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BVL-Vorstände warnen vor neuen Belastungen Kritische Lage bis mindestens Mitte 2023

Fotolia Seecontainer Foto: Jan Becke

Die Bundesvereinigung Logistik erwartet noch stärkere Störungen in den Lieferketten und sinkende Verfügbarkeit wichtiger Rohstoffe. Wo die BVL wiederum Chancen sieht.

Der Bundesvereinigung Logistik (BVL) zufolge zeichnet der BVL-Vorstand ein düsteres Bild für den weiteren Jahresverlauf. Demnach sind alle bisherigen Prognosen noch deutlich zu optimistisch. Laut BVl geht auch der Kiel Trade Indicator davon aus, dass die Verzögerungen durch den Stau im Suezkanal durch die Evergiven und die kurzzeitig wegen Corona geschlossenen Terminals in China im Frühjahr und Mitte 2021 bis heute nicht vollständig aufgelöst wurden. Als größte aktuelle Gefahr bezeichneten Teilnehmer aus der Industrie demnach die Energiekrise und die Rohstoffknappheit.

Sechs Expertenmeinungen zu den Lieferkettenproblemen

  • „Die Zahl der Schiffe, die vor Shanghai auf die Entladung waren, hat eine ganz neue Dimension. Allein das wird die Wirtschaft massiv belasten“, so Dorothea von Boxberg, Vorstandsvorsitzende von Lufthansa Cargo.

  • Eine „wirtschaftliche Vollbremsung“ konstatierte Stephan Wohler, Vorstand bei Edeka Minden-Hannover, für den Lebensmittelbereich. Nach einem guten 2021 führten die rasant steigenden Preise zu Nervosität bei den Verbrauchern und eine Konzentration auf Preiseinstiegsprodukte statt auf bekannte Marken.

  • „Da kommt noch eine Welle auf uns zu. Selbst optimistisch gesehen werden die Probleme bis mindestens Mitte 2023 andauern“, so Josip T. Tomasevic, Senior Vice President bei der AGCO Corporation (u.a. Fendt). „Es gibt derzeit zwei Standortnachteile für Europa: Den Krieg und die Energie“.

  • „Die Lieferketten kann man zurzeit nicht kontrollieren. Das wird eine riesige Dimension bekommen und Verzögerungen, die wir so noch nicht kennen“, ergänzte Tim Scharwath, CEO DHL Global Forwarding Freight.

  • „Selbst wenn der Schiffsstau vor Schanghai sich auflöst und die meisten Fabriken in China aus dem Lockdown gehen, wird es viele Monate dauern, bis sich die Lieferketten normalisieren. Das ist wie bei einem Stau auf der Autobahn, der sich weiterverbreitet und sich aufschaukelt, obwohl der eigentliche Grund für den Stau sich längst aufgelöst hat", sagt BVL-Marktexperte Prof. Dr. Christian Kille. „Bis die Hinterlandverkehre wieder funktionieren und die Leercontainer den Weg zur nächsten Beladung gefunden haben, werden Monate vergehen. Das Beispiel USA zeigt, dass das Nadelöhr einfach auf die Landseite wandert. Zwar sind irgendwann die Schiffe leer, aber die Hafenflächen voll. Der Schiffsstau wird sich zudem zunächst auf die europäischen Häfen verlagern, weil diese den Ansturm nach der Pause nicht bewältigen können.“

  • Auf die Folgen der Krise für Investitionen der öffentlichen Hand, insbesondere Infrastrukturprojekte, verweist Dr.-Ing. Christian Jacobi, Geschäftsführer des Planungsunternehmens agiplan: „Rohstoffmangel und Kostensprünge sorgen dafür, dass geplante Bauvorhaben nicht realisiert werden oder sich verzögern. Auch die Investitionen des Staates werden sich verlagern, denn er kann auf Dauer nicht alle geplanten Maßnahmen bezahlen. Die Kriegsfolgen und Kompensationsprogramme aufgrund der Corona-Pandemie werden dazu führen, dass Finanzierungstöpfe kleiner oder zeitlich gestreckt werden. Viele Unternehmen werden aufgrund des Mangels an Vorprodukten und Rohstoffen sowie der hohen Energiekosten wieder in Kurzarbeit gehen müssen. Insgesamt steht Deutschland vor großen Herausforderungen.“

Düstere Prognosen aus Handel und Industrie

Angesichts der Vorstandsäußerungen zeigt sich laut BVL auch der BVL-Vorstandsvorsitzende Prof. Dr.-Ing. Thomas Wimmer ernüchtert: „Die Einschätzungen unserer Vorstandsmitglieder aus Industrie, Handel und Logistikdienstleistung gehen deutlich über die bisher veröffentlichten Prognosen hinaus. Bevor wir vielleicht irgendwann in 2023 eine Besserung erwarten können, wird die Situation bei den Lieferketten und Rohstoffen in den nächsten Monaten deutlich schlimmer werden. Darauf müssen sich Unternehmen wie Verbraucher einstellen.“

Foto: Jan Meier
BVL-Vorstandsvorsitzender Prof. Dr.-Ing. Thomas Wimmer.

Wimmer verwies darauf, dass nicht alle Unternehmen gleichermaßen betroffen seien. Unternehmen, die frühzeitig ihr Risikomanagement angepasst und zusätzliche oder alternative Lieferanten erschlossen und die Beziehungen zu Reedereien und Speditionen langfristig gepflegt hätten, seien weniger stark betroffen. Aber letztendlich würden alle zurzeit nur auf Sicht fahren.

Neue Chancen durch mehr Regionalität

Laut BVL-Marktexperte Kille müssen Unternehmen künftig anders handeln und unabhängiger und autarker agieren. Dafür seien aber Investitionen und Partnerschaften mit anderen in der Nähe notwendig, auch in bisher vernachlässigten Regionen.

"Das Argument der Wettbewerbsfähigkeit bei den Preisen ist vor dem Hintergrund der Konkurrenz aus Fernost nachvollziehbar. Deshalb ist die Änderung des eigenen Mindsets notwendig, um zu hinterfragen, welche Potenziale sich dabei noch verbergen. Kürzere Strecken zahlen zum Beispiel auch auf den Weg zur Klimaneutralität ein, auch ermöglichen sie künftig eine leichter umsetzbare Kreislaufwirtschaft“, sagt Kille.

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