Zuverlässig im Begegnungsverkehr Straße – Schiene – Straße

Nachhaltige Transportkonzepte
Von Straße zu Schiene zu Straße

Grenzüberschreitende Verkehre mit dem E-Lkw – warum Schaeffler Gruppe sein Ungarn-Konzept neu aufgesetzt hat und welche Rolle Elektrifizierung, Kosten und CO₂-Ziele dabei spielen.

Logistik Schmitt eActros
Foto: Logistik Schmitt

Nachhaltigkeit trifft Lieferkettenrealität

Nachhaltigkeit gehört zu den Zielen des Technologiekonzerns Schaeffler in der Logistik, neben Zuverlässigkeit und Wirtschaftlichkeit. Um alles drei zu erreichen, hat Schaeffler Automotive einen Teil seiner Transporte 2022 auf die Schiene gebracht – trans aktuell begleitet den Umstieg auf den Kombinierten Verkehr (KV). Jetzt sind die Teile wieder auf der Straße unterwegs, aber mit dem E-Lkw. Peter Egner, Vice President Supply Chain Management Logistics Automotive bei der Schaeffler Gruppe, erklärt aus Sicht des Verladers, warum.

"Bei den Transporten geht es um Produktionsteile wie Getriebeteile und Antriebskomponenten, die auch für die Elektromobilität gebraucht werden", sagt Peter Egner gegenüber trans aktuell. Mehrere Lkw schickt die Automotive-Sparte der Schaeffler-Gruppe werktäglich von ihrem badischen Standort Bühl auf die Reise. Ziel ist das Werk Szombathely in Westungarn beziehungsweise das Logistikzentrum im nahen Vép. Knapp die Hälfte der Lkw sind Rundläufer, haben also auch eine Rückladung. Per Diesel-Lkw bedeutete dies vor dem Jahr 2022 eine Laufzeit von 22 Stunden, ausgeführt durch die ungarische Spedition Domino mit einer Ein-Fahrer-Besatzung.

Das ursprüngliche Intermodal-Konzept

Mit Intermodaltransport waren die Teile laut Zeitplan 69 Stunden unterwegs:

  • Vorlauf per Lkw von Bühl nach Ludwigshafen, mit dem Zug nach Wels,
  • Umschlag und Zug nach Wien,
  • mit dem Lkw nach Szombathely und vice versa bei der Rückfahrt.

Ausschlaggebend für den Versuch im Kombinierten Verkehr (KV) waren vor allem die Aussichten, CO2 einzusparen: Mit kalkulierten 25 Tonnen Ladung lag beim Diesel-Lkw der Emissionsausstoß bei 1,5 Tonnen CO2. Mit dem Intermodalkonzept, so die Rechnung, würden mit Vor-, Haupt- und Nachlauf sowie drei KV-Kranvorgängen 0,7 Tonnen CO2 ausgestoßen werden. Für Schaeffler würde das eine Einsparung von 0,8 Tonnen CO2 pro Transportweg bedeuten.

Belinda Fotografie

Peter Egner, Vice President Supply Chain Management Logistics Automotive bei der Schaeffler Gruppe: Intermodal bleibt strategische Option.

Probleme auf dem Schienennetz

"Zwei Jahre haben wir die Transporte auf der Schiene durchgeführt, leider allzu oft mit Problemen", berichtet Peter Egner. "Die Terminalverladung lief immer gut, aber es gab hier und da einfach zu viele Störungen auf dem Schienennetz, sei es wegen Baustellen oder Umleitungen". Betroffen war demnach zumeist das deutsche Netz, während die Schienentransporte in Österreich fast ohne Beanstandungen blieben. Das führte laut Egner zu einer erheblichen Störung der Lieferkette. Den meisten Aufwand hatte dabei das Unternehmen Logistik Schmitt, das in Deutschland die Lkw-Transporte übernahm und daher die Störungsmeldung an Schaeffler weiterleiten und die Sendung weiter tracken musste.

Neue Option: Der E-Lkw im Begegnungsverkehr

"Mit der Einführung des eActros 600 kam dann bei Logistikpartner Schmitt der Gedanke auf, drei Monate lang mit einem Testfahrzeug die Strecke fahren zu lassen", sagt Egner. Für das erste Konzept habe die Spedition eine Streckenanalyse der fast 850 Kilometer langen Gesamtstrecke gemacht und die Lademöglichkeiten unterwegs untersucht. Auf dieser Basis wurden laut Egner zehn Testfahrten durchgeführt. Nach Erhalt der eigenen Fahrzeuge wurden dann laut Egner durch Schmitt weitere Konzepte erstellt, mit dem Ergebnis eines deutsch-ungarischen Begegnungsverkehrs. Das neue Transportkonzept wurde zusammen durch alle Partner verfeinert und erprobt und dann vertraglich fixiert. Seit Januar 2025 laufen die E-Lkw. Dabei wurde der definierten Ladepunkt, an dem der Tausch der Auflieger stattfindet, bewusst in Österreich gesucht, so dass Schmitt vom Heimatstandort bis zum Zwischenladen in München und von dort bis zum Begegnungspunkt nur jeweils In Österreich übernimmt die Spedition Domino den Auflieger, bisher wurden die restlichen 300 Kilometer bis zum Werk mit einem Dieselfahrzeug gefahren, Retour dann dasselbe Spiel. Nach einem Jahr ist inzwischen auch das ungarische Unternehmen mit einem E-Lkw unterwegs.

Wirtschaftlichkeit bleibt entscheidend

"Für uns heißt das, dass der Transport komplett CO2-Neutral und mit einer Frequenz von zehn Rundläufen pro Woche stattfindet", sagt Egner. Gelernt haben die Verantwortlichen bei der Umstellung des Konzeptes auch, sagt Egner: "Wir haben in der Testphase die Erkenntnis gewonnen, dass der Strompreis bei der Wahl des Trailer-Übergabepunktes unbedingt einzubeziehen ist." Aktuell sei der Einsatz der BEV "noch ein Tick teurer als Diesel, aber deutlich günstiger als der KV". Aber die Erfahrung habe gezeigt, dass immer Raum für Verbesserung gegeben sei. "Es steht fest, dass die Stromtarife künftig ein entscheidender Faktor für wirtschaftliche Transporte sind. Daher stellt sich die Frage, wie wir unseren Transport weiter so optimieren können, um letztendlich in den eigenen Hubs laden zu können", sagt Egner. So sei jetzt die ungarische Spedition Domino laut Egner auch dabei, in erneuerbare Energien zu investieren und das Thema bei eigenen Standorten umzusetzen. "Durch die Reichweiten-Verlängerung der letzten Jahre bietet die E-Mobilität erweiterte Möglichkeiten, die auch wir weiter nutzen wollen", sagt der Supply Chain-Experte.

Intermodal bleibt strategische Option

Das Thema Intermodal ist für ihn aber nicht vom Tisch: "Intermodalverkehre bieten sich weiter an, etwa verladen wir Seefrachtcontainer gerne auf den Zug. Auch wenn viel Tonnage zu transportieren ist, ist der Zug das bessere Transportmittel". Schaeffler prüfe ständig seine globalen Lieferketten, analysiere die Fortschritte in Richtung CO2-Blanz, aber auch die Optimierungs- und Kostensenkungsmöglichkeiten. Dafür werden Rahmenverträge immer wieder neu geprüft, aber auch mal Biofuel für Seefracht gewählt, was zwar teurer, aber bei ausgewählten Strecken sinnvoll sei, um gewisse interne Ziele zu erfüllen.

Nachhaltigkeit muss wettbewerbsfähig sein

Nachhaltigkeit nur um der Nachhaltigkeit willen ist laut Egner kein Thema. Auch, weil aktuell wegen Engpässen, Sonderthemen und Preissteigerungen sich vieles nicht durchgesetzt habe. "Nicht zuletzt ist bei vielen in der Wirtschaft noch nicht die durchgängige Bereitschaft dafür da, hierfür Mehrkosten zu bezahlen. Was bedeutet, dass Nachhaltigkeit noch wettbewerbsfähiger werden muss." Mit der E-Mobilität kann dies zumindest leichter erreicht werden.

Zuverlässige Begenungsverkehre nach Ungarn - die Sicht des Spediteurs

Herr Schmitt, wie liefen für Sie die Intermodaltransporte durch Schaeffler?

Rainer Schmitt: Insgesamt nicht zufriedenstellend, da rund 70 Prozent der Transporte nicht planmäßig waren. Zudem war das Gesamtsystem deutlich teurer – Vorlauf, Zugtransport, der Partner in Österreich und vieles mehr. Zusammengerechnet hat das die Kosten der Straße klar übertroffen.

Welche Richtung war kritischer – der Hin- oder der Rückweg?

Beides. Der Zug kam häufig verspätet, sodass wir Anschlüsse verpasst haben. Dadurch wurden unser Behältermanagement und die Abläufe durcheinandergeworfen. Außerdem entstanden Standzeiten und damit weitere Kosten.

Über welchen Zeitraum lief das Projekt?

Von September 2022 bis Januar 2025 sind wir im KV gefahren.

Fernfahrer Test Drive 2025
Thomas Kueppers

Spediteur Rainer Schmitt: zehn Testläufe bis zur Umsetzung des neuen Transportkonzeptes.

Warum wurde das Projekt schließlich beendet?

Weil wir alle keine Perspektive sahen, dass es sich bessert. Die Digitalisierung im KV ist leider katastrophal und Behälternummern-getrieben, sehr unflexibel, sehr bürokratisch. Unser Disponent ist daran fast verzweifelt.

Wer hat dann die Initiative zum Umstieg ergriffen?

Das kam von uns, als die ersten Actros 600-Prototypen von Daimler Truck herauskamen. Daher haben wir angefragt, ob wir damit auch nach Ungarn fahren können. Und daraus entstand die Idee, komplett auf E-Lkw umzustellen.

Seit wann fahren Sie auf der Strecke komplett elektrisch?

Im Januar 2025 wurde umgestellt. Wir waren mit die ersten, die überhaupt mit dem E-Lkw international unterwegs waren.

Wie regeln Sie das Laden auf der Strecke?

Wir nutzen die maximale Fahrzeit aus und treffen uns auf einem Wechselplatz in St. Valentin bei Linz. Dort können die Fahrer pausieren und laden. Ein Lkw kommt aus Bühl, einer aus Ungarn, die Trailer werden getauscht und jeder fährt wieder zurück. Morgens zwischen 4 und 6 Uhr kommt der Österreich-Rückläufer bei uns im Depot in Bietigheim an und wird dort vollgeladen. Gegen 18 Uhr startet der Fahrer wieder Richtung Bühl, dann über München-Garching zum Zwischenladen, und weiter nach St. Valentin. Dort wird der Trailer getauscht und das Fahrzeug geladen. Das funktioniert inzwischen zuverlässig.

Laden Sie öffentlich oder privat?

Unterwegs noch öffentlich. Wir zahlen dort etwa 40 bis 42 Cent/kWh netto. Wir suchen aber aktiv Partner, um Richtung 30 Cent zu kommen – diese 10 Cent Unterschied machen im Fernverkehr enorm viel aus.

Gibt es Lade-Engpässe?

Ja, an stark frequentierten Standorten wie in Garching. Mittlerweile sind dort viele E-Lkw unterwegs, wodurch Ladepunkte zeitweise blockiert sind.

Zur Person

  • Rainer Schmitt ist geschäftsführender Gesellschafter von Logistik Schmitt aus dem badischen Bietigheim.

  • Das Unternehmen hat rund 390 Mitarbeiter, Schwerpunkte sind Transport- und Kontraktlogistik.