Thomas Schledorn: Die ersten sechs Monate als CEO der Andreas Schmid Group waren sehr schön und intensiv. Ich habe großartige Menschen kennengelernt und gute Gespräche geführt. Mir wurden viele Einblicke gewährt und ich habe vieles über das Unternehmen und die Kunden der Andreas Schmid Group gelernt. Der Fokus in den ersten drei Monaten lag auf internen Prozessen, um die Organisation kennenzulernen, die Seilschaften und die Beziehungen im Unternehmen zu verstehen. Die vergangenen drei Monate waren eher extern geprägt. Es standen viele Gespräche mit Kunden – Bestandskunden und potenziellen Neukunden – und mit Partnern an. Mittlerweile habe ich alle unsere Standorte besucht. Ungarn ist der einzige Standort, der noch fehlt.
Erste Bilanz: Kultur, Menschen und Mittelstand
Was sind bislang die wichtigsten Erkenntnisse?Im Mittelstand, und vor allem in einem Familienunternehmen, ist es wichtig, die Historie zu verstehen. Warum sind gewisse Dinge so, wie sie sind? Warum verhalten sich Menschen, wie sie sich verhalten? Was ist die Geschichte dahinter? Genauso bei unseren Kunden. Wir bedienen ein breites Spektrum an Kunden unterschiedlichster Couleur, Größe und Industrien. Es ist immer wieder beeindruckend zu sehen, wie die Logistik darin verzahnt ist und was wir alles für unsere Kunden tun.
Die meisten Erfahrungen in meiner Karriere habe ich in Konzernen gesammelt, sowie in einem inhabergeführten Unternehmen, das ein Konzern aufgekauft hat. In einem Konzern ist man in seiner Gestaltungsfreiheit aber doch limitiert. Das ist bei einem Familienunternehmen in der entscheidenden Schlüsselposition anders. Man kann strategische Impulse geben und sich über Kultur und Strategie Gedanken machen. Die Strahlkraft von Andreas Schmid hat mich überzeugt – und die Möglichkeit, gestalten zu können.
Fokus Internationalisierung: Expansionskurs aus Augsburg heraus
Welche Themen und Projekte stehen bei Ihnen auf der Agenda ganz oben?Ein wichtiges Projekt ist die Diversifizierung unseres Produktportfolios. Wir müssen uns bei unseren Produkten und der regionalen Verteilung breiter aufstellen. In den vergangenen Jahren haben wir mit der Internationalisierung begonnen, haben die ersten Standorte im Ausland eröffnet und Zukäufe getätigt. Diesen Weg werden wir weiter gehen und aus Augsburg hinauswachsen. Das halte ich für entscheidend. Auch deswegen reaktivieren wir momentan die Luft- und Seefracht. Wir wollen wieder stärker als Luft- und Seefrachtdienstleister wahrgenommen werden, investieren in Know-how und in neue Kolleginnen und Kollegen. Neue Standorte an für uns wichtigen Knotenpunkten zählen auch zu diesen Plänen, sei es in Flughafen- oder Hafennähe. Was die Internationalisierung angeht, haben wir den ersten Schritt in Richtung Osteuropa gemacht. In Osteuropa sehe ich persönlich noch großes Wachstumspotential.
Die Übernahme stellt für uns eine weitere Möglichkeit zur Diversifizierung dar. Entsorgungslogistik sehen wir als Wachstumsmarkt, die Marktzahlen bestätigen das. Es wird ein jährliches Wachstum in dem Segment prognostiziert, die Markteintrittsbarrieren sind hoch. Wir kaufen mit Weisstrans Logistik nicht nur den Fuhrpark und das Know-how, sondern auch die wichtigen Lizenzen, um auf diesem Markt weiter zu agieren. Dazu kommt, dass die Weisstrans bis dato Teil eines Recyclingunternehmens war und dementsprechend in ihrem Wachstum limitiert. Das können wir jetzt natürlich entfesseln.
Wir müssen wachsen, sowohl organisch als auch anorganisch. Wenn es Sinn ergibt, ist eine Übernahme mit Sicherheit immer eine Option. Von daher schließe ich weitere Übernahmen in der Zukunft nicht aus. Unser Fokus liegt gezielt auf organischem Wachstum. Aber auch das kommt mit Investitionen: in Ressourcen, in Know-how, in Manpower.
Fokus Internationalisierung: Expansionskurs aus Augsburg heraus
…und in die Elektromobilität. Andreas Schmid hat vor Kurzem zwei Mercedes-Benz eActros 600 gekauft. Wo sind sie im Einsatz?Sie verkehren auf unseren Stückgutlinien von Gersthofen nach Neuenstein, in den Hub von IDS Logistik. Die Elektro-Lkw sind nachts im Einsatz, eine Tour beträgt rund 800 Kilometer. Die Technologie ist mittlerweile schon so gut, dass wir die Fahrzeuge auf der Langstrecke einsetzen können. Je mehr Autobahnkilometer wir mit einem E-Lkw fahren können, desto mehr Maut sparen wir ein. Wir wollen also aus wirtschaftlichen Gründen eher weite Strecken mit den E-Lkw fahren.
Schiffsmotoren laufen sehr gut, die Kosmetikbranche und die Getränkelogistik, die sich gerade zu einer weiteren Spezialisierung entwickelt. Im April haben wir ein 7.000 Quadratmeter großes Lager für unseren neuen Kunden, die Paulaner Brauerei Gruppe, in Olching eröffnet. Der Automobilbereich dagegen läuft im Moment nicht gut. Da haben wir aber auch nicht viele Kunden im Portfolio. Die Chemie- und die Baubranche kämpfen ebenfalls mit Problemen. Bei vielen Kunden ist das Thema Kostendruck aktuell sehr präsent.
Die Logistik bietet viele Einblicke in unterschiedliche Industriezweige, sei es die Chemie- oder die Automobilbranche. Man lernt Unternehmen kennen, von denen man zuvor noch nie etwas gehört hat. Bei Andreas Schmid habe ich zum Beispiel einen großen Schiffsmotorbauer kennengelernt. Deswegen unterstütze ich die Meinung von Prof. Dr. Uwe Barwig, der an der DHBW Mannheim gelehrt hat und durch den ich zur Logistik gekommen bin: Die Logistik ist die Königsklasse der kaufmännischen Berufe.





