Alles über 25 Jahre trans aktuell
VR-Brille, Zukunft, Fahren der Zukunft, Verkehr, autonom Zoom
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Autonomes Fahren

Der Tag eines Lkw-Fahrers in 25 Jahren

Schöne neue Welt, die da auf uns zurollt: eine kurze Geschichte über die Zukunft mit autonomen Fahrzeugen, VR-Brillen und kreativen Nebenjobs.

Andreas Bergstätt*, 50 Jahre alt, genießt die Ruhe vor dem Sturm. Es ist 5.30 Uhr am Morgen und Bergstätt setzt sich demnächst auf den Bock. Eine Redakteurin des Logistik-Portals von trans ­aktuell wird ihn heute auf seiner Tour im autonomen Lkw begleiten, sie wird gegen sechs Uhr eintreffen. Für Bergstätt nichts Besonderes: Seit fünf Jahren fährt er stolz den autonom fahrenden Lastwagen, selbstverständlich mit Elektromotor.

Warum die gute Frau ihn interviewen will? Neben seinem Job als Lkw-Fahrer produziert und moderiert Bergstätt erfolgreich Podcasts, eine Art Radio, das nicht an bestimmte Sendezeiten gebunden ist. Der 50-Jährige sorgt mit seiner Arbeit dafür, dass seine Fahrer-Kollegen während der Arbeit gut unterhalten sind: mit Nachrichten, ausgesuchten Playlists oder Weiterbildungsprogrammen. Bergstätt passt sich damit dem aktuellen Trend an. Vor einem Jahr kapitulierten auch die letzten großen Radiosender in Deutschland. Die Menschen wollen individuell auf sie zugeschnittene Programme, mit Themen, die zu ihrem Alltag passen.

Viele Fahrer haben sich ein zweites Standbein aufgebaut

Die meisten Fahrer haben sich wie Bergstätt ein zweites Standbein aufgebaut. Viele üben während der Fahrt einen Bürojob aus. Andere sind zu regelrechten Fitnessgurus geworden, in ihren Lkw befinden sich Sportgeräte. Berg­stätts Kumpel Kai, ein etwas überdrehter Spinner, gibt während der Fahrt Live-Kurse. Andere Fahrer setzen ihre Virtual-Reality-(VR-)Brillen auf und beamen sich damit zumindest gedanklich in Kais rollendes Fitnessstudio, um während der Fahrt Sport zu treiben.

Mit diesen Brillen fühlt es sich so an, als würde man sich in dem Raum befinden, den die Technologie vor die Augen projiziert. Kollege Sven dagegen nimmt fünf Kids im Alter von drei bis sechs Jahren regelmäßig mit auf seine Touren in einem extra für diesen Zweck umgebauten Fahrzeug und bespaßt sie nebenbei. Dabei handelt es sich um den Nachwuchs einiger Fahrer seines Arbeitgebers, die keine andere Betreuungsmöglichkeit gefunden haben.

Mittlerweile ist die Redakteurin auf dem Speditionshof eingetroffen. Nach einem kurzen Smalltalk schwingt sie sich auf den Beifahrersitz, den Bergstätt extra für diesen Zweck eingebaut hat. Normalerweise befindet sich dort sein mobiles Aufnahmestudio. Er fährt selbst bis zur Autobahnauffahrt, dann übernimmt der Autopilot. Mit 80 Kilometern pro Stunde tuckern die beiden auf der rechten Spur dahin. An ihnen ziehen autonom fahrende Pkw vorbei. Bergstätt sieht lesende, telefonierende, schnatternde, schlafende, aber vor allem arbeitende Insassen.

Im Auto einfach nur Auto fahren? Unvorstellbar

"Unvorstellbar, dass Autofahrer vor 25 Jahren in Autos einfach nur Auto gefahren sind, oder?", meint die Redakteurin, die seinem Blick gefolgt ist. Bergstätt gibt ihr recht. Als gestern der VfB Stuttgart die Champions League gewonnen hatte, war er zwar auf Tour. Doch mithilfe seiner VR-Brille konnte er trotzdem etwas von der Live-Atmosphäre aufschnappen. Oder der Job als Betreiber seines eigenen Podcasts – den könnte er ohne Autopilot nicht ausüben.

"Wie läuft Ihr Alltag ab?", lautet die erste Frage der Journalistin. "Ich produziere Sendungen für meine Hörer, die größtenteils Fahrer sind – wie eine neue Form des Fahrerfunks", antwortet Bergstätt. "Außerdem liefere ich deutschlandweit Kunststoff für 3D-Drucker aus. Dabei handelt es sich um unproblematische Ware, sodass ich weniger Sicherheitsauflagen befolgen muss als Kollegen, die etwa Gefahrgut transportieren. Die dürfen sich während der Fahrt nur bedingt anderweitig beschäftigen."

"Für diese Kollegen sind Ihre Pod­casts also perfekt", bilanziert die Redakteurin. Bergstätt gibt ihr recht. Fahrer für Gefahrgut oder andere riskante Ware dürfen während der Fahrt nicht einmal ihre VR-Brillen anziehen, nur zum Be- und Entladen. Die ­Anweisungen, die dann vor den Augen der Fahrer aufploppen, helfen bei der korrekten Beladung. Ein Roboter prüft anschließend, ob alles richtig beladen wurde. Bergstätts Arbeitgeber besitzt fünf solcher Roboter. Nicht gerade viel bei einer Flotte von 200 Lkw, aber die Maschinen kosten immer noch eine Unsumme.

No-Smartphone-Areas und Tablet-freie Schulen

"Mich wundert es, dass in unserer heutigen Zeit, in der gefühlt alles digital und automatisch abläuft, die Leute so auf Ihren Podcast abfahren", führt die Redakteurin das Gespräch fort. "Zum einen ist es praktisch, zum anderen auch Teil der Gegenbewegung, die immer mehr Anhänger findet", meint Bergstätt. Er erinnert die Redakteurin an die "No-Smartphone-Areas", die mittlerweile fester Bestandteil nahezu jeder Großstadt sind. Oder an Eltern, die ihren Nachwuchs bewusst in Tablet-freie Schulen schicken.

Das Interview dauert noch ungefähr eine halbe Stunde, dann verebbt das Gespräch allmählich und die beiden lassen die Landschaft an sich vorüberziehen. Bergstätt beginnt jetzt mit seiner Arbeit. Auf der A 9 hat es einen Unfall gegeben, in den ein Lkw verwickelt ist – mittlerweile eine Seltenheit. Bergstätt schätzt die Anzahl von Lkw-Unfällen in Deutschland auf etwa 20 pro Jahr. Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es eben auch in Zeiten des autonomen Fahrens nicht. Gelegentlich versagt selbst die Maschine. Bergstätt setzt die VR-Brille auf und funkt seinen Kontaktmann bei der Polizei an. Dieser schaltet ihn in das Unfallgeschehen ein.

Vorsicht: Verirrter Elektrobike-Fahrer auf der Autobahn

Wie es aussieht, war ein verirrter Elektrobike-Fahrer auf der Autobahn unterwegs und zu weit in die Fahrspur geraten. Der Autopilot des Lastwagens hatte nicht rechtzeitig gebremst. Bergstätt sammelt Fakten, spricht mit dem geschockten Lkw-Fahrer und der Polizei. Zum Glück ist der Fahrradfahrer nicht lebensgefährlich verletzt.

Produzieren kann Bergstätt den Beitrag allerdings erst, wenn die Journalistin ausgestiegen und sein Studio wieder an Ort und Stelle ist. "Kein Problem, wir sind ja sowieso fertig", meint die Frau. Bergstätt lässt sie am nächsten Autohof aussteigen. Sie hält nach einem autonomen Sammeltaxi Ausschau und düst zurück. Währenddessen verfasst sie den Artikel für die Website. Bergstätt wiederum holt sein Equipment, setzt sich hinters Steuer und beginnt mit der Produktion seines Beitrags.

* Sämtliche Namen und Begebenheiten sind von der Autorin frei erfunden.

Franziska Niess

Datum

14. Juni 2017
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