Kempten: Neue Chance für den Güterverkehr

Schienengüterverkehr im Allgäu stärken
Anschlussbahn in Kempten vor Reaktivierung?

Mehr Güter auf die Schiene, ohne neue Strecken zu bauen? Im Allgäu wird die Reaktivierung eines Gleisanschlusses geprüft. Doch ohne gebündelte Transportmengen bleibt die Verlagerung schwierig.

KI-generiertes Symbolbild eines elektrischen Güterzugs mit Containern vor einer Alpenkulisse. Neben den Gleisen befindet sich ein Umschlagterminal mit Containerstapeln, einem Reachstacker und einer Logistikhalle.
Foto: ETM/KI-generiert via OpenAI

Mehr Güterverkehr auf der Schiene, ohne gleich neue Bahnstrecken zu bauen? Im Allgäu und den angrenzenden Regionen Österreichs könnten bestehende Gleisanschlüsse, gebündelte Transporte und neue Logistikkonzepte zusätzliche Bahnverkehre ermöglichen. Darpüber hinaus steht sogar eine Reaktivierung der Anschlussbahn Ursulasried in Kempten im Raum. Doch die größte Hürde liegt nicht allein in der Infrastruktur.

LKZ und VNL wollen Schienen besser nutzen

Die Gleise sind nicht immer das Problem. Manchmal fehlen die Gütermengen, manchmal passende Transportangebote – und häufig beides gleichzeitig. Genau dieses Dilemma erschwert die Verlagerung von Transporten auf die Schiene im Wirtschaftsraum Allgäu, Außerfern, Tirol und Vorarlberg. Ein möglicher Ansatzpunkt ist die Anschlussbahn Ursulasried in Kempten. Ihre Reaktivierung als regionaler Umschlagpunkt könnte neue Möglichkeiten für den Schienengüterverkehr eröffnen. Konkrete Beschlüsse oder einen Zeitplan dafür gibt es bislang allerdings nicht. Die Idee gehört zu den Handlungsansätzen, die das Logistik-Kompetenz-Zentrum (LKZ) Prien und der Verein Netzwerk Logistik (VNL) Österreich im grenzüberschreitenden Projekt „Güter auf die Schiene“ untersucht haben. Die zentrale Erkenntnis: Mehr Schienengüterverkehr erfordert nicht zwangsläufig neue Strecken. Entscheidend ist, vorhandene Infrastruktur besser zu nutzen und aus einzelnen Transportbedarfen wirtschaftlich tragfähige Verbindungen zu entwickeln.

Warum sich neue Bahnverbindungen oft nicht rechnen

Das Grundproblem ist schnell erklärt: Einzelne Unternehmen verfügen häufig nicht über genügend Transportvolumen, um regelmäßige Güterzüge wirtschaftlich auszulasten. Ohne ausreichende Mengen lohnt es sich für Eisenbahnverkehrsunternehmen und Logistikdienstleister kaum, neue Angebote aufzubauen. Umgekehrt können Verlader ihre Transporte nur schwer auf die Schiene verlagern, solange passende, zuverlässige und planbare Verbindungen fehlen. Hinzu kommen begrenzte Streckenkapazitäten, Nutzungskonflikte zwischen Personen- und Güterverkehr sowie fehlende regionale Zugangsmöglichkeiten zum Bahnnetz. Gerade im grenzüberschreitenden Wirtschaftsraum zwischen Bayern und Österreich verschärfen unterschiedliche Zuständigkeiten die Herausforderungen. Die Warenströme orientieren sich an den wirtschaftlichen Beziehungen der Unternehmen – nicht an Landes- oder Verwaltungsgrenzen. Deshalb reicht es nach Einschätzung der Projektpartner nicht aus, einzelne Bahnstrecken oder Umschlagpunkte isoliert zu betrachten. „Wir müssen weg vom Denken in Einzelmaßnahmen und hin zu einem gemeinsamen System“, erklärt LKZ-Prien-Geschäftsführerin Dr. Petra Seebauer.

Gütermengen bündeln statt neue Strecken bauen

Eine zentrale Lösung sehen die Projektpartner darin, Transportmengen mehrerer Unternehmen zusammenzuführen. So könnten auch Verlader, deren Aufkommen allein für eine regelmäßige Bahnverbindung nicht ausreicht, Zugang zum Schienengüterverkehr erhalten. Voraussetzung sind abgestimmte Transportzeiten, geeignete Umschlagmöglichkeiten und Logistikdienstleister, die die unterschiedlichen Warenströme organisieren. Dass solche Konzepte grundsätzlich möglich sind, zeigen nach Angaben der Projektpartner bestehende Angebote. Dazu zählt das Zuladungskonzept der Tiroler Strasse-Schiene-Umschlaggesellschaft (TSSU) in Hall in Tirol. Auch die Transfer-Angebote der Rail Cargo Group werden als Beispiele genannt, wie sich vorhandene Schienenkapazitäten für unterschiedliche Kunden nutzen lassen. Die Konzepte sollen verdeutlichen, dass nicht jeder Verlader einen eigenen Ganzzug benötigt. Entscheidend ist vielmehr, Transporte so zu kombinieren, dass regelmäßige und wirtschaftliche Verbindungen entstehen können. Allerdings müssen solche Modelle zu den jeweiligen Gütern, Mengen und Lieferanforderungen passen.

Kempten: Anschlussbahn Ursulasried als möglicher Umschlagpunkt

Besonders konkret wird die Diskussion bei bestehenden Gleisanschlüssen. Ein Beispiel ist die Anschlussbahn Ursulasried in Kempten. Die Projektpartner sehen in ihrer möglichen Reaktivierung einen Ansatz, um einen zusätzlichen regionalen Zugang zum Schienengüterverkehr zu schaffen. Ein solcher Umschlagpunkt könnte dazu beitragen, Transportmengen aus mehreren Unternehmen zu bündeln und an überregionale Bahnverbindungen anzuschließen. Ob die Reaktivierung technisch, betrieblich und wirtschaftlich sinnvoll ist, müsste allerdings erst geprüft werden. Angaben zu Investitionskosten, möglichen Gütermengen oder einem Realisierungszeitraum gibt es bislang nicht.

E-Lkw könnten die erste und letzte Meile übernehmen

Eine weitere Erkenntnis betrifft das Zusammenspiel von Straße und Schiene. Denn selbst wenn geeignete Bahnverbindungen vorhanden sind, verfügen längst nicht alle Industrie- und Logistikstandorte über einen eigenen Gleisanschluss. Der Transport zum nächsten Umschlagpunkt und von dort zum Empfänger muss deshalb häufig weiterhin auf der Straße erfolgen. Die Projektpartner setzen hier auf flexible Vor- und Nachlaufkonzepte. Regionale Logistikunternehmen könnten Güter einsammeln, zu einem Umschlagpunkt transportieren und nach der Bahnstrecke die Zustellung übernehmen. Auch batterieelektrische Lkw kommen dafür infrage. Gerade bei planbaren regionalen Transporten könnten sie den Schienengüterverkehr ergänzen. Die Idee ist ausdrücklich nicht, den Lkw vollständig durch die Bahn zu ersetzen. Vielmehr sollen beide Verkehrsträger dort eingesetzt werden, wo sie ihre jeweiligen Stärken ausspielen können.

Ohne verlässliche Angebote bleibt die Straße im Vorteil

Die entscheidende Herausforderung beginnt allerdings erst nach der Identifizierung möglicher Bahnverbindungen und Umschlagpunkte. Damit Unternehmen tatsächlich Transporte verlagern, müssen die Angebote wirtschaftlich konkurrenzfähig, zuverlässig und langfristig planbar sein. Dafür braucht es ausreichend Gütermengen, die Zusammenarbeit von Verladern und Logistikdienstleistern sowie entsprechendes Bahnlogistik-Know-how. Das grenzüberschreitende Projekt „Güter auf die Schiene“ soll deshalb nicht bei einer Bestandsaufnahme stehen bleiben. Die Beteiligten wollen Kooperationen ausbauen, bestehende Anschlussbahnen und Infrastruktur genauer betrachten und konkrete Umsetzungsmöglichkeiten prüfen. Das Vorhaben wird im Rahmen des Interreg-Programms Bayern–Österreich 2021–2027 durch die Euregio via Salina gefördert. Es baut auf dem Vorgängerprojekt „Außerfern-Allgäu-Link“ auf. Ob daraus zusätzliche regelmäßige Güterzüge entstehen, ist noch offen.

In Kürze: die Key Facts

  • Projekt: „Güter auf die Schiene“
  • Projektpartner: Logistik-Kompetenz-Zentrum (LKZ) Prien und Verein Netzwerk Logistik (VNL) Österreich
  • Untersuchungsregion: Allgäu, Außerfern, Tirol und Vorarlberg
  • Ziel: Mehr Güterverkehr auf der Schiene durch bessere Nutzung bestehender Infrastruktur und neue Logistikkonzepte
  • Zentrale Hindernisse: Begrenzte Streckenkapazitäten, Konflikte zwischen Personen- und Güterverkehr, fehlende Zugangsmöglichkeiten und zu geringe gebündelte Transportmengen
  • Mögliche Maßnahme: Prüfung einer Reaktivierung der Anschlussbahn Ursulasried in Kempten als regionaler Umschlagpunkt
  • Status Ursulasried: Prüfansatz; kein bestätigter Baubeschluss und kein veröffentlichter Zeitplan
  • Logistiklösungen: Bündelung von Gütermengen mehrerer Unternehmen und Aufbau verlässlicher Bahnangebote
  • Praxisbeispiele: Zuladungskonzept der TSSU in Hall in Tirol und TransFER-Angebote der Rail Cargo Group
  • Rolle des Lkw: Vor- und Nachlauf zur Schiene, perspektivisch auch mit batterieelektrischen Lkw
  • Förderung: Euregio via Salina im Interreg-Programm Bayern–Österreich 2021–2027
  • Grundlage: Das Projekt baut auf dem „Außerfern-Allgäu-Link“ auf.