In keiner anderen Branche ist die Insolvenzquote derzeit so hoch wie in Transport und Logistik. Doch während immer mehr Unternehmen wirtschaftlich unter Druck geraten, suchen andere trotz guter Geschäftszahlen einen Käufer. Ein Familienbetrieb mit 100 Beschäftigten zeigt, wie groß die Herausforderungen bei der Unternehmensnachfolge sind.
Alarmierende Zahlen für das erste Halbjahr 2026
Die Zahlen sind alarmierend: Von Januar bis Juli 2026 kamen in der deutschen Transport- und Logistikbranche 85,5 Unternehmensinsolvenzen auf jeweils 10.000 Unternehmen. Das ist der höchste Wert aller Wirtschaftsbereiche und nahezu doppelt so viel wie der Durchschnitt von 42,8 Fällen. Das geht aus aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) hervor. Doch die Branche steht noch vor einem zweiten Problem. Während manche Speditionen wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten aufgeben müssen, stehen andernorts gut aufgestellte Unternehmen zum Verkauf. Nicht, weil ihnen die Aufträge ausgehen oder sie Verluste schreiben, sondern weil eine Nachfolgeregelung fehlt. Wie unterschiedlich die Ausgangslagen sind, zeigt ein Blick auf die Deutsche Unternehmerbörse (DUB). Dort werden mehrere Transport- und Logistikunternehmen angeboten, die laut ihren Verkaufsunterlagen Gewinne erwirtschaften.
Insolvenzquote in der Logistik doppelt so hoch wie im Durchschnitt
Besonders deutlich wird die angespannte Lage im Vergleich mit anderen Branchen. Hinter Verkehr und Lagerei folgen das Gastgewerbe mit 70,0 Insolvenzen je 10.000 Unternehmen und das Baugewerbe mit 62,9 Fällen. Damit liegt die Transport- und Logistikbranche nicht nur an der Spitze der Insolvenzstatistik. Ihr Wert übersteigt den branchenübergreifenden Durchschnitt um nahezu 100 Prozent. Die Statistik umfasst den gesamten Wirtschaftsabschnitt Verkehr und Lagerei, also nicht ausschließlich Speditionen und Straßengüterverkehrsunternehmen. Für die Unternehmen ist die wirtschaftliche Lage anspruchsvoll. Hohe Personal- und Betriebskosten treffen auf einen intensiven Wettbewerb. Gerade im Straßengüterverkehr können schon geringe Veränderungen bei Auslastung, Transportpreisen oder Kosten darüber entscheiden, ob ein Auftrag noch profitabel ist. Die Insolvenzstatistik zeigt allerdings nur einen Teil des Strukturwandels. Unternehmen können auch aus anderen Gründen vom Markt verschwinden oder den Eigentümer wechseln.
Familienbetrieb mit 100 Mitarbeitern sucht Nachfolger
Ein Beispiel liefert ein Verkaufsangebot auf der Deutschen Unternehmerbörse (DUB) Gesucht wird dort ein Käufer für ein etabliertes Speditions-, Transport- und Logistikunternehmen, das laut Inserat seit drei Generationen familiengeführt wird. Die Eckdaten klingen nicht nach einem Sanierungsfall: Das Unternehmen beschäftigt rund 100 Mitarbeiter, erzielt nach Angaben des Inserenten etwa zwölf Millionen Euro Jahresumsatz und weist ein Ergebnis von rund einer Million Euro aus. Der Betrieb verfügt über etwa 35 Zugfahrzeuge und 55 Anhänger beziehungsweise Auflieger. Zum Unternehmen gehören außerdem eine Lagerhalle, eine Werkstatt und weitere Betriebsflächen. Zwei E-Ladestationen und eine Solaranlage sind ebenfalls vorhanden. Das Unternehmen bietet nationale Komplett- und Teilladungstransporte sowie Sonderleistungen an. Ein Teil des Projektgeschäfts ist laut Verkaufsunterlagen vertraglich bis Ende 2029 abgesichert. Trotzdem wird ein neuer Eigentümer gesucht. Als Verkaufsgrund nennt das Inserat ausdrücklich die Unternehmensnachfolge.
Auch profitable Kühlspedition im Angebot
Das Beispiel steht nicht allein. Auf der Unternehmerbörse wird auch eine Kühlspedition mit rund 75 Beschäftigten angeboten. Sie soll nach Angaben des Inserenten 7,9 Millionen Euro Umsatz und 1,1 Millionen Euro Ergebnis erzielen. Das Unternehmen ist auf temperaturgeführte Transporte und Logistikdienstleistungen spezialisiert. Der Fuhrpark umfasst unter anderem rund 40 Zugmaschinen und 40 Kühlauflieger. Auch hier erfolgt der Verkauf aus Nachfolgegründen. Der bisherige Inhaber soll die Übergabe begleiten. Die Zahlen stammen jeweils aus den Verkaufsinseraten. Eine unabhängige Prüfung der wirtschaftlichen Angaben ist damit nicht verbunden. Dennoch zeigen die Angebote: Nicht jedes Transportunternehmen, das den Eigentümer wechseln soll, befindet sich in wirtschaftlicher Schieflage.
Zwei Probleme, die die Branche verändern
Die hohe Insolvenzquote und die Suche nach Unternehmensnachfolgern haben unterschiedliche Ursachen. Gemeinsam ist beiden Entwicklungen aber, dass sie die Unternehmenslandschaft im Transportgewerbe verändern können. Bei einer Insolvenz steht die wirtschaftliche Existenz eines Betriebs auf dem Spiel. Bei einer altersbedingten Nachfolge geht es dagegen häufig darum, ein funktionierendes Unternehmen mit seinen Arbeitsplätzen, Kundenbeziehungen und Transportkapazitäten zu erhalten. So oder so, die aktuellen Zahlen machen eines deutlich: Die Transport- und Logistikbranche steht nicht nur unter wirtschaftlichem Druck. Sie muss gleichzeitig den Generationswechsel in zahlreichen mittelständischen Unternehmen bewältigen. Und der kann selbst dort schwierig werden, wo die Geschäfte gut laufen.
In Kürze: die Key Facts
- Zeitraum: Januar bis Juli 2026
- Insolvenzquote Verkehr und Lagerei: 85,5 Unternehmensinsolvenzen je 10.000 Unternehmen
- Bundesweiter Durchschnitt: 42,8 Unternehmensinsolvenzen je 10.000 Unternehmen
- Branchenvergleich: Verkehr und Lagerei weist die höchste Insolvenzhäufigkeit aller Wirtschaftsabschnitte auf.
- Gastgewerbe: 70,0 Insolvenzen je 10.000 Unternehmen
- Baugewerbe: 62,9 Insolvenzen je 10.000 Unternehmen
- Nachfolgeproblem: Auch wirtschaftlich erfolgreiche Speditionen suchen neue Eigentümer.
- Beispiel Familienbetrieb: Rund 100 Beschäftigte, zwölf Millionen Euro Umsatz und eine Million Euro Ergebnis laut Verkaufsinserat
- Weiteres Verkaufsangebot: Kühlspedition mit 75 Beschäftigten, 7,9 Millionen Euro Umsatz und 1,1 Millionen Euro Ergebnis laut Inserat
- Verkaufsgrund: Bei beiden genannten Unternehmen wird eine altersbedingte Unternehmensnachfolge angegeben.
- Quellen: Statistisches Bundesamt (Destatis) und Deutsche Unternehmerbörse (DUB.de)








