Industrie: USA im Aufwind, China unter Druck

BWIHK-Umfrage in Baden-Württemberg
Industrie erwartet mehr Exporte in die USA

Baden-Württembergs Industrie blickt so optimistisch auf ihre Exporte wie seit über vier Jahren nicht mehr. Vor allem die USA und Europa machen Hoffnung. Nur China fällt deutlich zurück.

KI-generiertes Symbolbild eines großen Containerterminals im Sonnenuntergang. Ein Sattelzug transportiert einen Seecontainer über das Terminalgelände, während ein Containerzug auf den Gleisen steht und Portalkräne Container umschlagen.
Foto: ETM/KI-generiert via OpenAI

Trotz Zollstreit und geopolitischer Krisen blickt Baden-Württembergs Industrie wieder zuversichtlicher auf ihre Auslandsgeschäfte. Besonders überraschend: Die Erwartungen für den US-Markt haben sich deutlich erholt. Ausgerechnet China bleibt dagegen das Sorgenkind. Für die internationale Transportlogistik könnte sich damit die Gewichtung wichtiger Warenströme verändern.

Industrie hat wieder mehr Vertrauen

Der Zollstreit mit den USA, geopolitische Spannungen und eine schwache Konjunktur haben der deutschen Exportwirtschaft zuletzt zugesetzt. Doch zumindest in Baden-Württemberg scheint die Industrie wieder mehr Vertrauen in ihr Auslandsgeschäft zu gewinnen. Nach der aktuellen Konjunkturumfrage des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK) erwarten 36 Prozent der befragten Industriebetriebe in den kommenden zwölf Monaten steigende Exporte. Nur noch 17 Prozent rechnen mit einem Rückgang. Damit sind die Exporterwartungen so positiv wie seit mehr als vier Jahren nicht mehr. Im Frühsommer 2026 hatten noch 30 Prozent steigende und 25 Prozent sinkende Ausfuhren erwartet. Die Ergebnisse sind auch für Speditionen und Logistikdienstleister interessant. Denn die regionale Industrie ist eng mit internationalen Beschaffungs- und Absatzmärkten verflochten. Verändern sich deren Exportperspektiven, kann sich das mittelfristig auf Transportmengen, Relationen und die Nachfrage nach Logistikdienstleistungen auswirken.

USA: Exporterwartungen drehen ins Positive

Besonders deutlich hat sich die Stimmung gegenüber den Vereinigten Staaten verändert. Noch im Frühjahr 2025 rechneten infolge der amerikanischen Zollpolitik 53 Prozent der befragten Unternehmen mit sinkenden Exporten in die USA. Inzwischen hat sich das Bild gedreht: 38 Prozent erwarten in den kommenden zwölf Monaten steigende Ausfuhren, während nur noch 21 Prozent mit einem Rückgang rechnen. Auch für Nordamerika insgesamt haben sich die Erwartungen nach Angaben des BWIHK wieder auf das Niveau vor dem Zollschock erholt. Das bedeutet allerdings nicht, dass die handelspolitischen Risiken verschwunden wären. Vielmehr rechnen die Unternehmen trotz der bestehenden Unsicherheiten wieder häufiger mit besseren Geschäften auf dem amerikanischen Markt. „Die USA bleiben für unsere Industrie ein Schlüsselmarkt“, sagt BWIHK-Vizepräsident Claus Paal, der zugleich Präsident der IHK Region Stuttgart ist. Für die Transport- und Logistikbranche könnte eine entsprechende Entwicklung insbesondere die Nachfrage nach internationalen Transportketten und Dienstleistungen rund um den Überseehandel beeinflussen. Konkrete Prognosen für Frachtmengen oder Transportpreise liefert die Umfrage jedoch nicht.

Eurozone gewinnt, China bleibt Sorgenkind

Auch innerhalb Europas hat sich die Stimmung aufgehellt. 32 Prozent der befragten Industrieunternehmen erwarten steigende Exporte in die Eurozone. Nur noch 17 Prozent rechnen mit sinkenden Ausfuhren. Die Erwartungen erreichen damit ebenfalls den höchsten Stand seit Anfang 2022. Deutlich weniger optimistisch fällt der Blick nach Asien aus. Zwar erwarten 30 Prozent der Unternehmen steigende Exporte in die Region, doch die Zuversicht wächst nach Einschätzung des BWIHK nur langsam. Besonders auffällig ist die Entwicklung in China. Dort rechnen 32 Prozent der befragten Unternehmen mit rückläufigen Ausfuhren. Lediglich 20 Prozent erwarten steigende Exporte. China ist damit unter den untersuchten Absatzregionen der einzige Markt, in dem die pessimistischen Einschätzungen klar überwiegen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Baden-Württembergs Industrie ihre Absatzchancen auf den internationalen Märkten zunehmend unterschiedlich bewertet. Von einer generellen Erholung des gesamten Exportgeschäfts kann deshalb noch keine Rede sein.

Was die Entwicklung für die Logistik bedeutet

Für Speditionen, Frachtführer und Logistikdienstleister ist nicht allein entscheidend, ob die Industrie insgesamt mehr exportiert. Ebenso wichtig ist, in welche Regionen die Waren geliefert werden. Wachsen die Ausfuhren in die Eurozone, könnte das zusätzliche Nachfrage nach europäischen Landtransporten auslösen. Bessere Geschäfte mit den USA würden dagegen vor allem internationale Transportketten mit See- oder Luftfrachtanteilen betreffen. Schwächere Exportperspektiven für China könnten sich wiederum auf entsprechende Fernostrelationen auswirken. Die möglichen Folgen lassen sich aus der BWIHK-Umfrage allerdings nicht beziffern. Sie enthält weder konkrete Exportmengen noch Angaben zur Entwicklung einzelner Transportwege.

Hohe Kosten und Bürokratie bleiben ein Risiko

Trotz der verbesserten Stimmung sieht der BWIHK weiterhin erhebliche Belastungen für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Dazu zählen hohe Standortkosten, bürokratische Anforderungen und internationale Handelshemmnisse. Paal fordert deshalb bessere wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen, appelliert aber zugleich an die Unternehmen, neue Geschäftsmöglichkeiten nicht erst nach politischen Reformen zu erschließen. „Die Weltmärkte sortieren sich neu“, sagt der BWIHK-Vizepräsident. Darin lägen sowohl Herausforderungen als auch Chancen für neue Märkte, Kunden und Geschäftsmodelle. Die Ergebnisse der Umfrage zeigen jedenfalls eine bemerkenswerte Verschiebung: Während die US-Zollpolitik die Exporterwartungen im vergangenen Jahr stark belastete, überwiegt für diesen Markt inzwischen wieder die Zuversicht. China wird dagegen deutlich skeptischer beurteilt. Ob sich dieser Stimmungsumschwung in tatsächlichem Exportwachstum niederschlägt, werden erst die kommenden Monate zeigen.

Zur Umfrage

An der Herbst-Konjunkturumfrage 2026 der zwölf Industrie- und Handelskammern in Baden-Württemberg beteiligten sich 1.098 Industrieunternehmen. Die Befragung fand vom 14. September bis zum 2. Oktober 2026 statt. Die Vergleichswerte stammen aus der BWIHK-Konjunkturumfrage vom Frühsommer 2026. der historische US-Vergleich bezieht sich auf das Frühjahr 2025.

In Kürze: die Key Facts

  • Quelle: Herbst-Konjunkturumfrage 2026 des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK)
  • Teilnehmer: 1.098 Industrieunternehmen aus Baden-Württemberg
  • Befragungszeitraum: 14. September bis 2. Oktober 2026
  • Gesamte Exporterwartungen: 36 Prozent rechnen in den kommenden zwölf Monaten mit steigenden Ausfuhren, 17 Prozent mit Rückgängen.
  • Vergleich zum Frühsommer 2026: Damals erwarteten 30 Prozent steigende und 25 Prozent sinkende Exporte.
  • Stimmung: Die Exporterwartungen erreichen den höchsten Stand seit mehr als vier Jahren.
  • USA: 38 Prozent erwarten steigende Exporte, 21 Prozent sinkende Ausfuhren.
  • USA im Frühjahr 2025: Damals rechneten 53 Prozent infolge der US-Zollpolitik mit rückläufigen Exporten.
  • Eurozone: 32 Prozent erwarten steigende Ausfuhren, 17 Prozent einen Rückgang.
  • Asien insgesamt: 30 Prozent rechnen mit steigenden Exporten.
  • China: 32 Prozent erwarten sinkende Exporte, lediglich 20 Prozent Zuwächse.
  • Besonderheit China: Einzige untersuchte Absatzregion mit einer klaren Mehrheit pessimistischer gegenüber optimistischen Exporterwartungen.
  • Belastungsfaktoren: Hohe Standortkosten, Bürokratie, internationale Handelshemmnisse und geopolitische Unsicherheit.
  • Bedeutung für die Logistik: Veränderte Exportperspektiven könnten künftig Transportrelationen und Logistiknachfrage beeinflussen. Konkrete Frachtmengen prognostiziert die Umfrage nicht.