Volvo Trucks Iron Knight 8 Bilder Zoom
Foto: Hans-Dieter Seufert / Auto Straßenverkehr

Hyper Truck

Volvo Iron Knight

Nachdem der 2.400 PS starke Volvo Iron Knight zwei Beschleunigungsrekorde brach, schaut er auf unserem Testgelände vorbei. Ein Selbstversuch mit 13 Liter Hubraum und mächtig viel Qualm.

Es war beim Frühstück. Zwischen Müsli und Cappuccino fiel der Blick auf eine Meldung: "Volvo-Truck bricht Beschleunigungsrekord." Das klingt interessant. Dann waren es nur noch zwei Telefonate und ein paar E-Mails, schon stand der Iron Knight am Tor 3 des Flughafens Lahr – dem Mess-Wohnzimmer unserer Kollegen von auto motor und sport. Wenn auch noch sicher verzurrt, im Auflieger eines Sattelzugs. Die Heckklappe fährt runter, die Seitenwände schwingen nach oben. Zwei Männer klettern aus dem Fahrerhaus, öffnen Staukästen, schleppen Auffahrrampen ans Heck. Lkw-Racer posen nicht mit seltsamen Ohrringen oder Hotelsuiten. Sie wohnen im Trailer und packen mit an. Einer kommt auf uns zu, grauhaarig, freudig lächelnd.

Boije Ovebrink, ehemaliger Truck-Racing-Europameister und aktueller Halter des Geschwindigkeits-Weltrekords für Lkw, ist in einem Alter, in dem manche schon vom Ohrensessel am Kamin träumen. Doch der Schwede streift lieber den Rennoverall über und klemmt sich in einen feuerfesten Sitz von Recaro.

Iron Knight steht bereit zum Test

Dumpfes Grollen beim Start im Auflieger. So, die Rampe steht, als im Trailer etwas startet – etwas Großes, Böses. Heiser, kernig, kurz rotzend, in gespenstisch niedrigem Leerlauf, wie ein Schiffsdiesel vor dem 100-Meter-Sprint – der Volvo Iron Knight, der Eisenritter aus Göteborg. Drahtige viereinhalb Tonnen schwer, Gitterrohrrahmen, Mittelmotor, Fahrerhaus aus GFK, Verkleidungsteile einer Premium-Limousine, ja, die Schweden können nicht nur Zugmaschinen in Premiumqualität, sie können auch Race Truck. Der Iron Knight steht bereit zum Test. Seine Beschleunigungs- und Tempo-Weltrekorde über 500 und 1.000 Meter sind noch frisch, doch wir dürfen schon an ihn ran.

Noch läuft er warm, in rhythmischem Leerlauf mit 600 Umdrehungen schunkelt er von rechts nach links. Nur der energische Unterton lässt erahnen, welche Kraft diesem drachenköpfigen Schlachtschiff innewohnt. Dabei ist der Reihensechszylinder D13 im Prinzip serienmäßig. Im Prinzip. Boije zählt kurz auf: Mahle-Kolben, reduzierte Verdichtung, modifizierte Nockenwelle, vier Bosch-Hochleistungs-Dieselpumpen, die die Injektoren mit dreifacher Fördermenge versorgen. Und wofür die ganze Dieselpumperei? Damit die vier suppentopfgroßen Turbolader – im Gegensatz zur Serie ohne variable Geometrie – nicht umsonst Luft in die über zwei Liter großen Einzelhubräume pumpen. Keine Sorge, es lohnt sich. Der Reihensechser presst 2.400 PS sowie 6.000 Newtonmeter – und das, ohne jemals über 3.000/min zu drehen.

I-Shift-Getriebe reiht Kraftausbrüche aneinander

Testchef Albig sitzt ausnahmsweise rechts, für die dynamischen Tests klemmt sich Boije hinters Wildlederlenkrad. Schon okay, angesichts des wilden Diesels, der auf die hinteren Single-Reifen einprügelt und der unschuldigen Schwarzwaldhügel, die der Volvo bei einem Hochgeschwindigkeitsabflug vermutlich gnadenlos durchtunneln würde. Ein harter Tag für Goodyear – Automatik-Modus rein, Vollgas. Oben qualmt es aus den vier Schloten, unten rauchen die Reifen. Die 495/45 R 22,5 hinten backt Goodyear exklusiv für den Iron Knight. Traktionskontrolle? Natürlich nicht! Sobald eingekuppelt ist, muss es der Fahrerfuß richten, so viel Kraft wie möglich in Beschleunigung umzusetzen. Ein bisschen hüpft der Viereinhalbtonner trotzdem mit der vierpunktgelagerten Meritor-Hinterachse, daran können weder Luftfederung noch Öhlins-Dämpfer etwas ändern.

Dann geht es ab. Der Iron Knight startet unter bassigem Röhren samt hellen Obertönen, bevor die Lader rauschend und seufzend einstimmen. Schaltpausen? Da regt das Doppelkupplungsgetriebe doch schon die Frage auf. Nahtlos reiht das I-Shift-Getriebe die Kraftausbrüche aneinander; die automatisierte Zwölfgangbox stammt aus Volvo-Serien-Lkw, ist dank Sinterbelägen allerdings fit für den Extrastress. Das Teil schaltet schneller und passender als manche Seriengetriebe – Chapeau! Sobald der Iron Knight seine Anfahrphase irgendwo jenseits der 100-km/h-Marke im siebten Gang beendet, beginnt er zu beschleunigen. Also jetzt mal richtig. Der Sound kippt von power-dieselig in animalisch, energisch. Luft und Boden vibrieren im Takt, ein zum Vergleich nebendran beschleunigender Porsche wäre ab diesem Tempo bloß noch eine Staffage im Bildschirm der Heckkamera.

Eisenharter Wikinger

Sichtbarste Differenz zwischen Halbgasdödeln und echter Volllast: der Rauch. Ertrank der D13 vorher noch im Diesel, passt es jetzt, die Wolken verfliegen. Pedal ans Bodenblech und halten. Geradeauslauf? Tipptopp. Bremsstabilität? Bis auf die leicht tigernde Hinterachse problemlos. Standfestigkeit? Kein Problem. Wo andere Kraftbolzen gern mal aufrauchen, mit Lagerkäfigen um sich werfen oder Antriebswellen wringen, gibt Iron Knight den eisenharten Wikinger. Wobei Boije verrät, dass sie schon an einem Allradantrieb und Wasserkühlung für die Bremsen arbeiten.

Letzteres ist bei den Kollegen von der Race-Truck-Fraktion eher normal und der Antrieb auf alle viere brächte dem Iron Knight endlich die Traktion, die er verdient. Bis dahin scheuchen wir den 6,1 Meter langen und 2,4 Meter breiten Apparat erst einmal durch den 36-Meter-Slalom und den doppelten Spurwechsel. Dabei lenkt er willig ein, schiebt kaum über die Vorderachse. Mittelmotor eben. Okay, die gesperrte Hinterachse kostet etwas Eleganz beim Pylonen-Limbo, doch für 4,5 Tonnen passt es ebenso wie beim schnellen Ausweichen.

In Sekundenschnelle bis jenseits 200 km/h

Schließlich soll der Volvo-Bolide nicht nur geradeaus Rekorde brechen, sondern Menschen auf dem Beifahrersitz auch auf Rennstrecken beeindrucken. Nur selbst fahren durften den Eisenritter bisher noch nicht so viele. Denn die Volvo-Jungs sind durchaus wählerisch bei der Fahrerwahl. Bisherige Videostars: Hamster Charlie, der möhrenmotiviert einen Bau-Truck aus einem Steinbruch lenkt, sowie Sophie (4), die einen Vierachser per Fernsteuerung durch einen Offroad-Parcours manövriert. Tempo 200? Für den Ritter kein Problem.

Jetzt aber fix über die Trittleiter ins Fahrerhaus klettern. Boije empfiehlt: "Hangel dich mit Gefühl in den siebten Gang und gib dann alles." Also dann, die Automatikwähltaste auf "A" und Gas. Der 12,8-Liter hängt gierig am Pedal, vibriert lüstern, quittiert lediglich halbherziges Rumschleichen bei Tempo 160 mit beleidigtem Rauchen. Wir bleiben druff, der Nebel lichtet sich, und der Ritter stapft in Sekundenschnelle bis jenseits 200, möchte noch weiter. Wir gehen lieber vom Gas, die Piste ist gleich zu Ende. Fazit: Good Knight!

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Dieser Artikel stammt aus Heft FERNFAHRER 04/2017.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.

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Datum

31. März 2017
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