeden Tag am Laufen und werde das auch auf der IAA TRANSPORTATION unter dem Motto „We deliver" wieder unter Beweis stellen.
Konkret wurde Müller beim Thema Infrastruktur: Kleine und mittelständische Logistikunternehmen warteten im Schnitt fünf bis sechs Jahre auf einen Netzanschluss, der das Depot-Laden von Lkw ermöglicht und Deutschland sei dabei noch besser aufgestellt als viele andere europäische Länder. Ihre Schlussfolgerung: „Die Verantwortung für das Erreichen der Ziele liegt bei der Politik."
CO₂-Regulierung: Entkoppelt von der Realität
Karin Rådström, CEO von Daimler Truck, benannte das strukturelle Problem präzise: Die CO₂-Regulierung sei vollständig von den Rahmenbedingungen abgekoppelt. Infrastruktur und Gesamtbetriebskosten liefen nicht synchron mit den gesetzlichen Vorgaben. 2025 seien mehr neue Regulierungen erlassen worden als in den zehn Jahren zuvor zusammen. „Die Rhetorik geht in die richtige Richtung, doch die Taten folgen nicht."
Besonders alarmierend: Derzeit liegt der Anteil neuer E-Lkw und Wasserstoff-Lkw bei gerade einmal zwei Prozent der Neuzulassungen. Um das politisch vorgegebene Ziel für 2030 zu erreichen, müsste der Anteil bis dahin auf rund 35 Prozent steigen, eine Hochlaufgeschwindigkeit, die selbst den viel zitierten China-Speed in den Schatten stellen müsste.
Alexander Vlaskamp, CEO von MAN Truck & Bus, ergänzte: Die EU treibe die Industrie zum 2030-Ziel, verzögere aber gleichzeitig das Emissionshandelssystem ETS 2 zum zweiten Mal, diesmal auf 2028. „Jeder Kommissar verantwortet nur eine dieser Regelungen. Niemand dirigiert das große Orchester." Sein Appell: den Draghi-Bericht endlich pragmatisch umzusetzen.
Pragmatische Lösungen gefordert
Löbbecke plädierte für klare Sachlichkeit statt Ideologie: E-Lkw seien keine Marketingmaßnahme, sondern Geschäftsentscheidungen. Rund 60 Prozent der Anwendungen, beispielsweise urbane Verteilertouren, regionale Flotten mit Nachtladung oder Shuttle-Dienste, seien heute schon sinnvoll elektrifizierbar. Für den Rest brauche es pragmatische Lösungen, keine symbolischen.
Andreas Schmitz, CEO von Schmitz Cargobull, beleuchtete die Transformation aus der Perspektive des Auflieger- und Systemspezialisten: Mit modularen Kühlaggregaten, einem elektrischen Power-Takeoff-System und dem KI-gestützten Servicetool „Doctor Cool", einem mehrsprachigen, rund um die Uhr verfügbaren Diagnosesystem für Kühlaggregate, zeigt das Unternehmen, wie digitale Intelligenz entlang der Kühlkette Mehrwert schafft. Dabei lässt er aber nicht den notwendigen Seitenhieb auf die europäische Regulierungskultur aus. Doctor Cool greift auf Daten wie Handbücher und Reparaturanweisungen zu. Datenzugriff schreit aber auch nach Datenschutz. Darum ist der KI-Helfer vorerst nur dem amerikanischen Markt vorbehalten.
Zulieferer-Perspektive lieferte Roger Busch, CEO von Mahle: „Automobilzulieferer in Europa zu sein ist gerade kein Spaziergang." Die Investitionen in neue Technologien seien getätigt, doch der Markt nehme sie langsamer auf als erwartet. Als Wachstumsmarkt mit Potenzial identifizierte Busch Indien, dessen Nutzfahrzeugmarkt zuletzt nur noch 20 Prozent unter dem US-Markt lag.
Weitere Impulse lieferten unter anderem Erhan Eren (KIA Europe) und Dr. Andree Hohm (AUMOVIO SE) mit Ausblicken auf neue Fahrzeugkonzepte und Mobilitätslösungen.
Hannover wartet
Auf die kommende IAA TRANSPORTATION blickt der Veranstalter aber auf jeden Fall zuversichtlich: Fast alle Hallen seien bereits ausgebucht, über 70 Prozent der Aussteller international, 26 Prozent erstmals dabei. Die angebotenen Testfahrten sollen so viele Fahrzeuge umfassen wie noch nie. Die Branche ist bereit. Jetzt liegt der Ball – wieder einmal und immer noch – bei der Politik.





