Das hatte tatsächlich ein bisschen "Konvoi"-Atmosphäre: Aus dem MAN-Werk heraus rollte eine MAN-Karawane von 17 Fahrzeugen über die von der Polizei gesperrte Kreuzung in Richtung IAA Hannover. Anstelle von Rubber-Duck und seinen Kumpanen saßen hier nur Löwen-Bändiger am Volant – vom leichten TGE-Transporter bis hin zum D30 Diesel-Topmodell. Dazwischen fährt man bei MAN nur noch elektrisch – vom eTGL und eTGM über den eTGS bis hin zum König der Elektrolöwen, dem eTGX.
Genau diesen suchen wir als ersten Fahrkandidaten aus und klettern hoch hinauf ins Cockpit des dreiachsigen Motorwagens mit Zentralachshänger. Das bekannte Großraumfahrerhaus wirkt immer noch gediegen, die Besonderheiten wie der Dreh-Drückregler anstelle von Touchscreens können gefallen, die Einrichtung ist sachlich-modern – keine Spur von Altbau-Charme.
Neuer Tempomat mit Effizienzplus
Topmodern arbeitet der batterieelektrische Antrieb, der uns ruckfrei und mit kaum hörbarem Säuseln flink auf Tempo bringt. Die wenigen Schaltungen spürt man am Fahrerplatz nicht. Mit maximalem Drehmoment über den gesamten Drehzahlbereich und 400 kW Maximalleistung schweben wir dank Vollluftfederung über die A9 Richtung Nürnberg. Der neue satellitengestützte Tempomat arbeitet dabei mit diskreter Intelligenz fleißig mit: Schwung mitnehmen in die Steigung, vor der Kuppe die Antriebskraft zurücknehmen und talwärts mit dem Elektromotor als Retarder wertvolle Kilowattstunden zurück in die sechs Batteriepacks speisen.
Als IAA-Neuheit bietet MAN die intelligente Tempomatregelung mit Landstraßen- und citytauglicher Funktion an, die den Zug auch automatisiert über Kreisverkehre und Ampelkreuzungen dirigiert. Mit dem weiter verfeinerten Tempomat-Paket sollen Kraftstoffeinsparungen bis fünf Prozent möglich werden, in schweren Einsatzgebieten liegt das Einsparpotenzial gar bei bis zu neun Prozent.
So rollt der E-Gliederzug tiefenentspannt und mit flüsterleisem Fahrgeräusch über die Piste. Der Fahrer muss selbst nurmehr lenken. Aber auch hier wird ihm vom Spurhalteassistenten effektiv geholfen. Kollege Bordcomputer übernimmt die Steuerarbeit, sobald der Truck die Fahrspur zu verlassen droht, und hält den 40-Tonner sauber auf Kurs. Allerdings geht der Lenkservice nur eine begrenzte Zeit.
Nach einer Minute mahnt der MAN zunächst mit leichtem Lenkradrütteln zu Mitarbeit, später mit akustischem Signal bis hin zur kontrollierten Gefahrenbremsung und Nothalt am Standstreifen. Die elektrisch unterstützte Lenkung gefällt überdies durch präzise Arbeit, nur die Lenkkraft kann man hier – noch – nicht individuell einstellen.
An der A9 auf Höhe Langenbruck wollen wir das Mega-Charging live erleben. Der eTGX zieht mit 700 kW zwar noch nicht das volle Potenzial aus der E-Zapfsäule, verkürzt aber den "Tankstopp" deutlich. Zwischen 400 bis 450 Kilometer reicht die Batterieladung je nach Topographie und Beladung mit sechs Batteriepaketen an Bord.
In der neuen E-Zugmaschine soll es wahlweise auch eine Version mit einem siebten Batteriepack für Langstreckentouren geben. Die Nürnberger Batteriebauer greifen dabei auf ein normalerweise im Bus verbautes, besonders flaches Modul zurück, das quer über dem Rahmen Unterschlupf findet. Das würde das Gewicht allerdings so weit steigern, dass man auch bei MAN auf eine zusätzliche gelenkte Nachlaufachse an der Zugmaschine angewiesen ist. Im Hinblick auf Gleichteile bei der Bereifung sollen dabei aber "normale" 22.5er-Reifen anstelle der skurril wirkenden 17.5er-Rädchen der Wettbewerber zum Einsatz kommen.
Mit bekannter Optik und einem löwenstarken 560-PS-Herz tritt unser nächster Fahrkandidat an: der MAN TGX D30. Der direkte Wechsel vom eTGX in die Diesel-Variante des großen Münchners macht die Unterschiede überdeutlich. Der quicklebendige Sechszylinder versprüht Fahrfreude mit dem entsprechend sonoren Sound pur – ohne freilich deutlich flotter unterwegs zu sein. Für eingefleischte Diesel-Fans ist der agile 13-Liter-Antrieb allererste Wahl. Tatsächlich vermittelt der D30 ein Höchstmaß an Fahrspaß, sofern man das bei einem so wirtschaftlichen Antrieb überhaupt zugeben darf.
Der D30-Motor baut in Nürnberg auf einem Konzern-Rumpfmotor, also dem Scania-Block, auf und wird dort mit fränkischer Motorenbaukunst weiter verfeinert. Das Resultat ist ein sparsamerer und fahrdynamischerer Antrieb als das der schwedischen Organspender. Mit einem Hoch auf den "letzten in Nürnberg aufgelegten Diesel" verabschieden wir uns von dem goldbraunen Goldstück. "Schau mer mal" wie lange dort tatsächlich noch der Selbstzünder weiterlebt.
Große Überraschung im eTGM
Kandidat Drei auf der Fahrzeugliste ist der neueste E-Jünger aus München, der eTGM. Ein Stimmungskiller nach den fahraktiven Kandidaten zuvor? Schon auf den ersten Metern überzeugt der eTGM seine Besatzung vom Gegenteil. Der wendige 16-Tonner geht mit seinem 285 PS starken Motor stramm zur Sache und kann mit den großen Brüdern problemlos mithalten.
In Sachen Reichweite kann er sie sogar überholen, denn die vier zwischen den Achsen am Rahmen verbauten Batterien sollen für rund 485 Kilometer gut sein. Und dabei ist der Kleine ganz schön kräftig! Mit einem leichten Zweiganggetriebe versehen bietet der eTGM genügend Drehmoment, um als Lastzug mit 33 Tonnen auf Tour gehen zu können. Mit seinem wendigen Fahrwerk und dem spritzigen Antrieb möchte man den kleinen MAN am liebsten gleich mit nach Hause nehmen.
Doch das muntere Löwen-Rudel macht erst Zwischenstation im Nürnberger Batterie- und Motorenwerk, um später in den Norden zur IAA Transportation nach Hannover zu eilen. Dort kann man die neue Antriebspracht vor Ort fahrbar kennenlernen.
Das sind die MAN-Neuheiten zur IAA auf einen Blick
- Verbesserter GPS-Tempomat MAN EfficientCruise mit PredictiveDrive mit bis zu fünf Prozent Kraftstoffeinsparung und Ortserkennung
- Automatisches Over-the Air-Kartenupdate mit 50 zusätzlichen Charge&Go-Ladestandorten in Europa
- Nächste Generation Notbremsassistent EBA Advanced, weiterentwickelter Abbiegeassistent mit Bremseingriff und Front Detection plus Nah-Umfeldüberwachung
- Elektronisch geregelte Anhängerstabilitätsbremse (Streckbremse)
- MAN Driver Monitoring System, optische Fahreraufmersamkeitsüberwachung
- Konventioneller Frontspiegel in Verbindung mit Spiegelersatzsystem OptiView
- eTGL, 12-Tonnen GG, 285 PS, zwei Batteriepacks mit 235 km Reichweite
- eTGM 16,5-Tonner, 285 PS, vier Batteriepacks mit 485 km Reichweite







