RWTH-Studie: Logistik wird zum Stromfresser

RWTH-Studie zum Energiebedarf der Logistik
Logistik braucht mehr Strom als Stahl und Chemie

Bis 2045 könnte die Logistik mehr Strom benötigen als Stahl- und Chemieindustrie zusammen. Der DSLV fordert deshalb schnelleren Netzausbau, niedrigere Strompreise und bessere Rahmenbedingungen für E-Lkw.

DSLV-Hauptgeschäftsführer Frank Huster vor Lkw-Parkplatz
Foto: DSLV, Götz Mannchen; Montage: Carsten Nallinger

Die Energiewende im Güterverkehr bekommt eine neue Dimension: Laut einer Studie der RWTH Aachen wird der Logistiksektor bis 2045 mehr Strom benötigen als Stahl- und Chemieindustrie zusammen. Der DSLV schlägt Alarm und fordert einen beschleunigten Netzausbau, niedrigere Strompreise und neue Regeln für Logistikstandorte als Energie-Hubs. Die Dekarbonisierung des Straßengüterverkehrs gilt als zentrale Säule der europäischen Klimapolitik. Doch während sich die Debatte bislang vor allem um E-Lkw, Ladeinfrastruktur und Fahrzeugförderung drehte, rückt nun ein bislang unterschätzter Faktor in den Mittelpunkt: der zukünftige Strombedarf der Logistik.

Achtfacher Strombedarf bis 2045

Denn die vom DSLV Bundesverband Spedition und Logistik beauftragte Studie des Instituts für Kraftfahrzeuge (ika) der RWTH Aachen University kommt zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Bis zum Jahr 2045 wird der Strombedarf des deutschen Logistiksektors auf 186 Terawattstunden (TWh) steigen. Das entspricht dem Achtfachen des heutigen Verbrauchs.

Logistik wird zum Stromfresser

Besonders brisant: Bereits im Jahr 2035 soll die Branche laut Studie 109,6 TWh Strom benötigen. Damit würde die Logistik mehr als das Vierfache des prognostizierten Strombedarfs der Stahlindustrie und rund 60 Prozent mehr als die Chemieindustrie verbrauchen. Der größte Anteil entfällt dabei auf den Straßengüterverkehr. Die RWTH-Forscher gehen davon aus, dass im Jahr 2045 rund 155,8 TWh beziehungsweise knapp 84 Prozent des gesamten Logistik-Strombedarfs auf elektrische Lkw zurückzuführen sein werden. Weitere 22,3 TWh entfallen auf Logistikimmobilien wie Distributionszentren, Fulfillment-Center oder Kühlhäuser. Insgesamt würde die Logistik damit rund 14 Prozent des gesamten deutschen Strombedarfs beanspruchen.

E-Lkw sorgen für neue Lastspitzen

Neben der reinen Energiemenge sehen die Studienautoren vor allem die zukünftigen Leistungsspitzen als Herausforderung. Wenn elektrische Lkw-Flotten in den Abendstunden ihre Batterien laden, gleichzeitig Logistikzentren hohe Gebäudelasten aufweisen und zusätzlich Schienengüterverkehr Energie benötigt, könnten laut Studie Lastspitzen von 57 Gigawatt entstehen. Das entspricht rund 70 Prozent der heutigen deutschen Systemspitze. Für die Autoren ist deshalb klar: Die Transformation des Güterverkehrs wird nicht allein zu einer verkehrs- oder klimapolitischen Aufgabe, sondern zunehmend zu einer energiewirtschaftlichen Herausforderung.

DSLV fordert Netzausbau-Offensive

Vor diesem Hintergrund richtet der DSLV einen ungewöhnlich deutlichen Appell an die Politik. Der Verband fordert, den zukünftigen Energiebedarf der Logistik künftig ausdrücklich in der Netzentwicklungsplanung zu berücksichtigen. Nicht nur Übertragungsnetze müssten ausgebaut werden, sondern insbesondere auch regionale Verteilnetze, Trafostationen und leistungsfähige Netzanschlüsse an Logistikstandorten. Gleichzeitig verlangt der Verband schnellere Genehmigungsverfahren für Netzanschlüsse und Ladeinfrastruktur sowie eine Priorisierung von Logistikstandorten bei der Vergabe neuer Netzkapazitäten.

Strompreise werden zum Wettbewerbsfaktor

Neben der Verfügbarkeit von Energie sieht der DSLV die Kostenentwicklung als kritischen Faktor. Der Verband fordert eine dauerhafte Senkung der Stromsteuer auch für Logistikunternehmen und plädiert für flexible Netzentgelte. Unternehmen, die ihre Ladevorgänge netzdienlich steuern und außerhalb von Spitzenzeiten laden, sollen finanziell entlastet werden. Hintergrund: Mit zunehmender Elektrifizierung werden Stromkosten zu einem entscheidenden Faktor der Total Cost of Ownership (TCO) von E-Lkw-Flotten. Ohne wettbewerbsfähige Energiepreise könnte die Transformation deutlich an Tempo verlieren.

Logistikzentren sollen zu Energie-Hubs werden

Ein weiterer Schwerpunkt des DSLV-Papiers betrifft die Rolle von Logistikimmobilien. Die Studie geht davon aus, dass die installierbare Photovoltaik-Leistung auf Logistikdächern bis 2045 auf rund 22,6 Gigawattpeak steigen könnte. Dennoch würden selbst dann nur rund 20,5 TWh Strom pro Jahr erzeugt, deutlich weniger als der erwartete Gesamtbedarf der Branche. Deshalb fordert der Verband neue regulatorische Rahmenbedingungen, damit Logistikstandorte künftig als Energie-Hubs fungieren können. Eigenproduzierter Strom soll einfacher gespeichert, mit Dritten geteilt und an Transportdienstleister abgegeben werden können. Aktuelle Regelungen im Energie- und Steuerrecht gelten aus Sicht des DSLV als Hemmnis.

„Der Handlungsbedarf ist unübersehbar“

Für DSLV-Hauptgeschäftsführer Frank Huster zeigen die Ergebnisse vor allem eines: Die Energiewende im Güterverkehr wird ohne eine grundlegende Anpassung der Energiepolitik kaum gelingen. „Die Ergebnisse der RWTH-Studie machen den politischen Handlungsbedarf unübersehbar“, erklärt Huster. Der Logistiksektor müsse künftig energiepolitisch ähnlich behandelt werden wie klassische Großverbraucher aus der Industrie. Ohne zusätzliche Stromerzeugung, leistungsfähige Netze, wettbewerbsfähige Strompreise und verlässliche Investitionsbedingungen drohe die Transformation des Güterverkehrs ins Stocken zu geraten.

Die wichtigsten Zahlen der RWTH-Studie

  • Strombedarf Logistik 2045: 186 TWh
  • Achtmal höher als heute
  • Anteil Straßengüterverkehr: 155,8 TWh
  • Anteil Logistikimmobilien: 22,3 TWh
  • Anteil Schienengüterverkehr: 7,8 TWh
  • Anteil am deutschen Gesamtstrombedarf 2045: 14 Prozent
  • Lastspitzenpotenzial: 57,09 GW
  • PV-Erzeugungspotenzial auf Logistikdächern: 20,5 TWh pro Jahr
  • Eigenversorgungsanteil trotz PV-Ausbau nur rund 11 Prozent