Ein Trostpreis hat immer einen unangenehmen Beigeschmack. Er besagt ja, dass man am großen Ziel, etwas zu gewinnen, gescheitert ist. Ob deutlich oder knapp, ändert an der eigentlichen Tatsache nichts. Trotzdem hätten sich nach dem fünften Rennen der aktuellen FIA-Truck-Racing-EM auf der Strecke im belgischen Zolder zwei Akteure einen Sonder- oder Trostpreis redlich verdient: Einmal Sascha Lenz und einmal José-Eduardo Rodrigues. Denn diesem Duo gelang das Kunststück, Seriensieger Norbert Kiss die einzigen Niederlagen dieses Wochenendes beizufügen. Wobei „Niederlagen“ ein viel zu großes Wort ist angesichts der zu vermeldenden Erfolge von Lenz und Rodrigues.
Schnellste Runden und Etappensiege: Trostpreise für Rodrigues und Sascha Lenz
Letzterer fuhr im dritten Championship-Race die schnellste Rennrunde, was üblicherweise eine Randnotiz bleibt, die auf den Ergebnislisten vermerkt wird. Wenn man den Wettkampf nicht gewonnen hat, interessiert das außer dem Fahrer und seinem Renningenieur kaum jemanden. Rodrigues war in diesem Lauf als Vierter über den Zielstrich gedonnert. Sascha Lenz bekam für seinen Erfolg immerhin einen schönen Pokal: Er hatte das zweite Rennen am späten Samstagnachmittag gewonnen, in dem auch die schnellste Rundenzeit unter Rennbedingungen auf sein Konto ging. Das Podium mit Lenz on top war übrigens eine rein deutsche Angelegenheit mit René Reinert als Zweit- und Jochen Hahn als Drittplatziertem.
Dominanz in Zolder: Norbert Kiss gewinnt drei von vier ETRC-Läufen
Damit wären bereits alle Ergebnisse des Wochenendes aufgelistet, bei denen sich Norbert Kiss nicht als Erster oder Schnellster in Szene gesetzt hätte. Der Ungar dominierte die beiden freien Trainingseinheiten, das Warm-up am Samstag und das am Sonntag, die beiden Qualifyings und gewann drei der vier Championship-Rennen. Nur der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass natürlich die beiden anderen schnellsten Rennrunden auch auf das Konto des Dauersiegers gingen.
Dessen Appetit auf Siege scheint ungezügelt. Inzwischen kennt man die Klassenunterschiede zwischen Kiss und dem Rest des Feldes zur Genüge, und die Frage, wer es als Erster schafft, in einem Qualifying schneller als er zu sein, zündet auch nicht mehr richtig. Die Wahrscheinlichkeit, dass das passiert, geht gegen null. Die von außen betrachtet spielerische Leichtigkeit, mit der der Rekordchampion das Feld dominiert, war einmal mehr am Sonntag zu beobachten: Race 3 gewann Kiss von der Pole aus nach zwölf Runden auf teils nassem Asphalt mit siebeneinhalb Sekunden (!) Vorsprung vor Antonio Albacete. Und im abschließenden Lauf benötigte er nur eine Handvoll Umläufe, um vom achten Startplatz an die Spitze zu stürmen. Sascha Lenz kam als Zweiter fünfeinhalb Sekunden später an der schwarz-weiß-karierten Flagge vorbei. Das Ganze wohlgemerkt bei widrigsten Witterungsbedingungen!
Fahrerisches Können und makellose Technik: Warum Kiss unschlagbar bleibt
Das Können des Fahrers wird durch eine geradezu unheimliche Perfektion der Technik ergänzt. Anderen bricht der Schaltstock ab, kündigt der Motor das Ende seiner Arbeit auf dem Weg zum Vorstart an (daher verpasste Jochen Hahn Race 3) oder kosten die berüchtigten „Fünf-Cent-Teile“ wertvolle Punkte – nicht bei Kiss, der bisher bei allen zwanzig Championship-Rennen Punkte einfuhr. Beim Auftakt in Misano reichte es im dritten Lauf trotz eines technischen Problems noch für sechs Zähler. Für das Malheur entschädigte sich der Souverän am darauffolgenden Wochenende mit einem Full House. Die drei anderen Termine schloss er mit identischer Punktzahl ab und schaufelte jeweils 57 Punkte auf sein Konto.
Kampf um die Plätze: Zweikampf zwischen Hahn und Albacete um den Verfolger-Thron
Macht unter dem Strich einen Vorsprung von 105 Zählern auf Sascha Lenz, der sich in diesem Jahr wieder in der Spitze etabliert hat und den zweiten Rang mit etwas Glück auch in den beiden ausstehenden Runden verteidigen kann. Ausgesprochen spannend wird zum Ende hin das Duell zwischen Jochen Hahn und Antonio Albacete: Die beiden trennt gerade einmal ein Punkt. Der ungeplante Ausfall Hahns kurz vor dem ersten Sonntagsrennen könnte sich für ihn noch unangenehm bemerkbar machen. Der vierte Platz in der Gesamtwertung ist für Hahn jedenfalls ungewohntes Terrain.
Nach den beiden Ex-Champions klafft wieder eine größere Lücke, danach folgt ein ähnlich spannendes Duell zwischen Steffi Halm, letztes Jahr noch EM-Dritte, und José-Eduardo Rodrigues, der mit drei Punkten Vorsprung auf dem fünften Platz liegt. Während das Quartett auf den Rängen zwei bis sechs möglicherweise noch bis zum allerletzten Lauf rechnen (und/oder zittern) muss, kann Kiss seinen nächsten Titelgewinn wohl schon am übernächsten Wochenende in Le Mans feiern. Vielleicht schon am Samstag nach dem ersten Rennen – es wäre keine große Überraschung.







